lohmann


LOHMANN, (GOTTFRIED) PAUL * Giebichenstein bei Halle/Saale 2. Apr. 1894 | † Aschaffenburg 26. Juni 1981; Sänger, Pädagoge

Paul Lohmann, Sohn des Maschinenschlossers Carl Gottfried Lohmann und dessen Ehefrau Therese Bertha, geb. Pauland, war als Jugendlicher von 1904 bis 1910 im Stadtsingechor Halle aktiv, bevor er 1913 Gesangsunterricht nahm. Sein Ziel, als Opernsänger auf der Bühne Karriere zu machen, musste er nach Verlust seines rechten Arms im Krieg aufgeben. Stattdessen wandte er sich nun dem Lied- und Oratoriengesang zu und wurde ab 1916 von Clara Hertwig (Mühlhausen) und von 1919 bis 1923 von Karl Scheidemantel (Weimar, später Dresden) ausgebildet. Im Anschluss vervollständigte er seine Gesangsausbildung in Leipzig bei (Caroline Wihelmine) Franziska Martienssen geb. Meyer (* Bromberg 6. Okt. 1887 | † Düsseldorf 2. Febr. 1971), die er 1929 in Rostock heiratete (Trauzeugen waren der Komponist Emil Mattiesen, 1875–1939, und dessen Ehefrau Eleonore geb. Bühring; vgl. MüllerDML). Sie war Schülerin von Johannes Messchaert in Berlin, der, ebenso wie Lohmanns Lehrer Scheidemantel, bei Julius →Stockhausen studiert hatte.

Seine Karriere – sie hatte am 11. Nov. 1917 im Jugendheim Mühlhausen begonnen – führte Lohmann u. a. auch nach Wiesbaden, wo er am 1. Dez. 1930 im Kurhaus an einer Aufführung von Max Bruchs Scenen aus der Frithjof-Sage op. 23 beteiligt war; außerdem brachte er Orchesterlieder von Hugo Wolf zu Gehör. 1933 bekam er eine Gesangsprofessur in Berlin. In Konzerten traten er und seine Frau nun vorrangig in Berlin auf, beide tourten aber auch ausgiebig durch ganz Europa und gaben Gesangskurse. Lohmanns Repertoire umfasste Werke aus allen Epochen. 1933 sang er beim Tonkünstlerfest in Dortmund in der Uraufführung des Oratoriums Der große Kalender von Hermann →Reutter eine der beiden Solostimmen. Auf Einladung der türkischen Regierung reiste Lohmann Anfang November 1935 nach Ankara, um dort am neu gegründeten Konservatorium das Gesangswesen zu organisieren; sein Einfluss dort blieb aber gering (Rückkehr am 1. Jan. 1936). Möglicherweise führte er aber Gespräche mit Paul →Hindemith, der in dieser Zeit das türkische Musikleben organisieren sollte, was dann aber wenig später von Eduard Zuckmayer übernommen wurde. Zwischen 1934 und 1942 gaben Lohmann und seine Gattin Kurse im Rahmen der vom Deutschen Musikinstitut für Ausländer im Sommer durchgeführten Musiktage, die u. a. in Berlin, Potsdam, Leipzig und im Wiesbadener Schloss stattfanden; ob sich das Paar dabei auch in Wiesbaden aufhielt, lässt sich nicht belegen, auch wenn die Namen beispielsweise im Wiesbadener Tagblatt (14. Febr. 1936) unter der Überschrift „Wieder Meisterkurse im Wiesbadener Schloß“ gelistet sind. Eindeutig nachzuweisen ist hingegen ein Liederabend im Residenztheater am 1. Febr. 1937 (s. Abb.); der ausführliche Bericht darüber konstatiert übrigens, dass Lohmann zu diesem Zeitpunkt „in Wiesbaden noch ein Unbekannter“ gewesen sei (Wolfgang Stephan im Wiesbadener Tagblatt 2. Febr. 1937). Der Sänger stand in den 1930er Jahren mit dem Verlag Schott in Verbindung und arbeitete an einer Neusichtung und -ausgabe sämtlicher Lieder Franz Schuberts, die aber nicht zustande kam. Ein Teil seiner Konzerte erfolgte auf Anordnung der Organisation Kraft durch Freude, nationalsozialistische Aktivitäten sind aber nicht nachweisbar.

