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SCHMIDT (SCHMID, SCHMIT, SCHMITT), JOHANN MICHAEL * Ort unbekannt (nicht Pernartitz/Bernartice in Böhmen), vor 1720 | † Mainz 19. (nicht 22.) Dez. 1792; Kapellmeister, Komponist

Obwohl der erste Nachweis Schmidts in den Matrikeln der katholischen Schlosskuratie Kleinheubach 1736 ihn als „Pernatitzer Laquais und Musicant“ bezeichnet (Schmid, S. 14), wurde er entgegen der Forschungsliteratur dort nicht geboren. In den Pernartitzer Kirchenbüchern des frühen 18. Jahrhunderts ist seine Taufe nicht bezeugt, wohl aber figuriert dort ab 1721 „Joannes Josephus Schmidt Ludimagister Pernaticensis“ häufiger als Zeuge (KB Plzeň, s. Quellen). Bei diesem handelte es sich vermutlich um den Vater des Komponisten, der offenbar 1721 als Schulmeister von unbekanntem Herkunftsort mit seiner Familie nach Pernartitz übersiedelte. Nach seiner ersten Beschäftigung als Waldhornist und mutmaßlich Violinist im Kleinheubacher Residenzschloss des Fürsten Karl Thomas zu Löwenstein-Wertheim-Rochefort, die er 1740 aufgab, fand er 1742 zunächst als Kammermusiker, ab 1745 als Kapellmeister Anstellung bei dem Augsburger Fürstbischof Joseph Ignaz Philipp von Hessen-Darmstadt (1699–1768). In Augsburg heiratete er am 2. Juni 1749 Franziska Sigmund.

Am 1. April 1756 wurde Schmidt „in ansicht dessen in der musiquen erworbenen guthen Erfahrenheith und besonderer Geschicklichkeit“ (Schweickert, S. 40) zum Kurmainzer Hofkapellmeister in der Nachfolge Johann →Zachs mit einem Jahresgehalt von 600 fl. zuzüglich Naturalien ernannt. Dieses Amt übte er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1787 aus. Auf den anfangs unbefriedigenden Zustand der Hofmusik deuten sowohl eine „Instruction“ vom 2. Oktober 1758 des Kurfürsten Johann Friedrich Karl von Ostein (1743–1763) an den Hofmusikintendanten Friedrich Anton Christoph Freiherr von Dalberg (1709–1775) (Schweickert, S. 102f.) als auch Schmidts (folgenlose) Bewerbung auf das Eichstätter Hofkapellmeisteramt im Jahre 1759. Seine Aufgaben scheinen sich unter Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim (1763–1774) zunehmend auf den Bereich der Kirchenmusik konzentriert zu haben, denn aufgrund von Empfehlungen Dalbergs erfolgten die Aufwertung der Position des Konzertmeisters (ab 1774 Georg Anton →Kreusser) und die Neuschaffung der Stelle eines Konzertgeigers (ab 1774 Ernst Schick). Ein 1776 im Zuge der Hofmusikreform unter Friedrich Karl Josef von Erthal (1774–1802) und dem neuen Hofmusikintendanten Franz Carl Philipp von Ingelheim (1738–1803) von Schmidt erstellter „Catalogus Sämtlicher Kirchen-Musicalien für das Jahr 1776“ (Schweickert, S. 117) spiegelt mit 22 Messen, fünf Oratorien sowie zahlreichen weiteren Propriums-, Offiziums- und sonstigen liturgischen Kompositionen das breite Spektrum der von ihm verantworteten Kirchenmusik am Kurmainzer Hof des fraglichen Jahres, auch wenn der Anteil seiner eigenen Werke nicht bestimmbar ist. Schmidts hauptsächliche Wirkungsorte waren neben dem Mainzer Dom die (nicht mehr erhaltene) Hofkirche St. Gangolph sowie während der Sommeraufenthalte des Hofes in Aschaffenburg die Kapelle des Schlosses Johannisburg und die Stiftskirche.

Gegen Ende seiner Amtszeit scheint Schmidts Wahrnehmung der Aufgaben zunehmend von Routine geprägt gewesen zu sein, worauf die Bemerkung Leopold Mozarts in einem Brief vom 27. August 1778 schließen lässt, in Mainz sei „ein alter Capellmeister h:schmid der nichts mehr thut“ (Bauer/Deutsch, No. 478; s. DME). In einem lobenden Bericht über Mainzer Oratorienaufführungen in der Fastenzeit des Jahres 1779 wird zudem lediglich Kreusser erwähnt (Deutsches Museum 1779,1, S. 568f.), obwohl auch Schmidt mindestens bis 1777 Fastenoratorien für den Mainzer Hof komponierte. 1783 formulierte der protestantische Freimaurer Hans Adolph Friedrich von Eschstruth eine scharfe Polemik über die Nachlässigkeit und Rückständigkeit der Mainzer Kirchenmusik unter Schmidt, deren Realitätsgehalt allerdings schwer zu beurteilen ist. Mit der Ablösung Ingelheims durch Franz Ludwig von Hatzfeldt-Werther-Schönstein (1756–1827) als Hofmusikintendant im Jahre 1787 erfolgte auch die Pensionierung Schmidts bei vollem Gehalt und die Einstellung seines Nachfolgers Vincenzo Righini.

