Jan Zach
ZACH, JAN (Johann) get. Déhtary (bei Brandýs nad Labem, Tschechien) 26. Nov. 1713 [nicht 15. Nov. 1699] | † Ellwangen 24. Mai 1773; Organist, Kapellmeister und Komponist
Zach wuchs als zweites von acht Kindern im kleinen böhmischen Dorf Déhtary nad Labem (Dechtar an der Elbe) auf. Der Vater Jakub Zach, von Beruf Wagenbauer, zog 1716 mit der Familie ins nahe Sychrov (Sichrow) unweit von Liberec (Reichenberg) um, wo er an der Hauptstraße zwischen Prag und Lysá nad Labem (Lissa an der Elbe) eine Schankwirtschaft betrieb. Seine musikalische Ausbildung, insbesondere im Orgel- und Geigenspiel, erhielt Jan Zach vermutlich in Čelákovice (Tschelakowitz), dem Geburtsort seiner Eltern. Seit 1732 versah er den Organistendienst an mehreren Prager Kirchen; seine Bewerbung um die vakant gewordene Stelle am Dom St. Veit im Jahre 1737 schlug jedoch fehl. Vermutlich verließ Zach seine Heimat im Laufe der frühen 1740er Jahre; von Augsburg aus, wo er kurzzeitig als Klavierlehrer tätig war, bewarb er sich erfolgreich um die Nachfolge des bereits im April 1743 verstorbenen Mainzer Hofkapellmeisters Jan Ondráček – das kurfürstliche Anstellungsdekret datiert vom 24. Apr. 1745. Zachs Mitwirkung bei der musikalischen Ausgestaltung der Feierlichkeiten zur Kaiserkrönung Franz I. im Oktober 1745 in Frankfurt am Main brachte ihm erhebliche Bekanntheit in der Musikwelt und insbesondere die Wertschätzung des Mainzer Kurfürsten Friedrich Carl von Ostein ein, dem es ohnehin um den Ausbau und die Aufwertung der Hofkapelle inklusive der Förderung kompositorischer Aktivität zu tun war – dass Zach einen guten Teil des Jahres 1746 in Rom verbrachte, steht zweifellos in diesem Zusammenhang, und auch die Tatsache, dass während der Mainzer Zeit sich vor allem das sinfonische Schaffen des Komponisten in bemerkenswerter Fülle und Qualität (frühe Ausprägung der Viersätzigkeit) entwickeln konnte, spricht für außergewöhnlich gute Arbeitsbedingungen. Inwieweit die in der Literatur teils ausführlich geschilderten Kollisionen Zachs mit einzelnen Mitgliedern der Hofgesellschaft tatsächlich auf seine möglicherweise unangepasste Persönlichkeit (ein loses Mundwerk etwa oder ein angeblich ungepflegtes Erscheinungsbild) zurückzuführen sind, sei nicht entschieden; auch ist hier nicht der rechte Ort, um dem Wahrheitsgehalt der seit der Zeit um 1800 über Zach verbreiteten Anekdoten (mitgeteilt von Schweickert S. 108–109; vgl. auch weiter unten) in allen Einzelheiten nachzuspüren bzw. auszuführen, in welcher Weise ansonsten eher biedere Musikhistoriographen sich an ihm festbissen, um einen genialisch-exzentrischen Künstler zu zeichnen – „das einsame Ringen Zachs um den Quartettstil und die viersätzige Sinfonie“, das Adam Gottron (1959, S. 131) herbeiphantasiert, steht für ein verbreitetes Rezeptionsphänomen, weniger dagegen für eine seriöse Annäherung an eine historischer Person. Freilich wurde Zach 1750 vorübergehend von seinen Verpflichtungen in Mainz suspendiert, und 1756 war der Komponist es mutmaßlich selbst, der seine Entlassung – aus unbekannten Gründen – herbeiführte; seine Nachfolge trat Johann Michael Schmidt an. Warum Zach sich nicht lange zuvor für mehrere Wochen (Dez. 1754 bis Febr. 1755) in Darmstadt aufgehalten hatte, wissen wir nicht.
