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HOCH, JOSEPH (PAUL JOHANNES) * Frankfurt/M. 3. Mai 1815 | † ebd. 19. Sept. 1874; Jurist, Stifter des Hoch’schen Konservatoriums

Während „Dr. Hoch’s Konservatorium“ all denen, die sich mit der jüngeren Musikgeschichte Frankfurts wie auch der mittelrheinischen Region befassen, natürlich ein Begriff ist, zählen gesicherte und belastbare Kenntnisse über den Stifter der Institution nicht gerade zum bildungsbürgerlichen Allgemeingut – sogar das Frankfurter Personenlexikon schweigt sich über Joseph Hoch aus, und dies anscheinend nicht ohne Grund: Zeitgenössische Quellen sind Mangelware, und der Versuch eines nach wie vor unbekannten Musikfreunds, nur wenige Jahre nach Hochs Tod unter Verwendung von Mitteilungen aus dem Freundeskreis „den Stifter vollständig zu charakterisiren“, endet nach gut anderthalb Zeitungsspalten, die neben Blumigem und Rätselhaftem allenfalls eine Handvoll konkreter Angaben aufbieten, mit dem Eingeständnis der Resignation (Didaskalia 1882). So mischen sich in der Folgezeit Fakten, von denen man ausgehen kann, mit Formulierungen, die nahelegen, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch verdienten Autoren bisweilen die Fantasie durchgehen kann. Wir hingegen lassen einmal all die Spekulationen um den musikalischen Sonderling, Eigenbrötler und menschenscheuen Geizhals, den insbesondere familiäre Unfähigkeiten angeblich haben so werden lassen (so Friederichs, Hochs Persönlichkeit), weg und begnügen uns mit dem, was nachweisbar ist bzw. ohne Gefahr, sich auf allzu dünnes Eis zu begeben, glaubhaft erscheint.

Dass Vater Johann Peter Hieronymus (* Frankfurt/M. 16. Jan. 1779 | † ebd. 21. Juni 1831), promovierter Jurist, der die komplette städtische Ämterlaufbahn bis hin zum Älteren Bürgermeister durchlief, eine musikalische Ader hatte (Nicolaus Baldenecker widmete ihm 1829 sein op. 21) und die diesbezüglichen Neigungen seines Sohns durch Violin- und Klavierunterricht fördern ließ, wird man annehmen dürfen – ohne die Gerüchteküche weiter anheizen zu wollen, darf man (neben Baldenecker) als mögliche Lehrer Ferdinand Keßler und Peter Horr wenigstens einmal ins Gespräch bringen, die die Komposition(en), die der 13-Jährige seinem Vater als Geburtstagsgeschenk überreicht haben soll (Didaskalia), zuvor abgesegnet haben mögen. Wenige Monate nach dessen frühem Tod schrieb sich Joseph Hoch, 16 Jahre alt, im November 1831 zum Jurastudium an der Universität Tübingen ein – dass er ein privates Quartier bewohnte, deutet auf großzügige familiäre Unterstützung hin – und wechselte 1833 nach Heidelberg, wo er bereits im September des Jahres zum Dr. jur. promoviert wurde. Seit Mitte 1834 war Hoch in seiner Heimatstadt als Advokat tätig und trat alsbald in (freilich eher bescheidene) städtische Dienste, so seit den 1840er Jahren als Aktuar bei der Einkommensteuerkommission; die Adressbücher verzeichnen den Advokaten Hoch bis 1874, anschließend seine Witwe: Ottilie Freiin von Sodenstein (* Kassel 1. Apr. 1837 | † ebd. 14. Okt. 1922) und Joseph Hoch hatten 1856, wobei die Hintergründe der Verbindung unbekannt sind, in Marburg geheiratet. Allerdings ist die nicht standesgemäße Eheschließung mit einer jungen Dame aus der hessischen Offiziersfamilie nicht etwa Erklärung für das Vermögen, das Hoch später in seine Stiftung einfließen ließ: Bereits 1844 und 1846 waren ihm aus der väterlichen Verwandtschaft Geldbeträge in beträchtlicher Höhe zugefallen, an deren späterer Verwendung für Hoch kein Zweifel bestand: Unmittelbar nach der ersten Erbschaft verfügte er testamentarisch die Errichtung einer Stiftung für „alle Zweige der Tonkunst“, was im endgültigen Testament des Jahres 1857 zugunsten des zu begründenden Konservatoriums präzisiert wurde. Inwieweit Hoch andererseits die Folgen der – immer wieder erwähnten – Verschwendungssucht seiner verwitweten Mutter und ihres zweiten (um fast 20 Jahre jüngeren) Ehemanns zu spüren bekam, bleibt vage; auch wissen wir nicht, was genau es mit seinen älteren Brüdern auf sich hatte, die er (angeblich) unter Kuratel stellen musste – dass einer von ihnen seit 1870 als „Privatier“ mit ihm und seiner Frau die Wohnung teilte, stimmt zumindest nachdenklich. Jedenfalls lassen sich Sparsamkeit und auch ein gewisses Maß an Misstrauen (Ottilie Hoch erfuhr vom Plan der Stiftung wohl erst bei der Testamentseröffnung) erklären, ohne – wie geschehen – ins Romanhafte abzugleiten.

