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WAGNER, RICHARD * Leipzig 22. Mai 1813 | † Venedig 13. Febr. 1883; Komponist

Wagners erster Kontakt mit dem Mittelrhein bestand darin, dass er 1830 dem Verlag B. Schott’s Söhne in Mainz seinen Klavierauszug von Beethovens IX. Sinfonie (WWV 9) anbot. An den Mittelrhein selbst kam er zuerst 1835; eine Reise zur Anwerbung von Personal für das Theater in Magdeburg führte ihn nach Frankfurt, wo er auch mit den Aufzeichnungen zu seiner Autobiographie begann und den Kapellmeister Carl Guhr erlebte, den er noch 1869 in seiner Schrift Über das Dirigiren rühmte. Den Rhein sah er erstmals bei seiner Rückkehr von Paris nach Deutschland 1842, vermutlich bei Mainz: „mit hellen Thränen im Auge schwur ich armer Künstler meinem Deutschen Vaterlande ewige Treue“ (Autobiographische Skizze, in: Zeitung für die elegante Welt 8. Febr. 1843, S. 139). Dem nächsten Besuch am Mittelrhein ging die neuerliche Aufnahme der Beziehungen zum Mainzer Schott-Verlag 1859 voraus. Das erste Werk, das Schott übernahm, war Das Rheingold. Schott war fortan Wagners Hausverlag, in dem nahezu alle ab 1859 entstandenen Kompositionen verlegt wurden. Wagner kam im August 1860 von Paris über Köln und Koblenz nach Bad Soden, um seine Frau Minna in ihrer Kur zu besuchen (was sich 1861 wiederholte). Weitere Stationen in diesem Sommer waren Frankfurt und Darmstadt, wo Wagner mit dem Kapellmeister Louis Schindelmeisser, einem Freund aus Leipziger Tagen, zusammentraf. Anschließend unternahm er mit seiner Frau eine Dampfschifffahrt auf dem Rhein von Mannheim nach Köln, vermutlich auch ein Zeichen seiner Zugehörigkeit zum Kreis der deutschen Romantiker, für die eine Rheinfahrt gleichsam obligatorisch war.