Nach dem Krieg lebte die Familie zunächst in Weimar. 1949 ließ sich Lohmann in Wiesbaden nieder, wo er am Konservatorium eine Gesangsprofessur bekam, während seine Frau im selben Jahr als Pädagogin nach Düsseldorf verpflichtet wurde (aktiv bis 1969). Ein Jahr später wurde Lohmann auch Professor an der Musikhochschule in Frankfurt/M.; hier lehrte er bis 1978, in Wiesbaden bis 1963. Von der Konzertbühne verabschiedete er sich bereits 1951 aus gesundheitlichen Gründen. Der letzte Auftritt erfolgte nach eigenen Angaben 1951 in Offenbach, der letzte nachweisbare Auftritt in Wiesbaden am 24. Jan. 1950. Er gab aber weiterhin Meisterkurse, darunter in Skandinavien und der Schweiz. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Lohman 1972 die Sängerin und Pädagogin Hildegund Becker (* Aschaffenburg 1922), die 1987 die Lohmann-Stiftung für Liedgesang e. V. (jetzt Sitz in Hannover) ins Leben rief.

Schriften (Standortnachweise nur zu den vor 1945 erschienenen Ausgaben) – Die meisten der nachfolgend gelisteten Schriften sind Co-Produktionen Paul Lohmanns und seiner Frau, wobei sich der jeweilige Anteil nicht mehr nachweisen lässt. — a) unter dem Autorennamen Paul Lohmann veröffentlicht: Die sängerische Einstellung. Vier Stimmbildungsvorträge der Schule Martienssen-Lohmann, Leipzig: Kahnt 1929, Neuausgabe Frankfurt/M.: Kahnt 1979 <> Stimmfehler – Stimmberatung. Erkennen und Behandlung der Sängerfehler in Frage und Antwort, Mainz: Schott’s Söhne 1938, Neuausgabe 2009 <> Das Legato des deutschen Sängers, in: Von deutscher Tonkunst. Festschrift zu Peter Raabes 70. Geburtstag, hrsg. von Alfred Morgenroth, Leipzig 1942, S. 175–179 <> b) unter dem Autorennamen Franziska Martienssen-Lohmann veröffentlicht: Die echte Gesangskunst, Leipzig: Behr 1920; CH-Bu, CH-LAku, CH-Zz, D-B, D-Bhm, D-Bubhu, D-Dl, D-LEdb, DK-Kk <> Das bewußte Singen. Grundlegung des Gesangstudiums, Leipzig: Kahnt 1922, 21923, Neuausgaben Leipzig 1979, Frankfurt/M. 1989 <> Der wissende Sänger – Gesangslexikon in Skizzen, Zürich: Verlag Atlantis-Musikbuch 1956 <> Berufung und Bewährung des Opernsängers bzw. Der Opernsänger: Berufung und Bewährung. Vorbedingungen für den Sängerberuf, Stimmtypus und Rollenfach, Bühnenwelt und Stimme, Der Sänger über dem Durchschnitt, Mainz: Schott’s Söhne, 1943; CH-Bu, CH-Zz, D-As, D-Dl, D-EF, D-ERu, D-HAu, D-HEua, D-Ju, D-LEmh, D-Mbs <> Stimme und Gestaltung. Die Grundprobleme des Liedgesanges, Frankfurt: Peters, Neuausgabe: Frankfurt: Kahnt, 1993. <> c) Hildegund Lohmann-Becker veröffentlichte: Handbuch Gesangspädagogik. Stichworte zu Theorie und Praxis Mainz: Schott 2008 <> Hören – Wahrnehmen – Wissen. Gesangspädagogische Erfahrung in 29 Vorträgen, Mainz: Schott 2012