Seinen Lebensweg seit dem Weggang aus Mainz als unstet und ruhelos anzusehen ist sicher nicht falsch; man wird jedoch nicht ohne weiteres ein Urteil darüber fällen können, ob eine mangelnde Sesshaftigkeit ohne berufliche Bindung (nur) als Zeichen eines Unvermögens oder (auch) als Daseinskonzept zu werten ist. Jedenfalls hielt sich Zach kurz nach seinem Weggang aus Mainz von Ende 1756 bis Jan. 1757 in Ehrenbreitstein auf, wo in Folge des Amtsantritts von Kurfürst Johann Philipp von Waldersdorff (Jan. 1756) die Hofmusik eine erhebliche Aufwertung erfuhr und der Musiker bei guter Honorierung einen Markt für etliche seiner Sinfonien fand; weitere Besuche sind für die Jahre 1758, 1760, 1761, 1762, 1763 und 1765 dokumentiert, wobei ein zeitweiliges Pendeln zwischen der kurtrierischen Residenz und Köln (hier hatte er 1761 im Dom ein Orgelkonzert gegeben, 1764 und 1765 als „berühmter Compositeur“ (Ober Post Amts Zeitung 12. März 1764) sein Oratorium La passione di Gesu Christo aufgeführt und 1768 ein Instrumentalkonzert mit eigenen Werken veranstaltet) auszumachen ist. In der Zwischenzeit und später unternahm Zach – zweifellos, um gleichfalls Manuskripte zu verkaufen, Konzerte zu geben sowie sich für andere musikalische Dienste entlohnen zu lassen – u. a. Reisen nach Dillingen (1759; am Hof des Augsburger Fürstbischofs), München (1759; die Fremdenanzeigen in der Presse nennt ihn noch immer „Churfürstl. Mainzischer HofCapellmeister“), Darmstadt (1765; hier überreichte er drei Sinfonien), Kloster Stams in Tirol (1767 aus Rom kommend, 1769, 1771; zahlreiche seiner liturgischen Werke sind in A-ST überliefert), Wallerstein (1770 und Jan. 1773), Brixen (1771 aus Italien kommend) und schließlich Ellwangen, wo er starb und auf Anordnung von Fürstpropst Anton Ignaz Reichsgraf von Fugger-Glött in der Wolfgangskirche beigesetzt wurde. Der anonyme Verfasser des ungewöhnlich ausführlichen Eintrags im Totenbuch (inhaltlich mit dem Text auf dem Grabstein übereinstimmend) hatte wohl das Bedürfnis, Zach ein besonderes Denkmal zu setzen; er vermittelt einen Eindruck davon, wie man die Persönlichkeit des Musikers wahrnahm bzw. welcher Ruf ihm vorausging: Wir erfahren, dass er aus Böhmen stammte, als Kapellmeister in Mainz tätig war, wo er aus freien Stücken Lebewohl sagte („ibi valedixit“), anschließend an ihm gewogenen Höfen, die seinen Unterhalt trugen, Gastfreundschaft genoss („aulas visitavit sibi propitias, à quibus sustentatus“) und reichlich beschenkt wurde aufgrund seines großen musikalischen Wissens („largiter donatus fuit ob praeclaram Musices eruditionem“; bei Gottron (1968) fälschlich „conditionem“). Weiter heißt es, dass er bewundernswerte geistige Gaben besaß („erat mirabilis indolis“), gleichwohl den Armen gegenüber freigiebig war, zudem rechtschaffen in seinem Verhalten, zurückhaltend im Gespräch, unermüdlich im Komponieren, eifrig im Kirchgang und schließlich bekannt „in Germania et Italia“. Wie man den Text auch drehen und wenden mag – auf eine Geisteskrankheit (für Schweickert und Gottron der Grund für den Weggang aus Mainz) weist nichts hin. Umso mehr wundert man sich über Gottrons (verständnisvolle) Deutung, dass der Musiker angeblich (und zwar wiederum rund ein Jahrzehnt später) in Trübsinn verfiel, als er in Ehrenbreitstein keine Anstellung fand und zudem in Leipzig ein Werk Zachs „nicht gut besprochen wurde“ – der Rezensent hatte übrigens den Namen des Komponisten zuvor nie gehört, und wir bezweifeln, dass Zach seinerseits jenen Text zur Kenntnis bekam, der, nebenbei bemerkt, abgesehen von einigen ausführlich beleuchteten Kritikpunkten durchaus anerkennend ist (das Werk „wird seine Liebhaber finden; es ist auch in der That viel Artiges und Gutes darinne“; vgl. Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend 5. Aug. 1766, S. 45). Noch eins drauf setzte Wolfgang Matthäus, dem wir die Kenntnis von Zachs 1773 in Ellwangen erfolgten Tod verdanken: Offenbar auf der Suche nach Hinweisen zur Geschichte des Musikverlags André war Matthäus auf eine entsprechende Notiz in der Frankfurter Presse gestoßen – und begann (wobei nicht ausgeschlossen ist, dass Gottron die Finger im Spiel hatte) zu fabulieren: Der „durch seine Teufelsaustreibungen weithin bekannte […] Pater Gassmann“ in Ellwangen war möglicherweise Ziel Jan Zachs, „um sich von ihm behandeln zu lassen und Heilung von seiner Gemütskrankheit zu finden.“ (MittAGm 17 (1968), S. 163) Allerdings wurde Johann Joseph Gaßner (so der richtige Name des Exorzisten) erst 1774 nach Ellwangen berufen. Und erneut stehen wir mit einer gewissen Ratlosigkeit vor Rätseln, die uns die mittelrheinische Musikgeschichtsschreibung aufgibt, wenn zu viel Phantasie im Spiel ist.
Werke — vgl. das nach wie vor nützliche Verzeichnis von Franz Gratl in MGG2P, das einen Überblick über die zumeist handschriftlich überlieferten geistlichen Vokalwerke und Instrumentalkompositionen gibt; s. a. Gratl 2002, RISMonline sowie, zu den Messen, MDB und außerdem die in den Verkaufskatalogen Breitkopfs seit 1766 (mit Incipits) gelisteten Werke <> zeitgenössische Veröffentlichungen: Sei sonate di cembalo con Violino o Flauto Traverso, Paris: aux adresses ordinaires (gestochen von Marie-Charlotte Vendôme) [um 1750]; s. RISM Z 6 <> Sonate (Cemb.), in: Oeuvres mélées contenant VI sonates pour le clavecin de tant de plus célèbres compositeurs […], hrsg. von Johann Ulrich Haffner, Nürnberg: Haffner (Partie V [nicht VI] [1759]); B-Bc, D-F, D-HAu, US-Wc; s. RISM B/II, S. 271f. <> Concerto (Cemb., 2 Vl., 2 Ob., Vl., B.), Nürnberg: Haffner [ca. 1765]; nicht überliefert (Rezension in: Wöchentliche Nachrichten und Anmerkungen die Musik betreffend (Leipzig) 5. Aug. 1766, S. 45–46 <>
Quellen — KB Brandýs nad Labem; KB Ellwangen (Stiftspfarrei) <> Ordentlich-wochentliche Münchner Frag- und Anzeigungs-Nachrichten 25. Juli 1759, 26. Sept. 1759; Kaiserl. Reichs Ober Post Amts Zeitung (Köln) 12. März 1764, 13. März 1764, 23. März 1765, 15. März 1768; Darmstädtisches Frag- und Anzeigungs-Blättgen 19. Dez. 1754, 6. Febr. 1755 u. ö.; Frankfurter Kayserl. Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung 5. Juni 1773 (Todesmeldung; aufgefunden und zitiert von Wolfgang Matthäus in MittAGm 17 (1968), S. 163) <> The Breitkopf Thematic Catalogue (1762–1787), hrsg. von Barry S. Brook, New York 1966 (s. Reg.) <> Martin Gerbert, De cantu et musica sacra a prima ecclesiae aetate usque ad praesens tempus, Bd. 2, St. Blasien 1774, S. 371 <> Anekdoten (s. a. Schweickert, S. 108–109): F[ranz] W[ilhelm] Jung, Zach, in: Cäcilia eine Zeitschrift für die musikalische Welt (Mainz) 4 (1826), S. 225–227 <> NN., Anekdote, in: AmZ 20. Nov. 1799, Sp. 159–160 <> weiterhin: Karel Sabina, Jan Zach. Novella ze životna českého hudebníka, in: Dalibor (Prag) 1859 (S. 5ff.)