Einige seiner geistlichen Kompositionen für den Mainzer Hof haben sich teils in Abschriften, teils im Autograph im heute in der Bayerischen Staatsbibliothek verwahrten Historischen Archiv des Musikverlags Schott erhalten. Für die in früheren Quellen erhaltene Orchestermusik ist die Zuschreibung bzw. ihre Bestimmung (Augsburg oder Mainz) unsicher. Stilistisch bewegt sich sein Schaffen im Rahmen der zeittypischen Standards.

WerkeDrucke (ausschließlich Libretti): Tod und Begräbnis Jesu, zweiter Teil 1761; lt. Gottron in D-MZp (vermisst) <> Die Abnehmung vom Kreuz Jesu Christi 1766; lt. Gottron in D-MZp (vermisst) <> Giefte (Text: Mattia Verazi), 1. Teil, Mainz: Ockel 1767; D-MZp (digital) <> Giefte (Text: Mattia Verazi), 2. Teil, ebd. 1768; D-MZp (digital) <> Sant’ Elena al Calvario (Text: Pietro Metastasio), 1. Teil, ebd. 1769; D-MZp (digital) <> La Passione di Gesu Cristo Signor Nostro (Text: Pietro Metastasio), 1. Teil, Mainz: Sichler 1775; D-MZp (digital) <> Della Passione di Gesu Cristo Signor Nostro (Text: Pietro Metastasio), 2. Teil, ebd. 1777; D-MZp (digital, s. Abb.) <> Manuskripte: Missa in D (4 Sst.; D-Mbs <> In die clara iucunda (Offertorium de uno sancto vel sancta) (4 Sst.); D-Mbs, s. RISM ID 1001082772 <> Iustus ut palma florebit (Offertorium de Tempore) (4 Sst.); D-Mbs, s. RISM ID 1001082785 <> Laudetur Jesus Christus (Offertorium) (4 Sst.); D-Mbs <> Venite ad me omnes (Offertorium) (4 Sst.); D-Mbs, s. RISM ID 1001082773 <> Venite vos gentes fideles (Offertorium) (4 Sst.); D-Mbs <> Miserere (4 Sst.); D-Mbs, s. RISM ID 1001082748 <> Litaniae de Sancto Joanne Nepomucene (4 Sst.); D-Mbs, s. RISM ID 1001082721 <> Sanctorum meritis (Hymnus) (1 Sst.); D-Mbs <> Jesu Redemptor omnium (Hymnus) (1 Sst.); D-Mbs <> Konzerte und Sinfonien (teils zweifelhaft, teils vermutlich aus Schmidts Augsburger Zeit) in D-HR, D-MÜu, D-Rtt, CH-MÜ, A-SEI

Quellen — KB Plzeň (CZ-PLst, Sbírka matrik západních Čech 1014, Bernartice 03, fol. 64r ff. u. 05, fol. 10r ff.) <> Kirchenindexkarte Mainz St. Emmeran (Sterbedatum) <> Hans Adolph Friedrich von Eschstruth, Musicalische Bibliothek für Künstler und Libhaber, 2. Stück, 1785, S. 255f.

Literatur — Schweickert 1937 <> Ernst Fritz Schmid, Musik am Hofe der Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1720–1750), Würzburg 1953 (Mainfränkische Hefte 16) <> Adolf Layer, Zur Biographie des Augsburger und Mainzer Hofkapellmeisters Johann Michael Schmid, in: Mainzer Zeitschrift 53 (1958), S. 59f. <>  Gottron 1959 <> Marika Breitbach, Untersuchungen zur Kirchenmusik des Mainzer Hofkapellmeisters Johann Michael Schmidt, Examensarbeit Univ. Mainz 1976 (mschr.) <> Hubert Unverricht, Die Bewerbung des Mainzer Hofkapellmeisters Johann Michael Schmid um das Eichstätter Hofkapellmeisteramt im Jahre 1759, in: Quaestiones in musica. Festschrift für Franz Krautwurst zum 65. Geburtstag, hrsg. von Friedhelm Brusniak u. Horst Leuchtmann, Tutzing 1989, S. 677–684 <> Günter Wagner, Art. Schmid, Johann Michael in: MGG2P <> Friedrich Wilhelm Riedel, Kompositionen für die Fasten- und Passionszeit am kurfürstlichen Hof zu Mainz während der letzten Epoche des Kurstaats, in: Helmut Hinkel (Hrsg.), Bibliotheca S. Martini Moguntina. Alter Bücher – Neue Funde, Mainz u. Würzburg 2012, S. 327–334 <> Musik und Musikleben am Hof des Mainzer Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal, hrsg. von Axel Beer, Ursula Kramer u. Klaus Pietschmann, Mainz 2021 (BzmM 48)


Klaus Pietschmann

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