Harald von Mickwitz
MICKWITZ, (PAUL) HARALD (Harold) VON * Helsinki 22. Mai 1859 | † ebd. 12. Febr. 1938; Pädagoge, Pianist und Komponist
Der noch ohne „von“ geborene Harald Mickwitz, Sohn des aus Estland stammenden, im Rang eines Offiziers in russischen Diensten stehenden und erst 1874 in den Adelsstand erhobenen Arztes Paul Joachim von Mickwitz (1812–1888) und dessen zweiter Ehefrau, Amalia Elisabeth Aghte (1832–1895), ebenfalls aus einer estnischen Familie (direkte Verwandtschaft mit der Musikerfamilie Aghte ist nicht nachzuweisen), erhielt seine musikalische Ausbildung zwischen 1870 und 1877 am Konservatorium in St. Petersburg bei Louis Brassin (Klavier) und Nikolai Rimsky-Korsakov (Komposition). Es folgten Studien bei Theodor Leschetizky, dem er nach Wien folgte; dort begann er, öffentlich als Pianist aufzutreten (1881, dann u. a. Helsinki 1882, Leipzig 1883, 1884).
1886 nahm Mickwitz eine Klavierprofessur am Konservatorium in Karlsruhe an, dessen Direktor seinerzeit Heinrich Ordenstein war. 1893 – sein Posten wurde von Fritz von Bose übernommen – ging er als Nachfolger von Franz Mannstaedt an das Freudenberg’sche Konservatorium in Wiesbaden, das von Albert Fuchs geleitet wurde. Er lehrte hier bis 1895 und gab Konzerte, zuerst am 8. Mai 1893 im Kasinosaal als Solist (u. a. brachte er sein Menuet op. 5 Nr. 2 zu Gehör) und Begleiter der Sopranistin E. (Elisabeth?) Wiegandt-Nachtigall. Es folgte am selben Ort am 9. Juni 1893 ein Konzert „zum Besten der Abgebrannten in Hörbach und Strassebersbach“ mit Liedern und Kammermusik.
Nach einer Konzerteise nach Russland im Sommer spielte er am 21. Okt. 1893 bei der Uraufführung der Cellosonate op. 27 von Albert Fuchs in Mainz im Konzerthaus der Liedertafel den Klavierpart (Cellist war der Widmungsträger des Werks, Oskar Brückner). Einige weitere Auftritte in Wiesbaden schlossen sich an, etwa am 10. März 1894 in Beteiligung an einem Konzert des Lufer’schen Gesangvereins mit Liedern und Klaviermusik sowie am 26. Apr. 1894 in einem von Albert Fuchs geleiteten Konservatoriumskonzert, in dem Mickwitz Solist in Henry Litolffs Concert-Symphonie (Kl., Orch.) war. An auswärtigen Auftritten sind neben einem Winterkonzert am 15. März 1894 in Stuttgart mit dem dortigen Lehrergesangverein vor allem die beiden Auftritte mit der Wiesbadener Sängerin Ida Goeringer in Karlsruhe (Liederabend, Museumssaal, 19. Nov. 1894) und Mannheim (Matinée, Kasinosaal, 2. Dez. 1894) zu nennen.
Als 1895 seine Mutter starb, begab sich Mickwitz nach Helsinki, um seine Geschwister zu unterstützen; seine Professorenstelle in Wiesbaden besetzte ab April William Dayas. Wenig später emigrierte er in die USA und wurde Lehrer am North Texas Conservatory of Music (auch bekannt als Kidd-Key-College) in Sherman (bis 1906 und erneut 1908–1912). Im August 1897 kam er noch einmal als Gast zurück nach Europa und gab in Düsseldorf ein Konzert. 1899 hielt er sich als Kurgast in Cannstatt auf. Zurück in den USA, ließ er sich dort dauerhaft nieder, wurde 1902 eingebürgert und änderte seinen Vornamen in Harold. Seine weitere Karriere führte ihn nach Chicago (Bush Conservatory of Music, 1906–1908 und 1912–1916), Park, Texas (Southern Methodist University, 1916–1918), New York (Julliard Institute of Musical Art, ab 1918), Fort Worth, Texas (Texas Woman’s College, 1924–1928), dann noch einmal nach Helsinki (1932–1934), über Dallas (Institute of Musical Art) zurück nach Sherman und schließlich wieder Helsinki, wo er starb.