Literatur (teils mit weiteren Quellenangaben) — Schweickert 1937 <> Karl Michael Komma, Johann Zach und die tschechischen Musiker im deutschen Umbruch des 18. Jahrhunderts; Kassel 1938 <> Adolf Layer, Johann Zach in Dillingen und Wallerstein, in: Mf 11 (1958), S. 83–84 <> Klaus Wolfgang Niemöller, Johann Zach in Köln, in: Mf 11 (1968), S. 489–490 <> Gottron 1959 <> Adam Gottron, Des Komponisten Johann Zach Reisen von 1756 bis 1773, in: MittAGm 8 (1964), S. 59–61 <> Bereths 1967 <> Noack 1967 <> Das Todesdatum von Johann Zach entdeckt (Mitteilungen von Wolfgang Matthäus und Adam Gottron), in: MittAGm 17 (1968), S. 163–164 <> Hubert Unverricht, Der Komponist Johann Zach und sein Erbe, in: Ellwanger Jahrbuch 29 (1980/81), S. 61–72 <> Klaus Bernward Springer, Von Prag bis Ellwangen. Leben und Wirken des Mainzer Hofkapellmeisters Johann Zach im Spannungsfeld zwischen Barock und Aufklärung, in: Mitteilungen der Internationalen Joseph Martin Kraus-Gessellschaft 18–20 (2000), S. 175–191 <> Milan Poštolka, Art. Zach, Jan, in: Grove Music Online (2001; Zugriff 8. Jan. 2026) <> Franz Gratl, Die vokalen kirchenmusikalischen Werke Johann Zachs (1699?/1713–1773). Philologische und stilkritische Studien, thematisches Verzeichnis, Innsbruck 2002 <> Franz Gratl, Art. Zach, Jan, in: MGG2P (2007) und MGGonline (2016; Zugriff 8. Jan. 2026) <> Franz Gratl, Zur Rezeptionsgeschichte sogenannter „vorklassischer“ Kirchenmusik durch die Jahrhunderte: Johann Zach zum 300. Gebeurtstag, in: Wissenschaftliches Jahrbuch der Tiroler Landesmuseen 7 (2014), S. 9–13 <> Tomáš Slavický, Das Requiem solenne von Johann Zach. Ein Werk und seine Rezeptionsgeschichte, in: Wissenschaftliches Jahrbuch der Tiroler Landesmuseen 7 (2014), S. 89–101 <> Günther Grünsteudel, Die Oettingen-Wallersteiner Hofkapelle. Ein Beitrag zur Geschichte der Hofmusik in Süddeutschland, Augsburg 2017, S. 35 und 40 <> Franz Gratl, Art. Zach, Johann, in: Oesterreichisches Musiklexikon online (2018; Zugriff 8. Jan. 2026) (Link) <> Christina Jentschke, Der böhmische Komponist Jan (Johann) Zach (1713–1773) – Wegbereiter der europäischen Sinfonik. Rezeption, Biographie, musikhistorischer Kontext, Analysen, Werkverzeichnis, Diskographie, Fernwald 2025 (Forum Musikwissenschaft, hrsg. von Peter Ackermann. Band 8)
Abbildung 1: Zachs Aufenthalte in Darmstadt während der Jahre 1754 und 1755 sind durch die Fremdenanzeigen in der Presse dokumentiert; hier: Darmstädtisches Frag- und Anzeigungs-Blättgen 6. Febr. 1755
Abbildung 2: Titel der Sei Sonate di Cembalo […]; D-Mbs (digital)
Axel Beer unter Benutzung von Vorarbeiten (Okt. 2025) von Ulrich Mazurowicz (†)