Georg Augener


AUGENER, GEORG (später „George“) (PETER WILHELM) * (Frankfurt-) Fechenheim 25. Apr. 1830 | † Clapham (heute Stadtteil Londons) 25. Aug. 1915; Musikalienhändler, Verleger

Augener absolvierte seit Ende 1846 eine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Musikalienhändler im Musikverlag André in Offenbach, mit dessen damaligem Leiter August André sein Vater, der kurfürstliche Straßenbaukommissar Friedrich Augener (1801–1885), befreundet war, und blieb anschließend weitere zwei Jahre als Handlungsgehilfe dort angestellt. Zu Augeners Offenbacher Freundeskreis gehörten Söhne dortiger Unternehmer wie Emil →Pirazzi, Karl Hecht und Wilhelm Hirschmann (1833–1911, später Lithograph) sowie möglicherweise Elise Spahn (1823–1883; eine Tochter Carl Spahns, die ihm für sein Zimmer eine Lampe lieh). Da Augener, wie er an André schrieb, aus (ungenannten) Gründen „in Deutschland keine Stelle annehmen“ konnte [!], obwohl er „Gelegenheit [dazu] hatte“ (Brief vom 6. Aug. 1852) reiste er im Sommer 1852 mit Zwischenhalten in Köln, Amsterdam und Rotterdam, wo er beispielsweise Kontakte mit Musikverleger Willem Cornelis de Vletter (* Rotterdam 25. Nov. 1815 | † ebd. 29. Sept. 1861) knüpfte, nach London und versuchte dort bei einer Buch- oder Musikalienhandlung unterzukommen. Nach verschiedenen kurzen Anstellungen – darunter bei der Londoner Weinhandlung Lischmann & Cie. – und diversen erfolglosen Bemühungen gelang es ihm schließlich 1853 eine Beschäftigung bei Charles Louis Graue (C. L. Graue & Co.) zu erhalten, der zuvor als Manager bei Ewer & Co. tätig gewesen war und sich nun als Händler und Musikimporteur etablieren wollte. Während seiner Zeit dort arbeitete Augener u. a. ein halbes Jahr an der Zusammenstellung des ersten, 27.000 Einträge umfassenden Katalogs der Leihbibliothek Universal Circulating Music Library, fand aber dennoch Gelegenheit, als verlängerter Arm Andrés in London tätig zu sein – Kontakte zu Komponisten, Arrangeuren und Händlern zu pflegen, Übersetzungen zu besorgen etc. Insbesondere Aspekte zur Vermarktung von André-Ausgaben bzw. deren Schutz gegen Nachdruck in England sind wiederkehrende Punkte der regen Korrespondenz mit dem Offenbacher Verlag. Nach einem Jahr führten finanzielle Gründe zum Erlöschen der Firma bzw. dem Ausscheiden Graues, woraufhin Gustav Scheuermann sie übernahm (G. Scheuermann & Co.). Widerwillig blieb Augener dort beschäftigt („Sch. ist kein Geschäftsmann und will sein Geschäft zum Vergnügen führen quält aber mich dabei zu Tod.“, Brief an André, 3. Mai 1854), wartete aber nur auf eine gute Gelegenheit, woanders unterzukommen.

