niemann

NIEMANN, RUDOLPH (FRIEDRICH) * Wesselburen (Kreis Dithmarschen) 4. Dez. 1838 | † Wiesbaden 3. (nicht 4. bzw. 14.) Mai 1898; Pianist, Komponist und Klavierlehrer

Rudolph Niemann, Sohn des Organisten Johann Claussen N. (1806–1876), studierte nach erstem Unterricht (Orgel, Klavier, Violine) beim Vater 1853–1856 Klavier und Komposition am Leipziger Konservatorium (u. a. bei Ignaz Moscheles und Julius Rietz) sowie 1857/58 in Paris (bei Antoine-François Marmontel, Jacques Fromental Halévy) und vervollkommnete sich in Berlin bei Hans von Bülow, Theodor Kullak und Friedrich Kiel. „Es folgte eine reichgesegnete, fast zwanzigjährige Lehr- und Kompositionstätigkeit in Hamburg, die glücklichste Zeit auf seiner Lebensbahn.“ (W. Niemann, Charakterköpfe, S. 216). 1873/74 begab sich Niemann mit August Wilhelmj als dessen Klavierbegleiter erstmals auf eine längere Konzertreise, der 1883/84 eine weitere Tournee folgte. Offenbar war es Wilhelmjs Plan, das Reisen aufzugeben und in seiner Biebricher Villa eine Hochschule für Violinspiel einzurichten, geschuldet, dass Niemann 1884 mit seiner Frau, der Organistentochter Emilie geb. Peers (* Tönning (Kreis Nordfriesland) 18. März 1838 | † Leipzig 14. Sept. 1904), und den Kindern Elisabeth und Walter (s. u.) von Hamburg an den Rhein übersiedelte. Der Hochschule, an deren Leitung Niemann wohl beteiligt war (vgl. Wiesbadener General-Anzeiger 24. Jan. 1908), scheint indes kein durchschlagender Erfolg beschieden gewesen zu sein; jedenfalls gingen Wilhelmj und sein Klavierbegleiter zwischen 1886 und 1893 wieder auf Konzertreisen durch halb Europa bis nach Konstantinopel. Niemann agierte hierbei stets auch als Solist (u. a. mit Werken von Schumann, Liszt, Beethoven), was die Kritik – wenngleich beiläufig – zumeist nicht vergaß, lobend zu erwähnen. Von seinen eigenen Kompositionen wurde insbesondere die Gavotte op. 16 „überall mit dem ungewöhnlichsten Beifall aufgenommen“ (Musikalisches Wochenblatt 5. Nov. 1875). 1887 beteiligte sich Niemann als Mitherausgeber an der von seinem Hamburger Freund und Verleger Hugo Pohle initiierten Ausgabenreihe der Schumannschen Kammermusikwerke mit Klavier.