Es wird berichtet (Morley 1946, S. 15), der Pädagoge Mickwitz habe gelegentlich aus Verzweiflung seinen Kopf an die Wand geschlagen, wenn es seinen Schülerinnen oder Schülern nicht gelang, seine Korrekturhinweise gewinnbringend umzusetzen. Er musste dann daran erinnert werden, dass man von Genies allein nicht leben kann.
Werke — Kompositionen: Deux morceaux (Kl.) op. 5 (Au crépuscule, Menuet), Karlsruhe: Schuster [1889] – ca. 1893 Übernahme von Forberg in Leipzig; D-B <> Impromptu (Kl.) op. 6, Karlsruhe: Schuster [1889] – ca. 1893 bei Forberg (s. o.); D-B <> Polonaise de concert (Kl.) op. 7, Leipzig: Geibel [1890] – ca. 1893 bei Forberg (s. o.); D-B <> Deux Romances (Kl.) op. 8, Stuttgart: Zumsteeg [1892]; D-B <> Etude de Concert (Kl.) op. 10, ebd. [1895]; D-B <> Klavierkonzert, ungedruckt, Verbleib unbekannt <> Violinsonaten, ungedruckt (nach BakerB) <> Lebenserinnerungen: The Memoirs of Harold von Mickwitz, Dallas, Texas: Dealey & Lowe 1936; US-AKu, US-BLu, US-DMu, US-NH, US-SHE, US-SLug
Quellen — Tätigkeitsnachweise in (Auswahl): Wiener Zeitung, Musikalisches Wochenblatt, Signale für die musikalische Welt, NZfM, Karlsruher Zeitung, Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Kölnische Zeitung, Badische Presse, Badische Landes-Zeitung, General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung; Wiesbadener Tagblatt, Wiesbadener General-Anzeiger; US-amerikanische Tagespresse <> Adressbücher Wiesbaden (1894–1896) <> N. N., Rezension Deux Mosceaux [!] op. 5, in: Karlsruher Zeitung 28. Dez. 1889 <> Arthur Smolian, Rezension Deux Romances op. 8, in: Musikalisches Wochenblatt (Leipzig) 13. Okt. 1892 <> Kurliste in: Canstatter Zeitung 8. Aug. 1899 <> The TXWOCO, Jahrbücher des Texas Woman’s College, Fort Worth, Texas 1924, 1927, 1928 <> City Directories Dallas, Texas <> Nachrufe: N. N., H. Von Mickwitz Died Month Ago, Friends Informed, in: Dallas Morning News 5. März 1938; N. N., Eminent Dallas Pianist Is Dead in: Fort Worth Star-Telegram 5. März 1938 <> Pazdírek, HmL, MMB
Literatur — BakerB <> César Saerchinger, International Who's who in Music and Musical Gazetteer, New York 1918, S. 424 <> Merywether Lewis Morley, Harold von Mickwitz (1859–1938), in: The Southwestern Musician and Texas Music Educator Nov.-Dez. 1946, S. 15f. <> The Handbook of Texas Music, hrsg. von Laurie E. Jasinski, Denton, Texas 22012, S. 9, 346, 486, 560
Abbildung 1: Konzertankündigung (erster belegter Auftritt in Wiesbaden), Wiesbadener Tagblatt 5. Mai 1893
Abbildung 2: Konzertankündigung, Wiesbadener General-Anzeiger 26. Apr. 1894
Bernd Krause