zoergiebel


ZÖRGIEBEL, GEORG * Offenbach/M. 14. Okt. 1890 | † Berlin-Wilmersdorf 3. Dez. 1951; Dirigent, Komponist

Der Sohn des Maschinenmeisters Johann Jakob Zörgiebel (1865–1943) und dessen Ehefrau Maria Magdalena Weber (1867–1921) erhielt zwischen 1896 und 1897 privaten Klavierunterricht bei Heinrich →Langen in Mainz. Die Annahme, er habe von 1895 bis 1905 das Konservatorium in Mainz besucht (MüllerDML, KürschnerDMK), kann aufgrund des daraus resultierenden Eintrittsalters von fünf Jahren als irrig bewertet werden; gesichert ist jedoch der Besuch des Mainzer Gymnasiums bis 1906. Unterricht in Musikgeschichte bei Eugen Hildach in Frankfurt/M. schloss sich an, jedoch nicht, wie MüllerDML konstatiert, am Hoch’schen Konservatorium (weder Hildach noch Zörgiebel erscheinen in den Jahresberichten), sondern wohl in Hildachs privater Gesangsschule. Seine musikalische Ausbildung vervollständigte Zörgiebel bei Engelbert →Humperdinck 1907–1908 in Berlin. Nach Beendigung der Studien wirkte er zunächst als Kapellmeister in Salzburg (Stadttheater, 1907–1909), im Anschluss in Neustrelitz (Hoftheater, 1909–1910), Kolmar (Stadttheater, 1910–1911) sowie – nach einer offenbar nur kurzen Tournee im Ausland – in Wilhelmshaven (Sommersaison 1912), Schönebeck an der Elbe (bei Magdeburg, 1912–1913) und Suhl (1913–1914).

Zu seinen ersten Aktivitäten am Mittelrhein zählt ein Operetten-Gastspiel in Mayen am 27. März 1913, bei dem Zörgiebel mit dem Orchester des Infanterie-Regiments Nr. 28 Jean Gilberts Operette Auto-Liebchen aufführte (Mayener Volkszeitung 25. März 1913). Konkret zu belegen ist aus dieser Zeit ansonsten kaum mehr als ein Auftritt in Adorf (Vogtland) am 30. Juni 1914 im Rahmen eines Gastspiels der Deutschen Operetten-Tournee (Der Grenzbote 28. Juni 1914). In der Saison 1914–1915 war Zörgiebel als Kapellmeister in Hanau angestellt. Die weitere Karriere wurde dann unterbrochen durch eine kurzeitige Einberufung zum Militärdienst (Ersatz-Landsturmbataillon Frankfurt/M.), konnte aber durch ein Engagement an der Komischen Oper in Berlin 1916–1917 fortgesetzt werden. Zörgiebel wirkte hier mit an der Produktion des Films Das Mirakel. Ein altdeutsches Mysterium, in dem er für die musikalische Gestaltung gesamtverantwortlich war.

Für die Sommerspielzeit 1917 wurde Zörgiebel in Aachen verpflichtet, bevor er in Bad Homburg die Stelle des Kapellmeisters am Kurhaustheater bekam. Er trat in beiden Orten als Dirigent verschiedener Operettenaufführungen (Werke von Ziehrer, Jarno, Ascher, Strauß u. v. m.) in Erscheinung. Am 27. Nov. 1917 wirkte er in Bad Homburg – wohl einmalig – als Darsteller des Kurt Engelbrecht in der Aufführung des Schauspiels Alt Heidelberg von Wilhelm Meyer Förster mit (Der Taunusbote 26. Nov. 1917). Unter dem Datum 25. März 1918 vermeldet die Tagespresse (Kreis-Zeitung für den Obertaunus-Kreis, Der Taunusbote) den Wechsel an das Neue Operettentheater in Bonn zum Saisonende. Tätigkeitsnachweise für Bonn liegen jedoch ebensowenig vor wie zu den im Deutschen Bühnenjahrbuch belegten Verpflichtungen in Kiel (Vereinigte Stadttheater, 1918–1919) und Lübeck (Hansa-Theater, 1919–1920).