Nachdem August Wilhelmj 1893 nach London übergesiedelt war, versuchte Niemann sich als Konzertpianist sowie als Klavierlehrer mit Privatschülern und, seit 1895, auch am Wiesbadener Konservatorium für Musik eine selbständige Karriere aufzubauen. Der Wechsel seiner künstlerischen Vertretung von Mäurers int. Bureau für ausübende Kunst in Wiesbaden zur Concert-Vertretung Hermann Wolff in Berlin, seine Inserate als „Clavier-Virtuose, vieljähriger Partner der ‚August Wilhelmj-Concerte‘“ (Signale für die musikalische Welt Nr. 52, Okt. 1894) bzw. sein Unterrichtsanerbieten in der Kurstadt, wo er sich nach „langjährigen gemeinschaftlichen Reisen mit Professor August Wilhelmj“ nunmehr niedergelassen hatte (Wiesbadener Bade-Blatt 21. Jan. 1894 und passim), zeigen freilich ebenso wie der Versuch, jetzt mit Wilhelmjs Sohn Adolf an vergangene Erfolge anzuknüpfen (Wiesbadener General-Anzeiger 13. Sept. 1894), wie schwer es ihm fiel, aus dem Schatten des „Geigerkönigs“ herauszutreten. Niemanns Sohn Walter, der seinen Vater als „unvergeßlichen Meisterspieler der Bülow-Schule“ bewunderte (Widmung in Meister des Klaviers), bewertete die Übersiedlung an den Rhein – wohl insbesondere aus des Vaters Enttäuschung heraus, dass bei Wilhelmj „Menschentum und Künstlertum keineswegs harmonisch im Einklang standen“ (W. Niemann 1909, S. 275), – rückblickend als Fehlentscheidung und bekannte: „Wirklichen Wurzelboden hat er in Wiesbaden nie gefunden, im Herzensgrunde hat er sich sein Leben lang nach Hamburg und Schleswig-Holstein zurückgesehnt. Er stand vor dem Abschluß eines Engagements an das Hamburger Bernuthsche Konservatorium, als die Parze tragisch seinen Lebensfaden zerriß.“ (W. Niemann, Charakterköpfe, S. 218). Man mag es als tragisch bezeichnen, dass selbst der Tod die schicksalhafte Verbindung nicht löste: Niemann wurde auf dem Wiesbadener Nordfriedhof in Wilhelmjs Familiengruft beigesetzt. Die Wiesbadener jedoch bewahrten ihn, „dessen liebenswürdige Persönlichkeit und fruchtbare künstlerische Tätigkeit in unserer Stadt noch unvergessen sind“ (Otto Dorn in Wiesbadener Tagblatt 8. Dez. 1907), über viele Jahre hinweg in warmherziger Erinnerung.

Werke — Niemanns Werkliste umfasst (mit wenigen Lücken) die Opera 1 (1861) bis 64 (1899) sowie Werke ohne Opuszahl, die zumeist im Druck vorliegen. Ganz überwiegend handelt es sich um Charakter- und Salonstücke für Klavier (einige wenige auch für Vl., Kl.); hinzu kommen zwei Sonaten (op. 8 für Vl., Kl.; op. 31 für Kl.) sowie etliche Lied-Transkriptionen (darunter neben den Gesängen aus dem Spanischen Liederbuch von Adolf Jensen o. op. das Lied der Loreley von Joseph Nesvadba als op. 3). Besonderen Erfolg hatte die Gavotte op. 16; sie erschien in unterschiedlichen Fassungen, u. a. für Orchester instrumentiert von Karl →Müller-Berghaus. Ein vollständiges Verzeichnis mit Angaben zu Entstehungszeit, Widmungsträgern und Verlagen gibt W. Niemann 1909; Hauptfundorte: D-B, D-KIl (s. hierzu Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek [Kiel], in: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa, hrsg. von Bernhard Fabian, Hildesheim 2003 online). Mskr. gedruckter Werke s. RISMonline; ein Konzertwalzer Gruß an Wesselburen (Orch.) ist im Hebbel-Museum Wesselburen handschr. überliefert.


Familie Niemann „hat Generationen Frau Musika gedient“ (W. Niemann 1909, S. 275): Rudolphs Bruder Gustav Adolph (* Wesselburen 6. Dez. 1841 | † Helsingfors (heute Helsinki) 4. Dez. 1881) hatte als Geiger am Leipziger Konservatorium bei Ferdinand David studiert und war Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters in Helsingfors; auch etliche Söhne seiner Schwester Margaretha (* Wesselburen 15. Febr. 1837 | † Berlin 5. Okt. 1924), die mit dem Wesselburener Stadtmusikdirektor Jürgen Hinrich Warnke (* Hademarschen (Kreis Rendsburg-Eckernförde) 3. Jan. 1838 | † Wesselburen 24. Nov. 1901) verheiratet war, wurden Musiker (s. W. Niemann, Mein Leben fürs Klavier, S. 16f.). Rudolphs eigene Kinder erhielten selbstverständlich ebenfalls eine musikalische Ausbildung: Elisabeth (* Hamburg 12. Apr. 1866 | † Leipzig 5. Nov. 1942) war in Wiesbaden Klavierschülerin von Luise Adolpha →Le Beau; Walter (Rudolph) (* Hamburg 10. Okt. 1876 | † Leipzig 17. Juni 1953) wurde zunächst von seinem Vater ausgebildet, weiterhin von Engelbert →Humperdinck in Boppard und übersiedelte nach dem Tod des Vaters mit Mutter und Schwester nach Leipzig, wo er Komposition bei Carl Reinecke sowie Musikwissenschaft bei Hugo →Riemann (1901 Promotion) studierte. Er war als Musikkritiker und später fast ausschließlich als freischaffender Komponist tätig. Ein Verzeichnis seiner Kompositionen und Schriften befindet sich in W. Niemann, Mein Leben fürs Klavier, S. 144–146, etliche Stichvorlagen haben sich in D-LEsta erhalten.