Enger wurde die Beziehung zum Mittelrhein 1861/62. Am 1. Dezember 1861 kam Wagner nach Mainz, eigens um am folgenden Tag im Hause Schott den gerade erst verfassten Prosaentwurf zu Die Meistersinger von Nürnberg vorzulesen. Wagner brauchte Geld, und es galt, seinen Verleger Franz Schott von dem neuen Werk so zu überzeugen, dass dieser bereit war, die von Wagner erwarteten Vorschüsse zu zahlen. Dank Wagners suggestiver Kunst des Vortrags gelang das wie gewünscht. Ursprünglich wollte Wagner das Werk in Paris ausführen, und das Textbuch wurde auch dort geschrieben, doch dann musste er sein Pariser Domizil aufgeben, weshalb er auf die schon im Dezember 1861 erwogene Idee zurückkam, sich in der Nähe seines Verlegers anzusiedeln. Das war pragmatisch gedacht; denn das Ziel war, die Partitur des neuen Werks bis Mitte Oktober 1862 nicht nur zu komponieren, sondern auch für den Vertrieb fertigzustellen, wozu die Nähe des Autors zum Verlagshaus selbstverständlich nur von Vorteil sein konnte. Am 5. Februar 1862 trug Wagner bei Franz Schott den Meistersinger-Text vor, dabei anwesend auch der aus Osthofen gebürtige Komponist und Dirigent Wendelin →Weißheimer sowie Peter →Cornelius, der eigens dazu aus Wien angereist war. Da Wagner „daran gelegen war, einsam und namentlich von jeder Möglichkeit eines unmusikalischen Geräusches fern zu wohnen“ (Mein Leben, S. 693), kamen Mainz und Wiesbaden als Wohnorte nicht in Frage. Wagner entschied sich daher für das zwischen beiden Städten auf der rechten Rheinseite gelegene Biebrich, wo er ab 15. Februar 1862 eine Wohnung im Hause des Architekten und Ingenieurs Wilhelm Frickhöffer mietete (heute Rheingaustraße 137). Vom Balkon im ersten Obergeschoss schaute man auf Mainz, und dieser „prachtvolle Anblick des ,goldenenʻ Mainz mit dem vor ihm dahinströmenden majestätischen Rhein“ (Mein Leben, S. 697) führte zur Niederschrift des Vorspiels zu den Meistersingern (13.–20. April 1862). Die weitere Komposition schloss sich an. Wagner war derart im Schaffensrausch, dass er Weißheimer, der ihn regelmäßig besuchte, einmal mit den Worten abwehrte: „Stören Sie mich jetzt nicht – ich bin in Brunst!“ (Weißheimer, S. 109). Das hielt allerdings nicht lange an. Laut Plan sollten die gesamten Meistersinger in Biebrich entstehen, im „Biberbau“, wie Wagner die Wohnung nannte (s. Sämtliche Briefe Bd. 14, S. 258). Doch er hatte sich wie schon zuvor beim Tristan verrechnet – die Arbeit ging ihm nicht wie gewollt von der Hand, so dass er in der Komposition nur bis zu der Szene gelangte, „in welcher Pogner Walther von Stolzing den Meistersingern vorstellen will“ (Mein Leben, S. 710); in der Partitur kam er sogar nur bis 1. Szene Vers 67 „Ein Werbgesang? Vor Wettgericht.“ Ein Hundebiss in die rechte Hand machte ihn Ende Juli 1862 sogar auch physisch unfähig, an Komposition und Partitur weiterzuschreiben. Immerhin hatte er im „Biberbau“ an seinem 49. Geburtstag (22. Mai 1862) die erste Skizze zum Vorspiel zum 3. Akt aufgezeichnet, und im Oktober 1862 schrieb er dort als Vorabinstrumentation das Konzertstück Versammlung der Meistersingerzunft und Pogners Ansprache (1. Akt, 3. Szene, Beginn), gedacht für seine Konzerttournee im Winter 1862/63. Diese wurde nötig, weil Franz Schott angesichts des stockenden Fortschritts an den Meistersingern nicht bereit war, weitere Vorschüsse zu zahlen. Wagner musste sich also nach anderen Geldquellen umsehen, und auch wenn ihn Weißheimer und dessen Vater finanziell unterstützten, reichte das offensichtlich nicht aus. Es war am Ende Wagners notorische Geldnot, die ihn vom Mittelrhein vertrieb; denn er fühlte sich dort wohl und erwog sogar, sich auf „Lebenszeit“ (Mein Leben, S. 697) dort niederzulassen. Er suchte in Bingen, bemühte sich bei Adolf Herzog von Nassau, bei Artur Graf Schönborn im Rheingau und bei seinen Mäzenen Pauline und Richard Fürsten von Metternich auf Schloss Johannisberg; bis Mai 1863 verfolgte er sogar den Plan, am Mittelrhein ein eigenes Haus zu bauen. Bei all dem dürfte die Mainzerin Mathilde Maier (1834–1910) eine ausschlaggebende Rolle gespielt haben; Weißheimer kannte ihre Familie aus Osthofen, wo Vater Maier als Notar tätig gewesen war, und machte „Schönmathildchen“ (Weißheimer, S. 92) im Hause Schott mit Wagner bekannt, der sich in sie verliebte. Möglicherweise hätte sie Wagner geheiratet, doch Wagner scheute die Scheidung von seiner Frau Minna, obwohl er inzwischen getrennt von ihr lebte, und Mathilde Maier war nicht bereit, sich auf eine bloße Liaison mit Wagner einzulassen. Wagners Liebe zu ihr trat erst in den Hintergrund, als seine Beziehung zu Cosima von Bülow, die er später nach ihrer Scheidung von Hans von Bülow heiratete, Ende November 1863 begann.