Im Herbst 1855 machte er sich schließlich als Musikalienhändler mit der Firmenbezeichnung G. André Augener selbständig (33 Goswell Road, später 4a Tottenham Court Road und 86 Newgate Street, 199 Regent Street, 6 New Burlington Street; das „André“ als fiktiver zweiter Vorname geht auf frühere Überlegungen Augeners zurück: „André setze ich als Vornamen um in einigem Zusammenhang mit Ihrem Haus zu scheinen, was ja auch der Fall ist“, Brief vom 22. März 1854) und berichtete im November André (Brief vom 18. Nov. 1855), der (wenig überraschend) sein Hauptlieferant war: „Schott & Scheurmann sind schon ziemlich bös auf mich zu sprechen, indem ich beiden viele Kunden abgespannt. Namentlich auf dem Land mache ich gute Geschäfte und wenn ich durch Schnelligkeit von Deutschland aus ein wenig unterstützt werde, so hebe ich noch manchen aus dem Sattel und bin in einem viertel Jahr im vollen Zug. […] Einen Laden gedenke ich mir erst im Frühjahr in dem Stadttheile zu nehmen wo ich die meisten Kunden habe. […] Ich lege Ihnen ans Herz mir die Sachen ja so bald als möglich zu schicken da im Anfang sehr viel auf Promptitüde ankommt. Lassen Sie Herrn Lack und einen der jungen Herrn ein wenig über die Zeit arbeiten, ich stehe gern später eine Flasche Wein [sic].“ Augener ließ alsbald einen Katalog der durch ihn zu beziehenden Musikalien drucken (der ausschließlich Verlagsprodukte von André enthält, s. Abb.) und trat auch als Verleger hervor, wobei eigenen Angaben zufolge Julius Schulhoffs Souvenir de Varsovie op. 30 sein erstes Verlagswerk war (Brief vom 9. Dez. 1855). In den Geschäften, die er zunächst noch von der privaten Wohnung aus führte, wurde er von seiner Ehefrau Catherine Harriett Baker (1831–1885; Heir. Mai 1854) unterstützt; als Leipziger Kommissionär konnte er Karl Franz Köhler gewinnen (später befand sich sein Kommissionslager bei Hofmeister). Augener sah eine große Nachfrage bei Kammermusikwerken der „klassischen Meister“ wie Mozart und Beethoven sowie bei Orchestermusik und suchte dementsprechend, besonders in diesem Bereich gut aufgestellt zu sein. Im Mathematiker und Musikliebhaber Wesley Stoker B. Woolhouse (1809–1893) fand er 1855 einen Kunden und späteren Geschäftspartner, der die offenbar fehlerhaften Beethoven-Ausgaben Andrés penibel korrigierte, die dann seit 1859 als Nouvelle Edition erneut bei André (mit Augener als englischem Händler) erschienen. Gemeinsam mit ihm erwarb Augener das Geschäft seines früheren Arbeitgebers Scheuermann. Seit 1868 Jahre stand ihm in vielfältiger Weise Ernst Pauer zur Seite, mit dessen Hilfe er „die Classiker in billigsten Volksausgaben heraus[gab]“ (Signale für die Musikalische Welt 15. Okt. 1869) bzw. der „im Laufe der letzten zehn Jahre für die Verleger Augener & Co. eine ganze Bibliothek herausgegeben und vieles davon arrangirt“ hat (AmZ 19. Juli 1876). Zudem war Pauer seit 1876 offiziell als „Rathgeber“ für den Verlag tätig, indem „nur von ihm empfohlene Werke“ angekauft wurden (Signale Nr. 42 (Juni) 1876). In einem Interview mit dem Musical Herald berichtete Augener, dass seine günstigen Ausgaben ausländische Musik in englischem Gewand auf den dortigen Markt bringen sollten und er daneben alleiniger Vertreter der ersten Volkseditionen von Holle, Cotta und C. F. Peters war. Seit 1871 erschien in Augeners Verlag die von Ebenezer Prout herausgegebene Zeitschrift The Monthly Musical Record (erschienen bis 1960). Mittelrheinische Autoren in seinem Verlagsprogramm waren u. a. Franz Abt, Julius André, Oskar Brückner, Georg Goltermann, Heinrich Henkel, Bernhard Köhler, Vinzenz Lachner, der bereits genannte Ernst Pauer, Max Reger, Hugo Riemann, Eduard Rommel, Aloys Schmitt, Friedrich Wilhelm Stromeyer, Hugo Willemsen und Paul Zilcher. Augener selbst reiste regelmäßig zurück nach Deutschland – neben jährlichen Geschäftsreisen nach Leipzig besuchte er Pauer in Jugenheim, war 1888 zur Kur in Bad Nauheim und hielt sich jedes Jahr einige Zeit in Wiesbaden auf, wo er Gast bei Franz Abt war und später Hugo Riemann und Max Abraham (C. F. Peters) sowie sicherlich auch Oscar Meyer kennenlernte. In freundschaftlichem Kontakt stand er darüber hinaus mit Edvard Grieg, für den er den englischen Verlag übernommen hatte und den die Familie Augener mehrfach in ihrem Wohnsitz in Clapham beherbergte – dass Grieg von ihnen einen „Lawn-Mower“ und einen „Carpet-Sweeper“ geschickt bekam, sei nicht unterschlagen (Brief William Augeners an Grieg, 29. Juni 1894).

