oberlinger

OBERLINGER (Familie)

(1) Johann Philipp * Windesheim 2. Apr. 1756 | † ebd. 1810; Schreiner und Orgelbauer

(2) Jakob * Windesheim 6. März 1842 | † ebd. 7. Mai 1916; Urenkel von (1), Orgelbauer

(3) Karl (II.) * Windesheim 1879 | † ebd. 1962; Sohn von (2), Orgelbauer

(4) Hermann * Windesheim 1908 | † ebd. 2. Mai 2002; Sohn von (3), Orgelbauer

(5) Ernst * Windesheim 1. Jan. 1915 | † ebd. 17. März 2004; Sohn von (3), Orgelbauer

Der um 1520 geborene Claus Überlinger († in Bacharach) ist der Stammvater der vom Bodensee stammenden Familie; vier Generationen später ist für Nikolaus Überlinger (1651–1725) das Schreinerhandwerk als Voraussetzung für den Orgelbau belegt.


(1) Johann Philipp Oberlinger ist ab 1773 als Mitarbeiter der Orgelbauerfamilie →Stumm in Rhaunen-Sulzbach nachweisbar, erstmals beim Neubau der Orgel in Horrweiler, 1793 in Windesheim (ev.).


(2) Jakob Oberlinger lernte das Orgelbauerhandwerk unter anderem bei den Gebrüdern Weil in Neuwied (1868–1869); sein Bau von Transmissionssystemen verweist auf eine Lehre auch am Niederrhein, wo diese Systeme sehr verbreitet waren. Er gründete gemeinsam mit seinem Bruder, dem Schreinermeister Karl Oberlinger (1840–1919), die Firma Gebr. Oberlinger in Windesheim, die 1880 das Weilsche Werkstattinventar kaufte, außerdem das der Firmen →Schlaad (Waldlaubersheim) und Gustav →Stumm (Kirn). Seine Orgeln weisen zunächst mechanische, ab 1895 pneumatische Kegelladen auf; ab 1902 fertigte die Firma auch Röhrenpneumatik und rüstete 1912 die Orgel in Bingerbrück mit elektropneumatischer Spieltraktur aus.

Werke (in Auswahl) — 1882 Rotterdam, Deutsche Evangelische Kirche (II/P/19); 1905–1921 geringfügig in der Disposition verändert, 1938 von Theo Strunk (Rotterdam) transloziert nach Renesse, Sint Jacobus (NL); 1952–54 auf eine neue Empore über der Kanzel umgesetzt, 1985/86 von Leeflang (Apeldoorn) restauriert <> 1885 Leideneck (ev.) (I/P/10), im Originalzustand (1960 erneuertes Gebläse) <> 1895 Bingerbrück, Gustav-Adolf-Gedächtniskirche, heute Gustav-Adolf-Jubiläumskirche (ev.), 1912 mit einer elektropneumatischen Traktur nachgerüstet, 1968 ersetzt durch ein Instrument von Hermann und Ernst Oberlinger (I/P/8), das 1996 in der Alexanderkirche Kiew aufgestellt wurde; 1993 Neubau (II/P/23) <> 1900 Kappel (ev.) (I/P/6), im Originalzustand (1966 erneuertes Gebläse) <> 1901 Seibersbach, Johanneskirche (ev.) (I/P/10)


(3) Nach dem Tod der Firmengründer führte Karl (II.) Oberlinger den Betrieb weiter. Schon ab 1937 – unter dem Einfluss der Orgelbewegung – baute die Firma Schleifladen, zunächst mit elektropneumatischer, von den 1950er Jahren an mit mechanischer Spieltraktur.

Werke (in Auswahl) — 1919 Laubenheim an der Nahe <> 1920 Windesheim <> 1927 Hallgarten


(4)–(5) Karl Oberlinger übergab die Firma nach dem Zweiten Weltkrieg an seine Söhne Hermann Oberlinger (4) und Ernst Oberlinger (5). Während unter Karl Oberlinger kaum Instrumente neu gebaut wurden, expandierte die Firma in den 1970er Jahren und zog in einen Firmenneubau am Rand von Windesheim. Beide Firmeneigner arbeiteten bis ins hohe Alter an Orgelneubauten, auch nach der Übernahme der Firmenleitung durch Helmut Oberlinger (* 1942, Sohn von (4)) und Wolfgang Oberlinger (* 1943, Sohn von (5)). Die Firma Oberlinger-Orgelbau GmbH und Co. KG hatte zwischenzeitlich 90 Angestellte und lieferte über 1.200 Instrumente aus. 2005 musste das im Kontext von ausländischen Großaufträgen in Zahlungsschwierigkeiten geratene Unternehmen Insolvenz anmelden, wurde 2007 mit Emil Hammer Orgelbau zur Orgelbaugesellschaft Reichenstein fusioniert (aufgelöst 2011) und schließlich 2008 von Wolfgang Oberlinger als Oberlinger GmbH restrukturiert. Ein Schwerpunkt der Firma liegt heute auf Restaurierungen, so zum Beispiel von Orgeln in Trechtingshausen (Burg Reichenstein: Steinmeyer, II/P/28), Hannover (Villa Seligmann: Synagogenorgel, II/P/21), Guldental (ev. Kirche: Stumm-Oberlinger, II/P/22) oder Stadecken-Elsheim, Ortsteil Elsheim (Friedrich Engers, Waldlaubersheim 1844, I/P/11). Die Firma unterhält auch ein Büro in China. Seit 2001 präsentiert das orgel ART museum rhein-nahe die Sammlung historischer Instrumente der Familie sowie eigene Orgelentwürfe; das Museum wurde mit Hilfe des Landes Rheinland-Pfalz errichtet und wird inzwischen geführt und verwaltet von der Fondation Oberlinger und einem angeschlossenen Förderverein.

