riemann


(1) (Carl Wilhelm Julius) Hugo * Großmehlra bei Sondershausen 18. Juli 1849 | † Leipzig 10. Juli 1919; Ehemann von (2), Musiklehrer, Musikwissenschaftler, Komponist

(2) Elisabeth (Ferdinandine; nicht Ferdinanda) geb. Bertelsmann * Morzewiec (ehem. Marthashausen; Stadtteil von Koronowo (Krone an der Brahe) im Landkreis Bydgoszcz (Bromberg), Polen) 5. Sept. 1856 | † Leipzig 6. Febr. 1930; Ehefrau von (1), Sängerin und Gesangslehrerin


(1) Anders als man es angesichts der späteren und noch gegenwärtig verbreiteten Wahrnehmung, die in Hugo Riemann vor allem den universalen, im philosophischen Denken tief verwurzelten Musiktheoretiker sieht, annehmen könnte, war er nach eigener Aussage „Pädagoge von Passion“ (Brief an Heinrich Ordenstein, 4. Juli 1888), was insbesondere auf musikpraktische Tätigkeit bezogen werden darf. Sein beruflicher Werdegang – er führte ihn für einige Jahre auch an den Mittelrhein – macht dies deutlich: Nach Studium (in Leipzig) und Promotion (in Göttingen), erfolgloser Bewerbung auf die Stelle des Universitätsmusikdirektors in Marburg sowie auch missglücktem Versuch, Kompositionsschüler Joachim Raffs in Wiesbaden zu werden und eine Stelle am geplanten dortigen Konservatorium zu erhalten, wurde er 1875 (nicht bereits 1874) Dirigent der aus den Männerchören Arion und Liedertafel gebildeten Musikalischen Gesellschaft in Bielefeld; hier erteilte er außerdem privaten Musikunterricht (Klavier, Harmonielehre, Komposition, Gesang) und initiierte „einen gemeinschaftlichen Cursus für die Schüler des Gymnasiums“ (Der Wächter 24. März 1876) im Fach Musiktheorie. Der Wechsel nach Leipzig zu Beginn des Jahres 1878 geschah aufgrund der Anstellung als Universitätslehrer im Vorfeld der Habilitation im Fach Musikwissenschaft, die er im Oktober des Jahres nach dem obligatorischen Probevortrag erlangte, allerdings „nur“ zur Ernennung zum Privatdozenten führte; im Oktober 1880 trat Riemann von seiner Verpflichtung zurück und begab sich für einige Monate ins westpreußische Bromberg – wahrscheinlich waren Beziehungen seines Schwiegervaters (s. weiter unten unter (2)) dorthin ausschlaggebend –, um sich als Klavierlehrer und Chorleiter zu etablieren. Bereits im Oktober 1881 fand er eine Anstellung am Hamburger Konservatorium, neben der er wiederum auch Privatunterricht in den Fächern Klavier, Musiktheorie und Komposition gab. Sein um die Mitte des Jahres 1888 erwogener Wegzug aus der „teuerste[n] Stadt Deutschlands“ (Brief an Heinrich Ordenstein 4. Juli 1888) erfolgte 1890, doch endete die am 1. April begonnene Tätigkeit am Fürstlichen Konservatorium in Sondershausen schon nach wenigen Monaten, da Riemann einen Ruf nach Wiesbaden erhalten hatte: Es überrascht hierbei, dass die Zeitungsnotiz, die den Weggang seines Vorgängers Max Löwengard am dortigen Freudenberg-Konservatorium meldet, auch den Nachfolger Riemann (als „Ersatz“) namentlich präsentiert (Wiesbadener Tagblatt 25. Juni 1890); die Hintergründe sind noch unbekannt, doch liegt auf der Hand, dass Riemanns Anstellung bereits seit Längerem geplant und somit sein Aufenthalt in Sondershausen (also in heimatlicher Gegend) von vornherein als vorübergehend kalkuliert war – allerdings brachte er eine für die Region nicht unerhebliche Personalie mit sich: Riemann kam in Begleitung seines dortigen „Favorit-Schüler[s] Reger“ (an Heinrich Ordenstein 31. März 1891) nach Wiesbaden. Die Attraktivität der neuen Aufgabe ergab sich zweifellos maßgeblich aus privaten Überlegungen, denn Ehefrau Elisabeth Riemann, inzwischen Mutter von vier acht- bis zwölfjährigen Kindern, konnte durch ihre gleichfalls erlangte Anstellung als Lehrerin am Konservatorium erstmals zum Familienunterhalt beitragen.