Der Sommer 1862 in Biebrich galt nicht allein der Komposition der Meistersinger, sondern auch dem Studium des Tristan mit dem Sängerehepaar Ludwig und Malwina Schnorr von Carolsfeld und Hans von Bülow am Klavier, es waren gleichsam die ersten Proben vor der Uraufführung, die die drei Genannten allerdings erst drei Jahre später, 1865 in München, bestritten. Außerdem wurden Teile aus dem Ring des Nibelungen durchgenommen, darunter Siegfrieds Schmiedelieder aus Siegfried. Dabei „excellierte“ Wagner in der Rolle des Mime mit „himmelschreiendem Falsett“ (Weißheimer, S. 119). Aus heutiger Sicht ein Höhepunkt war die Uraufführung der Wesendonck-Lieder am 30. Juli 1862 in der Sommervilla Franz Schotts in Laubenheim mit der Sopranistin Emilie Genast und Hans von Bülow. Am gleichen Tage erklang, auch dies eine Art Uraufführung, eine vierhändige Klavierfassung des Meistersinger-Vorspiels, arrangiert von Weißheimer und gespielt vom Arrangeur und Bülow. Die Uraufführung der Orchesterfassung am 1. November 1862 im Leipziger Gewandhaus, geleitet von Wagner, fand im Rahmen eines Konzertes mit Werken Weißheimers statt. Wagner unternahm im Sommer 1862 diverse Ausflüge (Rüdesheim, Bingen, Rolandseck, Drachenfels, Schlangenbad, Wiesbadener Spielbank, Familie Weißheimer in der Steinmühle in Osthofen), und er besuchte diverse Theateraufführungen in Frankfurt (Goethes Tasso am 28. August, Goethes Geburtstag), Darmstadt (Rienzi, mit Albert Niemann), Mainz (Offenbach, Orfée en enfers, dirigiert von Weißheimer) und Wiesbaden (Lohengrin). Auch trat Wagner als Dirigent auf. Nach achttägigen Proben leitete er am 12. September 1862 in Frankfurt erstmals selbst den Lohengrin (eine zweite Aufführung folgte am 17. September). Unter den Personen, die Wagner in dieser Zeit kennenlernte, waren der aus Usingen stammende Geiger August Wilhelmj, 1876 Konzertmeister im Bayreuther Festspielorchester, sowie der Komponist Joachim Raff, der in Wiesbaden lebte und später in Wagners Auftrag dessen Huldigungsmarsch für Ludwig II. von Bayern (WWV 97) für Sinfonieorchester bearbeitete. In Biebrich wurde auch eines der Ölportraits Wagners begonnen. Der Maler Cäsar Willich hatte dabei große Schwierigkeiten, denn: „Herr Wagner macht ja jeden Tag ein andres Gesicht!“ (Weißheimer, S. 128).

Wagners Zeit am Mittelrhein endete bei Lichte besehen am 29. Oktober 1862, als er sich auf seine Konzerttournee begab. Zwar kehrte er im Februar 1863 nochmals nach Biebrich zurück, da ihm sein Vermieter Frickhöffer die Wohnung gekündigt hatte, und er einen Ersatz brauchte, doch seine Orientierung tendierte nach Wien, wo der Tristan endlich zur Aufführung kommen sollte, und nach Russland, wo mit Konzerten viel Geld zu verdienen war. So kam es, dass Wagner nur noch einmal, am 26. November 1863, zu Gast bei Mathilde Maier in Mainz war. Das Gebiet des Mittelrheins betrat er erst wieder 1871/72. Am 13. Mai 1871 traf er den Bühnenmeister Karl Brandt in Darmstadt, mit dem er sich über die technische Einrichtung des Bayreuther Festspielhauses beriet. Brandt war 1876 für die technische Ausführung der ersten Bayreuther Festspiele (Der Ring des Nibelungen) verantwortlich, ein Amt, das nach seinem Tod 1881 für die ersten Parsifal-Aufführungen 1882 sein Sohn Fritz übernahm. Nach Mannheimer Vorbild konstituierten sich 1872 in Darmstadt, Frankfurt und Mainz Richard-Wagner-Vereine (in Wiesbaden erst 1897), deren vornehmliche Aufgabe in der finanziellen Unterstützung der Bayreuther Festspiele bestand; 1874 kam in Mainz ein Frauen-Wagner-Verein hinzu. Im November 1872 reiste Wagner im Zuge seiner Suche nach geeigneten Sängerinnen und Sängern für seine Festspiele nach Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Mainz. 1875 fanden in Bayreuth die ersten Proben zum Ring statt, an denen sich auch der in Mainz engagierte Dirigent und Pianist Franz Mannstaedt mit großem Enthusiasmus beteiligte. Bei den Festspielen 1876 sangen der aus Mainz gebürtige Franz Betz den Wotan und der aus Idstein stammende Karl Hill den Alberich. Weitere Sängerinnen, Sänger und Musiker aus den Theatern und Orchestern am Mittelrhein waren: Christian Engel (Klarinette/Bassklarinette), Darmstadt (1876/1882); Louise Jaide (Erda, Waltraute), Darmstadt (1876); Julius Kniese (Solorepetitor), Frankfurt (1882); Philipp Krenz (Horn), Darmstadt (1876); Gottfried Lang (Chor-Tenor), Darmstadt (1882); Emil Mahr (Violine), Wiesbaden (1876); Edmund Neumann (Horn), Darmstadt (1876); Joseph Niering (Hunding), Darmstadt (1876); Franz von Reichenberg (Fafner), Frankfurt (1876); Louis Schie (Chor-Tenor), Darmstadt (1882); Gustav Siehr (Hagen), Wiesbaden (1876); Heinrich Wahl (Violine), Darmstadt (1876/1882); August Wiedemann (Harfe), Darmstadt (1882); August Wilhelmj (Violine), Wiesbaden (1876); Pius Zapf (Chor-Tenor), Darmstadt (1882).