Werke (in Auswahl) — 1955 Worms, Stiftskirche St. Paulus (II/P/24) <> 1957 Bad Kreuznach, Pauluskirche (ev.) (III/P/43) <> Gimmeldingen (II/P/20) im historischen Gehäuse von Hartung (Bad Dürkheim, 1749); 1995 Erneuerung der Traktur durch Orgelbau Steinmeyer <> 1963 Landau, Stiftskirche (III/P/46) im historischen Gehäuse von Ignaz Seuffert, 2005 nach Gorzno (Polen) transloziert <> 1963 Tholey, Benediktinerabtei St. Mauritius (III/P/42) im historischen Gehäuse von Roman Benedikt Nollet (1736) <> 1966 Neustadt an der Weinstraße-Mußbach (ev.) (II/P/18) <> 1968 Kaiserslautern, Stiftskirche (IV/P/64) <> 1970 Neustadt an der Weinstraße, Stiftskirche (ev.) (III/P/52) <> 1970/1982 Wiesbaden, Marktkirche (ev.) (IV/P/85), vor der Erweiterung ursprünglich II/P/53 <> 1973 Koblenz, Florinskirche (ev.) (II/P/26) <> 1975 Berlin, Dominikanerkloster St. Paulus (III/P/48) im z. T. historischen Gehäuse von Johann Heinrich Schäfer (1849) <> 1975 Büdesheim (Bingen am Rhein), St. Aureus und Justina (III/P/39) <> 1975 Koblenz, Maria Himmelfahrt (II/P/22) <> 1976 Neustadt an der Weinstraße-Lachen (ev.) (II/P/20), im historischen Gehäuse von Walcker (1866) <> 1981 Bonn-Beuel, St. Joseph (II/P/58) in einem historischen Schweizer Gehäuse <> 1982 Frankfurt am Main, Alte Nikolaikirche (II/P/23) <> 1982 Jerusalem, Dormitio-Basilika (III/P/37) <> 1986 Nassau (Bahamas) Christ Church Cathedral (III/P/64) <> 1988 Gbadolite (Kongo), Palastkirche des Staatspräsidenten (II/P/28) <> 1988 Mainz, Johannes Gutenberg-Universität (III/P/38), mit Pfeifenmaterial der Vorgängerorgel von 1957; 2010 transloziert in die Altmünsterkirche Mainz (ev.) <> 1989 Ibbenbüren, St. Mauritius (II/P/34) <> 1989/1990 Hanau, Stadtpfarrkirche Mariae Namen (III/P/53) <> 1990 Dillenburg, Stadtkirche (ev.) (III/P/45) hinter dem historischen Prospekt von Florentinus Wang (1719), 1990–2005 mehrfach erweitert <> 1992 Neuwied-Altwied (ev.) (II/P/19) im historischen Gehäuse von Johann Wilhelm Schöler, Bad Ems (1756) <> 1992 Bad Kreuznach, St. Franziskus (II/P/25) <> 1994 Taejon (Südkorea), Taejon Church (III/P/37) <> 1995 Offenbach, St. Paul (III/P/40) <> 1996 Worms, Dom (II/P/18) <> 1997 Bad Kreuznach, Markuskirche (II/P/12) <> 1997 Cochem, St. Martin (III/P/42) <> 1997 Kusel, Stadtkirche (ev.) (III/P/33) in einem Gehäuse von Stumm (1845) <> 1998 Vallendar, St. Marzellinus und Petrus (III/P/52) <> 1999 Peking, China National Radio, Sendesaal (IV/P/51) <> 1999 Taejon (Südkorea), Hyechon-Universität (III/P/44) <> 2000 Worms-Hochheim, Maria Himmelskron (II/P/25) in einem historischen Gehäuse des 18. Jahrhunderts <> 2003 Bad Kreuznach, St. Nikolaus (II/P/24) <> 2005 Peking, Chaoyang Church (II/P/25) <> 2005 Peking, Fengtai Church (II/P/26)


Quellen — Familien- und Firmenarchiv Oberlinger

Literatur — Bösken 1967 <> Bösken 1975 <> Immanuel Jacobs, Wolfgang Oberlinger und Peter Matthias Scholl, Die neue Oberlinger-Orgel in der Basilika der Dormition-Abbey auf dem Berge Sion in Jerusalem, Windesheim 1982 <> Hans Uwe Hielscher, Die Oberlinger-Orgel in der Marktkirche Wiesbaden, Bad Kreuznach 1990 <> Thomas Frank, Orgelbau zwischen Orgelbewegung und französischer Orgelromantik. Dargestellt an ausgewählten Instrumenten der Orgelbauwerkstatt Oberlinger, Hamburg 2010

Abbildung: Die Oberlinger-Orgel in der Gustav-Adolf-Jubiläumskirche Bingerbrück; Foto: Oberlinger Firmenarchiv


Birger Petersen

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  • Zuletzt geändert: 2020/02/03 13:54
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