Neben seiner Hauptaufgabe – Unterricht im Fach Musiktheorie sowie im Orgel- und Klavierspiel – engagierte Riemann sich am Wiesbadener Konservatorium von Beginn an mit beträchtlicher Intensität für die Vermittlung von Musikgeschichte, und zwar einerseits in Form von Vorlesungen, die die Zeit seit dem ausgehenden Mittelalter behandelten, andererseits mittels praktischer Übungen: Seit Oktober 1891 waren die Kurse mit „regelmässigen Einstudirungen älterer Vocal- und Instrumentalwerke verbunden“, bei denen auch „Hospitanten gegen ein jährliches Honorar“ mitwirken durften (Wiesbadener Tagblatt 6. Okt. 1892). Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit im Rahmen Historischer Concerte präsentiert – auf dasjenige im März 1892 machte eine ganzseitige Zeitungsanzeige aufmerksam, der man entnehmen konnte, dass auch „Frau Dr. Riemann“, die Ehefrau des Initiators, als Sopranistin, und, für „Clavier-Soli, Continuo, Orgel“, Max Reger beteiligt waren (Wiesbadener Tagblatt 16. März 1892). Riemanns Veranstaltungen zur jüngeren Musikgeschichte im Herbst 1894 sind allein aufgrund des Kanon-Zuschnitts einer Erwähnung wert: Neben den bis heute als repräsentativ erachteten Meistern zwischen Haydn und Brahms hatte noch immer (oder vielleicht auch erneut) Louis Spohr seinen Platz, und sicher nicht zufällig stand dessen 9. Violinkonzert (als op. 55 1822 bei André in Offenbach erschienen) zur gleichen Zeit auf dem Programm der von Louis Lüstner geleiteten Wiesbadener Kurkonzerte – Lüstners Vater Karl hatte Riemann übrigens bereits während dessen Hamburger Zeit mit Informationen für die ersten Auflagen des Musik-Lexikons beliefert. Wenn tatsächlich, wie man annehmen darf, ein pädagogisches Gesamtkonzept (unter Nutzung von Netzwerken und Medien) bestand, so ist in diesem Zusammenhang auch die Pressemeldung zu sehen, dass „der hier wohnende und hochangesehene Musikgelehrte“ eine „interessante Ausgrabung auf musikalischem Gebiete […] unternommen“ hätte – „ernstere Musikfreunde“ konnten bisher unveröffentlichte Chansons von Gilles Binchois als kleines Heft „in der Schellenberg’schen Musikalienhandlung […] für zwei Mark“ erwerben (Wiesbadener Tagblatt 12. Aug. 1892); außerdem war das Erscheinen des „rühmlichst bekannte[n] und weit verbreitete[n] Musiklexikon[s] von Dr. Hugo Riemann“ in vierter Auflage (sowie erstmals in englischer Sprache) eine Meldung wert (Wiesbadener Tagblatt 22. Apr. 1893), die nicht lange danach noch einmal aufgegriffen wurde, wobei der Verfasser des Artikels geradezu stolz „von unserm Mitbürger Dr. Hugo Riemann“ sprach (ebd. 13. Juni 1893). Dass Riemann – wie zuvor andernorts – auch in Wiesbaden Privatstunden im Klavierspiel und in Musiktheorie erteilte, sei nicht vergessen; abgesehen von Max Reger war Hans Pfitzner sein (aus heutiger Sicht) prominentester Schüler, und neben diesem genossen (privat bzw. am Konservatorium) u. a. Gustav Cords, Eduard Diener, Heinrich Langen, Ferdinand Meister und Adolph Pochhammer seinen Unterricht. Schließlich: Bisweilen konnten die Wiesbadener Musikfreunde den Musikpädagogen und Forscher auch als Komponisten erleben, wenngleich seine Aktivität auf diesem Sektor deutlich zurückgegangen war (vgl. Werke).
Statt weiterhin die mitbürgerliche Zuneigung der Wiesbadener Musikliebhaberschaft zu genießen, ließ sich Riemann mit seiner Familie 1895 in Leipzig nieder; 1896 erlangte er an der Universität zunächst eine Privatdozentur für Musikwissenschaft und übernahm – 1905 zum planmäßigen Professor ernannt – 1908 die Leitung des von ihm gegründeten Musikwissenschaftlichen Instituts.