Augener war seit 1887 in zweiter Ehe mit Jessie Pauline Woolhouse (1848–1920), der Tochter seines früheren Geschäftspartners, verheiratet. Sein Sohn William (Emil Frederick) (* London 8. Apr. 1855 | † Tunbridge Wells 19. Juni 1904) aus erster Ehe erlernte in Leipzig und Hamburg das Stechen und Drucken und leitete die 1878 eingerichtete Druckerei Augeners, der zuvor in Deutschland hatte drucken lassen. Der frühe Tod Williams (und zweier weiterer erwachsener Kinder) führte dazu, dass Augener, „[d]a Niemand von der Familie da ist, der nach meinem Tode das Geschäft weiterführen kann“ (Brief an Grieg, London 10. Dez. 1904), die mit dem 1896 aufgekauften Verlag Robert Cocks’ zusammengelegte Firma in die Gesellschaft Augener & Co. Ltd. umwandelte. Als er 1910 in den Ruhestand ging, wurde der Verlag von Schott gekauft und Willy Strecker übernahm die Leitung desselben. Damit konnte nun der Mainzer Verlag das einstige Konkurrenzunternehmen im eigenen Interesse ausrichten. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer, da im Zuge des Ersten Weltkriegs Augener zurück in englischen Besitz gehen musste. Nach mehreren weiteren Inhaberwechseln ging die Firma schließlich 1972 an Stainer & Bell. Augener verstarb 1915 und hinterließ ein Vermögen von rund £95.000.

Quellen — KB Fechenheim; Standesamtsregister Kassel <> Parish Register Saint Mary, Islington; Marriage Registration Index; UK Census Records; National Probate Calendar 1915, S. 77 <> Teile der Geschäftskorrespondenz Augeners (ca. 260 Briefe), 2023 aus dem Besitz von Stainer & Bell angekauft; GB-Lbl <> Augener Family Papers; GB-Lbl (MS Mus. 1902) <> Naturalisation Certificate; GB-Lna (HO 334/1/456; HO 45/9290/5811) <> Gerichtsunterlagen Scheuermann gegen Graue; GB-Lna (C 15/150/S57; C 15/35/G110) <> Briefe an André (1848–1906; darunter auch Briefe seines Vaters an André); D-OF – von und an C. F. Peters; D-LEsta – an Edvard Grieg; N-Bo – Korrespondenz mit Schott; D-B, D-MZsch, siehe auch Kalliope – weitere Briefe siehe außerdem Kalliope <> Arthur Pearson, Messrs. Augener & Co. (= Prominent Music Publishers No. III), in: Musical Opinion & Musical Trade Review 1. Mai 1893 <> NN, Mr. George Augener, in: The Musical Herald 1. Okt. 1900 (S. 291–294) <> AmZ 20. Juli 1864 (betr. ein Mozart-Ms. im Besitz Augeners), 19. Juli 1876; Signale für die Musikalische Welt 15. Okt. 1869, 16. Jan. 1871, 10. Okt. 1871, Nr. 42 (Juni) 1876, Nr. 63 (Dez.) 1888; Wiesbadener Bade-Blatt 11. Juni 1900; The Musical Times 1. Juli 1904, 1. Okt. 1915; Musikalisches Wochenblatt 29. Juli 1909 und zahlreiche Anzeigen und Nennungen in der britischen Presse <> MMB <> Kat. Augener Jan. 1856; Kat. Augener 1861

Referenzwerke und Literatur — Art. Augener, Ltd., in: H. S. Wyndham, Who’s who in music 1913 <> Peter Ward Jones, Art. Augener, in: NGroveD <> Dagmar Schnell, Art. Augener (Familie), in: MGG2P <> William C. Rorick, Galaxy Music Corporation: the first fifty Years, in: Fontes Artis Musicae 29 (1982) Nr. 3 (Juli–Sept.), S. 125–128 <> Helena Matějčková, Augener & Co., London – neznámý Dvořákův nakladatel, in: Hudební věda 49 (2012), 3, S. 247–266 (hier insb. S. 248–251) <> Letters of Note, Blogbeitrag, Stainer & Bell, 19. Juli 2024 (online; abgerufen 18. Juli 2026)

Abbildung 1: Georg Augener nach einer Photographie, in: The Musical Herald 1. Okt. 1900

Abbildung 2: Augeners erster Katalog, Jan. 1856; D-OF

Abbildung 3: Titelseite der Augener-Ausgabe von Paul Zilchers op. 48 Nr. 1 (1906); D-BABHkrämer


Kristina Krämer