Besser greifbar wird Zörgiebel erst wieder 1920, als er in Mainz am Stadttheater eine Anstellung als Kapellmeister fand. Die Presse berichtet allerdings ausschließlich über auswärtige Gastspiele, etwa eine am 4. Aug. 1920 in Königstein veranstaltete „Grosse Operettenrevue in Kostümen“, die der Maestro vom Klavier aus leitete, dazu auch weitere Auftritte in Geisenheim am 11., 18. und 19. Sept. 1920 (Operettenaufführungen und -abende). Im Rahmen von Berichten zur Aufführung von Johann Strauß’ Zigeunerbaron in Essen am 18. Juli 1921 wird Zörgiebel als „neugewonnener Operettenkapellmeister“ tituliert (Essener Anzeiger 20. Juli 1921). Tatsächlich wirkte er hier, laut Bühnenjahrbuch, in der Sommerspielzeit 1922 an der Komischen Oper als 2. Kapellmeister, aber auch hier fehlen konkrete Tätigkeitsnachweise.

Nach einer anzunehmenden zwischenzeitlichen Anstellung im sächsischen Döbeln kam er im Herbst 1923 ein zweites Mal nach Bonn, wo er erneut am Neuen Operettentheater aktiv war. Im Mai 1924 trat er mehrfach im Kurtheater Bad Honnef auf (Werke von J. Strauß, Kastner u. a.). Die Presse verzeichnet außerdem zwei Auftritte als Sänger, nämlich am 1. und 8. Mai 1924 in den Operetten Des Königs Nachbarin von Léon Jessel (nicht verwandt mit der Komponistin Sara Jessel) bzw. Der Zigeunerbaron von Johann Strauß. Am 22. Juni 1924 leitete Zörgiebel in Ohligs eine Aufführung von Conradin →Kreutzers Nachtlager in Granada, in Münstereifel dirigierte er am 18. Jan. 1925 Das Glücksmädel von Otto Schwartz. In der Saison 1926–1927 war er Kapellmeister in Leipzig, im Anschluss in Freiburg/Br. am Stadttheater (bis 1929; mit Gastauftritten in Strasbourg im Dez. 1928). Dann zog er vorübergehend nach Berlin. Am 2. Dez. 1934 kehrte Zörgiebel anlässlich einer Adventsfeier des Ringkirchenchors – zugleich Feier des 40-jährigen Bestehens des Ensembles – noch einmal nach Wiesbaden zurück; er begleitete den Chor am Klavier. Später ließ er sich hier für einen längeren Zeitraum nieder (laut Adressbüchern von 1938 bis 1950). Sein letztes Lebensjahr verbrachte er allerdings in Berlin.

Während der Dienstzeit beim Militär schloss Zörgiebel in Hanau 1915 mit der Sängerin Lieschen Gertrud Klara Gyss, verwitwete Schneider (* Berlin 7. Apr. 1877 | † Berlin-Buckow 25. Juni 1958) seine erste, 1920 (in Kiel) geschiedene Ehe. Erneut eine Sängerin heiratete er mit Hanna Freiin von Stein (aus dem Zweig Liebenstein zu Barchfeld, * Kassel 1. Febr. 1892 | † Traunstein 16. Apr. 1979) 1921 in Freiburg; sie war dort, nach vorheriger Anstellung am Stadttheater Kaiserslautern (1920–1921), engagiert und folgte fortan ihrem Gatten zu dessen Wirkungsorten (s. o.). Auch diese Ehe wurde geschieden, doch Zörgiebel wagte es 1950 in Berlin noch einmal, und zwar mit Waldtraut Margot Anna Minna Rothhardt (* Bückgen (Niederlausitz) 18. Aug. 1923), die nach Auskunft des Berliner Adressbuchs von 1957 ebenfalls Sängerin war und sich nach dem Tod ihres Mannes vorübergehend in Kanada aufhielt.

Zörgiebel war seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP und am 18. Dez. desselben Jahres in Freiburg/Br. als Leiter der NS-Kreiskapelle beteiligt an einer Festaufführung des Propagandafilms Der Sieg des Glaubens. Er war außerdem Mitglied im Verband deutscher Orchester- und Chorleiter (Eintritt Anf. 1912), in der Akademie deutscher Tonkünstler und in der Reichstheaterkammer, aus der er aber 1944 wegen einer nicht näher bekannten Vorstrafe ausgeschlossen wurde. – Trotz des relativ kurzen Einsatzes im Ersten Weltkrieg war er Träger der Eisernen Kreuze 1. und 2.Klasse sowie der Hessischen Tapferkeitsmedaille.