WerkeBücher und Schriften: s. MGG und die dort genannten Verweise; während der Wiesbadener Jahre erschienen u. a. der Katechismus der Akustik (1891), der Katechismus der Gesangskomposition (1891), die Vereinfachte Harmonielehre (1893) – vermutlich ebenfalls dieser Zeit gehört die Zusammenstellung des 1. Bands der Aufsatzsammlung Präludien und Studien an, der 1895 bei Heinrich Bechhold in Frankfurt herauskam. Rund ein Jahr nach seiner Übersiedlung nach Leipzig veröffentlichte Riemann im Wiesbadener Tagblatt (29. Okt. 1896 (Abend-Ausgabe), S. [1]–2) einen Beitrag Das moderne Kapellmeisterthum. <> Kompositionen: s. die zusammenfassenden Angaben in RiemannL ab 71909, die bis 1909 reichende Übersicht in der Riemann-Festschrift, das Register der Kompositionen Riemanns bei Arntz (S. 341–344) sowie Pazdírek; während der Jahre in Wiesbaden trat Riemann vergleichsweise selten als Komponist hervor – die Uraufführung der damals noch unveröffentlichten Variationen über ein Thema von Beethoven (2 Vl., Va, Vc.) op. 53 durch das Wiesbadener Streichquartett (Josef Miroslav Weber, Ludwig Troll, Hermann Müller, Oskar Brückner) am 25. März 1892 dokumentiert indessen wie auch das mit der nachfolgenden Opuszahl 54 versehene, Manuskript gebliebene Streichquartett in f-moll, dass Riemann sich während dieses Zeitraums – vielleicht aufgrund günstiger Aufführungsbedingungen – gezielt mit jener Gattung bzw. Besetzungsform auseinandersetzte.


(2) Elisabeth Bertelsmann wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus auf – Vater Konrad besaß in den 1850er und 1860er Jahren unweit von Bromberg ein Rittergut und war tätig als Direktor des dortigen Landwirtschaftsvereins wie auch als Landtagsabgeordneter, bevor er um 1870 mit Familie in seine Heimatstadt Bielefeld zurückkehrte, um die Leitung der Spinnerei Vorwärts zu übernehmen. Dass Elisabeth aktiv am Bielefelder Musikleben teilnahm und als Sängerin im (gemischten) Neuen Chorverein mitwirkte, darf man annehmen, und dass sie beim Dirigenten der vereinigten Männerchöre privaten Unterricht erhielt, ist überliefert; beider Verlobung wurde bereits im März 1876 – Riemann war seit 15 Monaten in Bielefeld tätig – von den Eltern der Braut in der Presse bekanntgegeben, und ein halbes Jahr später fand die Hochzeit statt. Nicht alltäglich ist der weitere Lebensweg: Nachdem vier Kinder zur Welt gekommen waren (1877, 1879, 1880, 1882) und die Familie sich mittlerweile in Hamburg niedergelassen hatte, schrieb sich Elisabeth Riemann 1885 als Gesangsschülerin am dortigen Konservatorium ein, und unmittelbar nach der Übersiedlung nach Wiesbaden finden wir sie, wie bereits erwähnt, als Kollegin ihres Ehemanns unter den Lehrkräften des Konservatoriums. Elisabeth Riemann trat auch als Sängerin mehrfach öffentlich in Erscheinung – dies sowohl in den von Hugo Riemann veranstalteten Historischen Concerten als auch „unter lebhaftem Beifall“ beispielsweise bei einem Vortragsabend des Konservatoriums als Interpretin der nicht lange zuvor erschienenen Lieder op. 8 Max Regers (Wiesbadener Tagblatt 8. Juli 1894). Ihr Einsatz für den jungen Komponisten, der in der Wohnung Riemanns in der Wiesbadener Rheinstraße nach Belieben ein- und ausging, erstreckte sich überdies auch auf das unausweichlich Alltägliche, wobei ihre geduldigen Versuche, dem genialischen jungen Mann ein Gefühl für Maß und Orientierung zu vermitteln – Ehemann Hugo hatte fürs Profane keinerlei Antenne – nur bedingt fruchteten. Später in Leipzig wird Elisabeth Riemann vielleicht mit etwas Wehmut auf die Wiesbadener Jahre geschaut haben – unmittelbar nachdem sich die Familie in der Messestadt niedergelassen hatte, kam im Dezember 1895 das 5. Kind zur Welt; von einer Fortsetzung ihrer künstlerischen Karriere hört man nichts mehr.