Was Hochs musikalische Betätigung jenseits seiner beruflichen Verpflichtungen betrifft, zeigt bereits der genannte biographische Versuch eine deutliche Tendenz zum Romanhaften, die die Leserschaft (und mit ihr auch spätere Exegeten) zum rührseligen Weiterspinnen verführt haben mag. Ja – Hoch war sicher ein guter Klavierspieler, der sich mit Musik vom eintönigen Alltagsgeschäft ablenkte; der Biograph des Jahres 1882 lässt uns mitfühlen und staunen: „Resignirt suchte er Trost bei seiner Lieblingskunst und fand ihn, da er das Glück hatte, in sehr distinguirten musikalischen Kreisen Anerkennung zu ernten.“ Und dann kommt Henriette Sontag ins Spiel, die, nachdem sie 1827 erstmals in Frankfurt aufgetreten war, sich nach ihrer Eheschließung von der Bühne zurückgezogen hatte und an der Seite ihres Gatten, des Diplomaten Carlo de Rossi, in den Jahren 1835 bis 1838 (nachweislich und wenigstens zeitweise) in der Metropole am Main lebte; „zu ihren gefeierten musikalischen Soireen“, von denen man sonst seltsamerweise kaum etwas hört, hätte sie „vorzugsweise den jungen Doctor Hoch“ herangezogen, der „in Folge seines außerordentlichen musikalische Talents und seiner besonderen Fähigkeit, zu accompagniren“, ausersehen war, „ihren herrlichen Gesang auf dem Clavier zu begleiten“ (Didaskalia). Heinz F. Friederichs (1905–1992), ansonsten eher bekannt als zuverlässig-trockener Doyen der hessischen Familienforschung, verlegte die Szene, nachdem er zuvor beim jugendlichen Hoch seit 1827 eine „pubertäre Bindung“ an die Sängerin diagnostiziert hatte, nach Rödelheim ins Landhaus von Georg Brentano, wo die Sontag tatsächlich einen Sommer verbrachte. Hier hätte Hoch Freundschaft mit ihr, mit Carl Guhr und mit dem Schriftsteller Johann Conrad Friederich geschlossen, was letzterer, der zwar dem Aufenthalt der Sontag in Rödelheim einige Seiten widmete, zumindest der Erwähnung nicht wert hielt. Dass Hoch später unter dem Verlust der genannten Freunde litt, sich in „selbstgewählte Einsamkeit“ zurückzog, die „Flucht in die Ehe“ beging, fürchtete, „ungünstige Erbanlage[n]“ in sich zu tragen, „trotz Reichtums und Ehe, innerlich vereinsamt an Auszehrung“ starb, teilt uns Heinz F. Friederichs schließlich auch noch in fast atemloser Verdichtung mit, bevor er aufs Wesentlich kommt: Joseph Hoch stiftete das Konservatorium, das seinen Namen tragen sollte und das am 22. Sept. 1878, fast genau vier Jahre nach seinem Tod, eröffnet wurde.

WerkeErinnerungs-Polka (Nr. 4 der Reihe Tanz-Salon. Auswahl beliebter Tänze für Klavier), Offenbach: André [1846]; D-F, D-OF <> Die Komposition, die der 13-Jährige seinem Vater überreichte, ist nicht überliefert.

Quellen — KB und Zivilstandsregister Frankfurt <> Fallakte; D-Fsa (Best. S 2 Nr. 4651) <> Adressbücher Frankfurt <> Universitätsmatrikel Tübingen und Heidelberg <> [Johann Conrad Friederich], 1830–1845. Noch fünfzehn Jahre aus dem Leben eines Todten, Tübingen 1854 <> -a-, Der Stifter des Frankfurter Conservatoriums, in: Didaskalia 20. Okt. 1882, S. 1166

LiteraturJoseph Hoch zum 100. Todestag, hrsg. von der Stiftung Dr. Hoch’sches Konservatorium, Frankfurt 1974; darin u. a.: Max Flesch-Thebesius, Der Mäzen und sein Konservatorium (S. 9–16), Heinz F. Friederichs, Des Stifters Joseph Hoch Ahnen- und Sippengefüge in genealogisch-soziologischer Sicht (S. 17–27), Hochs Persönlichkeit (S. 28–33), sowie Peter Cahn, Zur Vorgeschichte und Frühzeit des Hochschen Konservatoriums (S. 37–53) <> Cahn 1979 <> Babbe 2021

Abbildung 1: Joseph Hoch, Fotographie (Digitalisat aus D-F, Porträtsammlung Manskopf)

Abbildung 2: Sammel-Titel der von André in Offenbach seit 1846 publizierten Reihe Tanz-Salon, die als Nr. 4 Hochs Erinnerungs-Polka enthält; D-Kbeer, D-OF

Abbildung 3: Gedenkstele auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gruftenhalle) anstelle bei einem Luftangriff zerstörter Gräber, zu denen „auch das von Dr. Joseph Hoch 1815–1874[,] dem Gründer des nach ihm benannten Konservatoriums in Frankfurt am Main“ zählt (aufgenommen von Kristina Krämer im August 2018)


Axel Beer

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  • Zuletzt geändert: 2023/11/14 16:59
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  • angelegt 2023/09/23 16:13