Wagner passierte Mainz ein letztes Mal auf seiner Konzertreise nach London 1877. Nach seiner Rückkehr ging er zur Erholung nach Bad Ems, wo er vom 5. Juni bis zum 5. Juli in der Villa Diana wohnte. Den Klavierauszug zur IX. Sinfonie, im Hause Schott wohlaufbewahrt, erhielt Wagner 1872 zurück; zum Dank widmete er Betty Schott das Albumblatt WWV 108.

Quellen — Richard Wagner, (Autobiographische Skizze), in: Zeitung für die elegante Welt 1. Febr. 1842, S. 114–119; 8. Febr. 1843, S. 135–139 <> Richard Wagner, Mein Leben, hrsg. von Martin Gregor-Dellin, München 1969 <> Richard Wagner, Sämtliche Briefe Bd. 1, hrsg. von Gertrud Strobel und Werner Wolf, Leipzig 1967 <> Richard Wagner, Sämtliche Briefe Bd. 14, hrsg. von Andreas Mielke, Wiesbaden u. a. 2002 <> Richard Wagner an Mathilde Maier (1862–1878), hrsg. von Hans Scholz, Leipzig 1930 <> Richard Wagners Briefwechsel mit B. Schott’s Söhne, hrsg. von Wilhelm Altmann, Mainz 1911 <> Wendelin Weißheimer, Erlebnisse mit Richard Wagner, Franz Liszt und vielen anderen Zeitgenossen nebst deren Briefen, Stuttgart/Leipzig 21898 <> Didaskalia 28. Nov. 1873 (betr. Wagner-Frauen-Verein in Mainz)

Literatur und Referenzwerke — Ludwig Strecker, Richard Wagner als Verlagsgefährte, Mainz 1951 <> John Deathridge, Martin Geck, Egon Voss, Wagner-Werk-Verzeichnis (WWV). Verzeichnis der musikalischen Werke Richard Wagners und ihrer Quellen, Mainz u. a. 1986 <> Eckart Kröplin, Richard Wagner-Chronik, Stuttgart 2016 <> „Ganz – oder gar nicht!“ Richard Wagner und sein Werk in Darmstadt. Zum 200. Geburtstag des Komponisten am 22. Mai 2013, hrsg. von Ursula Kramer, Darmstadt 2013 <> Wagner-Perspektiven. Referate der Mainzer Ringvorlesung zum Richard-Wagner-Jahr 2013, hrsg. von Axel Beer und Ursula Kramer, Mainz 2015

Abbildung 1: Richard Wagner nach dem Öl-Portrait von Cäsar Willich (ca. 1862); D-LEsm (digital)

Abbildung 2: Modell der Schott-Villa in Laubenheim; D-MZsch (Foto von Kristina Krämer, mit freundlicher Genehmigung von Schott Music)

Abbildung 3: Bad Ems. Tages-Liste der neu angekommenen Kurgäste und Durchgereisten, 8. Juni 1877 (Ausschnitt)

Abbildung 4: Titelseite des Betty Schott gewidmeten Albumblatts (WWV 108) mit Detailvergrößerung; US-COu (digital)


Egon Voss

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