Quellen — KB Großmehlra; KB Bromberg (Militär) <> Briefe Hugo Riemanns s. Kalliope; Briefe an Joachim Raff (6; 1872–1874) s. Cahn 1979, S. 30–36; Briefe an Hans Huber (Leipzig 15. Juli 1898) und Heinrich Ordenstern (Hamburg 4. Juli 1888, Wiesbaden 31. März 1891) zit. nach Gurlitt, S. 1889, 1884 und 1886 <> Riemann-Festschrift. Gesammelte Studien, hrsg. von Carl Mennicke, Leipzig 1909 <> Robert Riemann [1877–1962], Dummheit und Einsicht in achtzig Lebensjahren (1877–1957), hrsg. von Tord R. Riemann, Königs Wusterhausen 2016 <> Adressbücher Wiesbaden <> Bielefelder Wochenblatt 25. Dez. 1874, 31. Dez. 1874, 12. Jan. 1875, 21. Apr. 1875, 30. März 1876 (Verlobungsanzeige), 21. Apr. 1876, 30. Aug. 1876, 19. Sept. 1876; Der Wächter (Bielefeld) 24. März 1876, 15. Sept. 1876 (Heiratsanzeige), 8. Dez. 1877, 26. März 1878; Bielefelder Tagblatt 27. Okt. 1877; Leipziger Tagblatt 3. Aug. 1878, 15. Okt. 1878, 2. Nov. 1880; Reform (Hamburg) 15. Okt. 1881; Musikalisches Wochenblatt 30. Mai 1889, 23. Jan. 1890, 26. Juni 1890; Bonner Tagblatt 8. Sept. 1889; Hamburger Fremdenblatt 31. Mai 1889; Wiesbadener Tagblatt 25. Juni 1890, 11. Sept. 1890 (3. Beilage), 1. Apr. 1891, 15. Sept. 1891, 3. Okt. 1891 (Abend-Ausgabe), 22. März 1892 (dto.), 24. März 1892 (Morgen-Ausg.), 6. Okt. 1892 (2. Beil.), 16. März 1892 (Morgen-Ausg.), 22. März 1892 (Abend-Ausg.), 24. März 1892 (Morgen-Ausg.), 12. Aug. 1892 (Abend-Ausg.), 22. Apr. 1893 (Abend-Ausg.), 13. Juni 1893 (Abend-Ausg.), 1. Juli 1894 (Morgen-Ausg.), 8. Juli 1894, 20. Okt. 1894 (1. Beiblatt) u. ö.; Signale für die musikalische Welt Nr. 43 (Aug. 1890)

Literatur (Auswahl; vgl. MGG) — Wilibald Gurlitt, Hugo Riemann 1849–1919, in: Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz Nr. 85, 1950, S. [1865]–1905 <> Jürgen Oberschelp, Das öffentliche Musikleben der Stadt Bielefeld im 19. Jahrhundert, Regensburg 1972 <> Michael Arntz, Hugo Riemann (1849–1919). Leben, Werk und Wirkung, Köln 1999 <> Wolfgang Rathert und Adrian Kech, Art. Riemann, (Karl Wilhelm Julius) Hugo, in: MGG2P

Abbildung 1: Hugo Riemann nach einer nicht lange vor der Wiesbedener Zeit entstandenen Photographie (Digitalisat aus D-F, Porträtsammlung Manskopf)

Abbildung 2: Anzeige Riemanns im Wiesbadener Tagblatt 1. Juli 1894 (Abend-Ausgabe)

Abbildung 3: Riemann als Komponist in guter Gesellschaft; Konzertprogramm im Wiesbadener Tagblatt 24. März 1892 (Morgen-Ausgabe)

Abbildung 4: Verlobungsanzeige; Bielefelder Wochenblatt 30. März 1876


Axel Beer

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Website stimmen Sie dem Speichern von Cookies auf Ihrem Computer zu. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzbestimmungen gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
  • riemann.txt
  • Zuletzt geändert: 2026/06/30 16:40
  • von ab
  • angelegt 2026/06/25 18:23