Carl Witzel
WITZEL, CARL * Frankfurt/M. 9. Dez. 1930 | † Wiesbaden 17. Aug. 2018; Organist, Pianist, Dirigent, Komponist
Carl Witzel bekam im Alter von sechs Jahren Klavierunterricht und war Sänger im Frankfurter Motettenchor und in der Domgemeinde, wo Carl Heinrich Hartmann ihm auch das Orgelspiel beibrachte. Nachdem die Familie 1944 die Stadt verlassen musste, konnte er 1946 an St. Ferrutius in Bleidenstadt die Organistenstelle bekleiden und 1948 einen Kirchenchor gründen. Zwischen 1948 und 1953 widmete er sich am Wiesbadener Konservatorium umfangreichen Studien bei Richard Lerch und Richard Meißner (Dirigieren), Kurt Utz und Wilhelm Müller (Kirchenmusik und Orgel), Chorregent Paul Gutfleisch aus Kiedrich (Liturgie und Gregorianik), Kurt Gerecke (Klavier) sowie Werner Fussan und Franz Flößner (Komposition). Seit 1950 fungierte er als Leiter eines studentischen, in Wiesbaden und Umgebung auftretenden Streicher-Ensembles.
Eine erste Anstellung fand Witzel 1952 als Organist an Herz Jesu in Biebrich, wo er sich gemeinsam mit Ehefrau Renate in der Folgezeit intensiv auch um allgemeine Angelegenheiten der Gemeinde kümmerte. 1953 bzw. 1955 übernahm er die Leitung der Kirchenchöre an St. Marien, Biebrich, und an Herz Jesu. Im Juni 1957 wirkte er an Orgel und Klavier in einem von Direktor Meißner geleiteten Konzert im Konservatorium mit; hier bekam er auch einen Lehrauftrag für Orgelspiel. Die Biebricher Chöre von Herz Jesu und St. Marien schlossen sich mit demjenigen von St. Ferrutius, Bleidenstadt, 1958 zur Chorvereinigung Carl Witzel zusammen. Ebenfalls 1958 entstand das Wiesbadener Kammerorchester, dessen Wurzeln in dem erwähnten Streicher-Ensemble lagen. Nach Auftritten auch in Mainz, Eppstein (Adventskonzerte) und Biebrich (Schlosskonzerte) wurde das Orchester überregional bekannt. Sowohl Witzel selbst als auch der langjährige Konzertmeister Helmut May schrieben Werke für das Ensemble.
Chorvereinigung und Wiesbadener Kammerorchester traten zusammen unter Leitung Witzels mit kirchenmusikalischen Werken in großen Besetzungen auf, wobei die alljährlichen Weihnachtskonzerte im Wiesbadener Kurhaus Höhepunkte waren. Als Solisten wurden hierbei teils Mitglieder des Staatstheaters herangezogen, teils aber auch Nachwuchskünstler, etwa Preisträger des Wettbewerbs Jugend musiziert (Witzel war hier auf Landesebene im Vorstand aktiv). Zu den weiteren Verpflichtungen der Chorvereinigung gehörten ab 1970 die Sonntagskonzerte in Kloster Eberbach. Gemeinsam gestalteten beide Ensembles Konzerte zur 1100-Jahrfeier der Stadt Biebrich (1974), wobei auch Witzels zu diesem Anlass komponiertes Rheinisches Te Deum erklang. In den 1970er Jahren gastierte Witzel mit seinem Chor mehrmals in Italien, etwa 1970 in Rom in Santa Maria dell’Anima und in Castell Gandolfo (im Rahmen einer Papstaudienz), 1973 in Venedig auf dem Markusplatz und in San Marco, 1976 in Florenz, 1980 im Petersdom in Rom (erstmalige Gestaltung eines sonntäglichen Pontifikalamts durch einen ausländischen Chor) sowie schließlich 1983 in Padua und Chioggia. Weitere erfolgreiche Jahre folgten, bevor die Chorvereinigung Carl Witzel 2008 aufgelöst wurde. Wenig später gab Witzel auch die Leitung des Wiesbadener Kammerorchesters ab; Nachfolger wurde 2010 der Kirchenmusiker Franz Josef Oestemer.