WerkeKomödiantenliebe, Operette (Text: A. Wendrich), UA Tivoli-Theater Graudenz 4. Dez. 1919, weitere Auff. Lübeck 1920 <> im Deutschen Bühnenjahrbuch ohne weitere Angaben genannt sind die Operetten Die platonische Ehe (1920), Der möblierte Herr, Wer zuletzt lacht (beide 1921) sowie als „Op[ere]tten-Text“ Renée (1921) <> Prinzesschen (Sst., Kl., „Der Königssohn reitet hinunter ins Land“) op. 2, aufgef. Königstein 9. Dez. 1917, Bad Homburg 26. Dez. 1917, 6. Febr. u. 27. Apr. 1918, ebd. 3. Dez. 1919; Homburg: Grützner [1919]; D-B <> Prinzesschen, Märchen-Idyll (Orch./Salonorch.) op. 23 (!), Homburg: Grützner [1919]; D-B <> MüllerDML nennt: 47 Lieder im Manuskript

Quellen — Personenstandsregister Offenbach/M. (Register zu den Geburten), Hanau (Heiratsurkunde 1915), Berlin-Wilmersdorf (Sterbeurkunde); KB Freiburg/Br. (Heirat 1921) <> Programm des Großherzoglichen Realgymnasiums, der Ober-Realschule und der Höheren Handelsschule zu Mainz 1903–1906 <> Ferdinand Meister, Mitteilungen des Verbandes Deutscher Orchester- und Chorleiter (E. V.), in: NZfM 15. Febr. 1912, S. 94 <> Deutsches Theater-Adressbuch 1912–1918/19, Neuer Theater-Almanach 1913–1914, Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1915–1922, 1924–1929 <> NSDAP-Mitgliederkartei; Berlin, Bundesarchiv <> Akte Betreuung von Musikern bei Rechtsauseinandersetzungen, 1944 (enthält: Anfrage nach Zörgiebels Zugehörigkeit zur Reichsmusikkammer, Material zum Ausschluss aus der Reichstheaterkammer); D-Bla <> Fallakte, 1946–1949; D-WIsta <> Adressbücher Wiesbaden (1938, 1948, 1950) <> Telefonbücher Berlin (1952, 1953), Adressbuch Berlin (1957) <> Nachweise zu Auftritten (Auswahl): Mayener Volkszeitung, Echo der Gegenwart (Aachen), Aachener Anzeiger, Taunusbote, Kreis-Zeitung für den Obertaunus-Kreis (Bad Homburg), Taunus-Zeitung, Geisenheimer Zeitung, Essener Anzeiger, Essener Volks-Zeitung, Deutsche Reichs-Zeitung, General-Anzeiger (Bonn), Godesberger Volkszeitung, Honnefer Volkszeitung, Münstereifeler Zeitung <> Strassburger neueste Nachrichten 22. Dez. 1928; Wiesbadener Tagblatt 3. Dez. 1934 <> MMB <> Datenbank Registrierungen und Akten von Displaced Persons, Kindern und Vermissten; Arolsen Archives

Literatur – MüllerDML <> KürschnerDMK (ungeprüfte Übernahme aus MüllerDML) <> KoschDTL <> Bernd Serger, Wie das Kino einst nach Freiburg kam. Die Geschichte der Filmtheater bis 1945, e-paper, 2023, S. 71 (Direktlink zur Fundstelle, abgerufen am 14. Apr. 2026)

Abbildung 1: Ankündigung einer Operetten-Revue, Taunus-Zeitung 31. Juli 1920

Abbildung 2: Zörgiebel verkauft eine Klavier-Harmonika, Wiesbadener Tagblatt 1. März 1939

Abbildung 3: Wohnungsgesuch in der Wiesbadener Zeitung 4./5. März 1944 (vmtl. unmittelbar nach der Scheidung von der zweiten Ehefrau)


Bernd Krause

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