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WILHELMJ, AUGUST (EMIL DANIEL FERDINAND VIKTOR) * Usingen 21. Sept. 1845 | † London 22. Jan. 1908; Violinist und Komponist

Wilhelmjs Vater August Wilhelm (1813–1910), seit 1850 in Wiesbaden zunächst als Obergerichtsanwalt und später als überregional bekannter Weinhändler ansässig, in dessen musikliebendem Haus (er spielte selbst Violine; seine Frau Charlotte Friederike Emilie geb. Petry war Schülerin von Johann Anton André) u. a. Richard Wagner verkehrte, zeigte für die Begabung seines Sohns August tätiges Verständnis, gestattete ihm, die Schule abzubrechen, und sorgte für seine musikalische Ausbildung. Nach dem (von Franz Liszt empfohlenen) Studium am Leipziger Konservatorium (u. a. bei Ferdinand David) in den Jahren 1861 bis 1864 und Kompositionsunterricht bei Joseph Joachim Raff in Wiesbaden begann Wilhelmj, u. a. begleitet von dem Pianisten Rudolph Niemann, eine sich über etliche Jahre erstreckende Reisetätigkeit als Geiger, die ihn kreuz und quer durch Deutschland, aber auch (teils mehrfach) nach England, Frankreich, Belgien, in die Niederlande, die Schweiz, nach Italien und Russland, zwischen 1879 und 1882 auch nach Übersee (Nord- und Südamerika, Australien) führte. Fast jährlich unterbrach er seine Tourneen für längere Aufenthalte in der Rhein-Main-Region und trat seit 1865 in zahlreichen Konzerten vor allem in Wiesbaden (zuletzt 1903) – sein Plan, dort „violinhistorische Soiréen“ (NZfM 1. Sept. 1865) zu installieren, blieb weitgehend unausgeführt – sowie in Darmstadt, Frankfurt, Bad Homburg und Mainz (nicht nur hier wurden ihm „ganz stürmische Ovationen“ entgegengebracht; Musikalisches Wochenblatt 12. Mai 1871) öffentlich auf. Im Oktober 1885 eröffnete er auf seinem Anwesen in Biebrich (Mosbach) eine Hochschule für Geigenspiel, die einen „höchst eleganten“ Konzertsaal für bis zu 150 Besucher besaß und als Internat für „begabte Künstjünger“ aus aller Welt diente (Preßburger Zeitung). Während noch zum Eröffungskonzert die Bereitstellung eines Sonderzugs erforderlich gewesen war, scheint dem Projekt kein anhaltender Erfolg beschieden gewesen zu sein: Schon 1887 ging Wilhelmj erneut regelmäßig auf ausgedehnte Konzertreisen; u. a. ließ er sich am Hof des Sultans in Konstantinopel hören. 1893 siedelte er nach London über, wo er an der Guildhall School of Music unterrichtete. Wilhelmj, der bereits 1867 von der russischen Großfürstin Helene zum Kammervirtuosen ernannt worden war (Süddeutsche Musikzeitung 23. Dez. 1867), wurde 1871 von Herzog Adolph von Nassau mit dem Professorentitel ausgezeichnet (Neue Berlinische Musikzeitung 24. Mai 1871). Die Bestände des nach dem Tod des Künstlers in Usingen eingerichteten Wilhelmj-Archivs gingen später an das dortige Stadtmuseum über.

Wilhelmjs Sohn und Schüler Adolf (Franz) (* Wiesbaden 31. März 1871 | † ebd. 20. März 1916) arbeitete seit 1894 in Mainz sowie seit 1896 in Halle/S. als Violinlehrer, bevor er sich (nach einer Konzertreise, die ihn u. a. nach Wien führte) in Belfast (1897) und schließlich in Dublin (1899) niederließ, wo er als Konzertmeister der Orchestral Society sowie als Lehrer der Royal Academy of Music tätig war.