HerausgabeDas Lied im Unterricht. 61 Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, Mainz: Schott’s Söhne [1940, 21942]; CH-Bu, D-FRDhb, D-HAu, D-HVa, D-HVs, D-Mbs D-FRDhb, F-Sbp; Neuausgaben 2014, 2021

Quellen — Personenstandsregister Giebichenstein (Geburtsurkunde), Rostock (Heiratsurkunde) <> autobiographische Skizze Tatendaten, datiert 27. März 1974; Privatbesitz Hildegund Lohmann-Becker <> Nachlass (Musikalien, Theoretika, Material zu Gesangskursen, Programmhefte, Zeitungsausschnitte, Korrespondenzen, Fotos usw.); D-B <> Nachlass Franziska Martienssen-Lohmann (Aufzeichnungen zur Gesangstheorie, Briefe, Tagebücher usw.); D-B <> Personalakte; D-Bhm <> Ankündigungen des Auftritts in Wiesbaden im Wiesbadener Bade-Blatt 26., 27., 29. Nov. 1930; Bericht Konzert des Wiesbadener Männergesangsvereins ebd. 3. Dez. 1930 <> zu den Kursen beim Deutschen Musikinstitut für Ausländer: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Wiesbadener Tagblatt, Völkischer Beobachter <> zum Türkei-Aufenthalt: Wiesbadener Tagblatt 6. Nov. 1935 <> Wolfgang Stephan, Verein der Künstler und Kunstfreunde, Bericht über Lohmanns Auftritt am 1. Febr. 1937 in Wiesbaden, in: Wiesbadener Tagblatt 2. Febr. 1937 <> weitere Nachweise in ZfM, Signale für die musikalische Welt; Rundfunkprogramme in der Tagespresse <> Adressbücher Wiesbaden (1950–1966) <> Der Mensch, der Sänger, der Lehrer – ein Leben in Briefen. Erinnerungen seiner Schüler, hrsg. von Ekkehard Saß, Baden-Baden: Santi-Verlag Saß 1993 <> Hildegund Lohmann-Becker, „Singen ist eine Sprache der Seele“. Erinnerungen an Paul Lohmann, Wiesbaden 1994 <> Internetpräsenz der Lohmann-Stiftung für Liedgesang e. V. (Startseite; Aufruf: 11. März 2026) <> zu weiteren Quellen und Nachweisen in der Presse vgl. Bielicke 2014

Literatur — Kutsch/Riemens <> PriebergH <> Ekkehard Saß, Singen, wie macht man das? Zur Erinnerung an Paul Lohmann (1894–1981), in: NZfM 1982, S. 37–38 <> Sigrid Gloede u. Ruth Grünhagen, Franziska Martienssen-Lohmann – Ein Leben für die Sänger, Zürich 1987 <> Sebastian Bielicke, Paul Lohmann als Sänger, Vortrag, gehalten auf dem 68. Lohmann-Symposion zum 120. Geburtstag von Paul Lohmann, Wiesbaden 16. März 2014 (veröff. im Internet Archive Direktlink, Aufruf: 11. März 2026), mit umfangreicher Dokumentation (Pressestimmen, Programme, Auszügen aus Briefen und Akten usw.) <> N. N., Art. (CV) Martienssen-Lohmann Franziska, in: Operissimo (Direktlink, Aufruf: 11. März 2026) <> Barbara Hoos de Jokisch, Die Nachlässe von Franziska Martienßen-Lohmann (1887–1971) und Paul Lohmann (1894–1981), ca. 2015 (Bestandsbeschreibung der Staatsbibliothek Berlin online; Aufruf: 11. März 2026), mit weiteren Hinweisen

Abbildung 1: Konzertankündigung, Wiesbadener Tagblatt 29. Jan. 1937

Abbildung 2: Werbeanzeige des Verlags Schott’s Söhne, Signale für die musikalische Welt 15. Mai 1940


Bernd Krause

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
  • lohmann.txt
  • Zuletzt geändert: 2026/03/18 21:49
  • von kk
  • angelegt 2026/03/18 21:43