Quellen — Standesamtsregister Wiesbaden <> Briefe von und an Niemann s. Kalliope <> Luise Adolpha Le Beau, Lebenserinnerungen einer Komponistin, Baden-Baden 1910 <> Walter Niemann, Mein Leben fürs Klavier. Rückblicke und Ausblicke, Typoskript 1952, hrsg. von Gerhard Helzel, Düsseldorf 2008 <> Moriz Rosenthal in Word and Music: A Legacy of the Nineteenth Century, hrsg. von Mark Mitchell und Allan Evans, Bloomington/Ind. 2006, S. 27 <> Signale für die musikalische Welt Nr. 13, März 1856 (Klavierprüfung am Konservatorium Leipzig), Nr. 52, Okt. 1894, 9. Mai 1898 (Todesanzeige); Berliner Musikzeitung 13. Nov. 1873 (Tourneeplan); Musikalisches Wochenblatt 5. Nov. 1875, 25. Sept. 1884; NZfM 20. Juni 1884; Wiesbadener Bade-Blatt 26. März 1890, 7. Apr. 1890, 15. Mai 1892 (Verleihung der Großen goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft durch Großherzog Adolf von Luxemburg), 15. Okt. 1893, 21. Jan. 1894, 27. Mai 1894 und passim; Wiesbadener General-Anzeiger 13. Sept. 1894, 15. Sept. 1895, 17. Nov. 1896, 24. Jan. 1908 und passim – außerdem europaweit Konzertankündigungen und -berichte in der lokalen und überregionalen Fach- und Allgemeinpresse

Referenzwerke und Literatur — Walter Niemann, Meister der Klaviermusik. Rudolph Niemann, in: Neue Musik-Zeitung 1. Apr. 1909, S. 275–277 <> Walter Niemann, Charakterköpfe norddeutscher Schumannianer in der Klaviermusik, in: Musik und Kultur. Festschrift zu A. Seidl’s 50. Geburtstag, hrsg. von Bruno Schuhmann, Regensburg 1913, S. 199–222, bes. 214–222 <> Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919 <> Max Steinitzer, Walter Niemann., in: Zeitschrift für Musik Apr. 1930, S. 252–256 <> Horst Büttner, Walter Niemann. Zu seinem 60. Geburstag am 10. Okt. 1936, in: Zeitschrift für Musik Okt. 1936, S. 1205–1208 <> The Cambridge Companion to the Violin, hrsg. von Robin Stowell, Cambridge 1992, S. 69 <> Anke Stupnik, Das Klavierschaffen Walter Niemanns, Diss. masch., Graz 2008 <> Moritz Rudolph, Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon, Riga 1890 <> RiemannL 1909 <> Mendel/Reissmann <> MüllerDML (zu Walter Niemann) <> Jansa (zu Walter Niemann; mit Abb.) <> Reinhold Sietz, Art. Niemann, in: MGG1 <> MMB

Abbildung 1: Rudolph Niemann und seine Frau Emilie geb. Peers (in: W. Niemann, Mein Leben fürs Klavier [Tafel 3])

Abbildung 2: Konzertankündigung in Der oberschlesische Wanderer (Gleiwitz) 9. Mai 1884


Gudula Schütz

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  • Zuletzt geändert: 2021/11/26 16:52
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