Werke — Fantasien, Bearbeitungen u. ä. (Vl., Orch./Kl.), Lieder (s. a. MMB, Pazdírek, RISMonline) <> bei Schott in Mainz erschienen: Fantasiestück (Vl., Orch./Kl.), [1877/78]; D-Hu, D-TROb, GB-Lbl <> Walther’s Preislied. Paraphrase (Vl., Orch./Kl.), [1878 bzw. 1890]; A-Wn, CH-Zz, D-Dl (Abschrift), D-Mbs, D-MZs, SK-BRnm <> Einleitung, Thema und Variationen über Themen Paganinis (Vl., Orch./Kl.) mit Widmung an Liszt, [1884]; D-Dl, GB-Lbl <> Parsifal-Paraphrase (Vl., Orch./Kl.), [1884 bzw. 1889]; A-Wmk, D-KNh, D-Mbs <> Siegfried-Paraphrase (Vl., Orch./Kl.) [1884]; D-KNh, D-Mbs, D-SWl, D-WIl, GB-Lam <> Improvisation über Raff’s „Liebesfee“ (Vl., Kl.), [1885]; GB-Lbl

Quellen — KB Usingen <> NN, A. Wilhelmj beim Sultan sowie A. Wilhelmj’s Hochschule für Geigenspiel, in: Preßburger Zeitung 27. Jan. 1887, S. 1–2 <> Alfred Möglich, August Wilhelmj und Wiesbaden. Ein Erinnerungsblatt zur Beisetzung des Meisters auf dem alten Friedhof, in: Wiesbadener Tagblatt 31. Jan. 1908, S. 1–3 <> Wiesbadener Tagblatt 23. Jan. 1908 (Nekrolog August Wilhelmj), 19. Nov. 1910 (Nekrolog August Wilhelm Wilhelmj) <> NN, Aus August Wilhelmjs Leben, in: Neue Musik-Zeitung (Stuttgart) 1910, Heft 24, S. 498–499 <> Wiesbadener Neueste Nachrichten 13. Aug. 1915 (betr. Wilhelmj-Archiv) <> weiterhin zahlreiche Notizen und Berichte in Fachblättern (u. a. Berlinische Musikalische Zeitung, Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung, Musikalisches Wochenblatt, Neue Berliner Musikzeitung, NZfM, Signale für die musikalische Welt, Süddeutsche Musik-Zeitung) sowie in der regionalen Tages- und Unterhaltungspresse (u. a. Wiesbadener Presse, Didaskalia, Mainzer Journal) <> Walter Niemann, Mein Leben fürs Klavier. Rückblicke und Ausblicke (Typoskript 1952), hrsg. von Gerhard Helzel, Düsseldorf 2008 <> MMB <> zu Adolf Wilhelmj: I. Julian Grande, Herr Adolf Wilhelmj, in: The Violin Times Jan. 1903, S. 9–10 <> Wiesbadener General-Anzeiger 19. Sept. 1894, 3. Mai 1896; Pester Lloyd 26. Febr. 1897; Signale für die musikalische Welt 25. Jan. 1898; Hochheimer Stadtanzeiger 22. März 1916; Wiesbadener Neueste Nachrichten 29. März 1916

Literatur — Fabian Kolb, Art. Wilhelmj in: MGG2P <> Mareike Beckmann, August Wilhelmj. Der deutsche Paganini?, Frankfurt/M. 2019 (dort weitere Literaturangaben)

Abbildung 1: autographe Notiz Wilhelmjs auf einem Umschlagblatt seiner Polonaise (Vl., Orch./Kl.; Berlin: Schlesinger [Neuauflage 1892]), gerichtet an den nachmaligen (seit 1899) Koblenzer Konzertmeister Franz Sagebiel (1869–1961) möglicherweise im Zusammenhang mit dessen Auftritten in Hamburg (1894) oder Leipzig (1897); D-KWbeer

Abbildung 2: Gedenkstein auf dem Wiesbadener Nordfriedhof (Abt. 8), aufgenommen von Kristina Krämer im Dezember 2018


Axel Beer und Gudula Schütz

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