Parallel zur Konzerttätigkeit nahm Witzel in Wiesbaden pädagogische Aufträge wahr, und zwar am Pädagogischen Fachinstitut (für Lehrerbildung) (1966–1971) und als leitender Musiklehrer am Gymnasium am Mosbacher Berg (1971–1994), dessen Oberstufenchor er 1973 in die Chorvereinigung Carl Witzel integrierte. Er fungierte außerdem als Mitglied im Landesmusikrat in der Konferenz der Bezirkskantoren im Bistum Limburg. 1998 war Witzel Gründungsmitglied des Freundeskreises Stiftung Kloster Eberbach e. V., wo er bereits seit 1970 und bis 2011 die Geschicke des Arbeitskreises Kloster Eberbacher Sonntagskonzerte leitete. Er begründete hier eine Konzerttradition, die bis heute Bestand hat, wobei das musikalische Werk des Zisterzienser-Paters Joseph →Schmitt (1734–1791) oft im Mittelpunkt stand.
Im Lauf seiner Karriere wurde Witzel mehrfach ausgezeichnet, etwa mit der Päpstlichen Medaille Paul VI (1970), den Bürgermedaillen in Silber bzw. in Gold der Landeshauptstadt Wiesbaden (1983, 1995) und der Medaille des Bistums Limburg (1987). 2000 schließlich wurde ihm das Bundesverdienstkreuz (Verdienstkreuz am Bande) verliehen.
Werke — (Auswahl; sämtlich ungedruckt) vokal: Rheinisches Te Deum, komp. zur 1100-Jahrfeier von Biebrich, UA Kurhaus Wiesbaden 1974 <> Missa Sanctae Mariae ad flores (Chor, Orch.), UA Dom Florenz 1976 (Chorvereinigung Carl Witzel, Wiesbadener Kammerorchester) <> Sonnengesang des heiligen Franziskus, Kloster Eberbach 1977 <> Magnificat (Soli, Chor, Orch.), UA Rom 1980 <> Pater noster (Chor, Orch.), 1983 <> Carmina Cisterciensia, Kantate, Auftragskomposition zum 850. Jubiläum der Zisterziensergründung in Kloster Eberbach, 1986 <> L’infinito, Poesia lirica, Eberbach 1996 <> Messe Nr. 2 (Soli, Chor, Orch.), 1999 <> instrumental: Studie (5 Kl.), UA Wiesbaden 1958 <> Konzert (2 Kl., Orch), UA Wiesbaden 1958 <> Concerto per Archi, Venedig 1973 <> Klavierkonzert, Wiesbaden 1983 <> Concertino (2 Vl., Vc., Orch.), Wiesbaden 1998 <> Introduktion, Praeludium und Choral über b-a-c-h (Orch.), Eberbach 2000
Quellen — Fallakte zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, 2000; D-WIsta <> Akte Chorvereinigung Carl Witzel, 1965–1993; D-WIsta <> Programmhefte zu Konzerten der Chorvereinigung; D-WIsta <> NZfM Juni 1957, S. 383; NZfM Juni/Juli 1958, S. 403 <> Telefonbücher Frankfurt/M. (1961, 1966) <> Traueranzeigen in: Weser-Kurier (online) und VRM-Trauer (online; Aufrufe: 6. Jan. 2026) <> Nachruf: Kloster Eberbach trauert um Carl Witzel, Pressemeldung Kloster Eberbach, 30. Aug. 2018 (online; Aufruf: 6. Jan. 2026)
Literatur — Bernhard Hemerle, Art. Witzel, Carl, in: BBKL (mit weiteren Hinweisen) <> Art. Chorvereinigung Carl Witzel, in: Stadtlexikon Wiesbaden (online); Art. Wiesbadener Kammerorchester, ebd. (online; Aufrufe: 6. Jan. 2026) <> N. N. (red), Festkonzert in Eberbach mit Oratorium „Carmina cisterciensia“ von Carl Witzel, in: Der Biebricher Aug. 2011, S. 7
Bernd Krause