stegmann


STEGMANN, CARL DAVID get. Dresden 7. Nov. 1751 | † Bonn 27. Mai 1826; Musiker, Sänger, Schauspieler, Komponist

Stegmann war Sohn des herrschaftlichen Mundkochs wie auch später „Schreibereybeflissenen“ in Dresden Johann Ehrenfried Stegmann (ca. 1725–1797) und dessen Ehefrau Anna Christiane geb. Bretzner (ca. 1729–1802) – eine Verwandtschaft der Mutter mit dem Librettisten Christoph Friedrich Bretzner ist nicht unwahrscheinlich. Den ersten Musikunterricht erhielt Carl David seit 1759 vom Kantor in Staucha (heute Landkreis Meißen), wo seine Familie aufgrund der „damaligen Kriegsunruhen“ (Gerber NTL) vorübergehend Zuflucht gefunden hatte – Staucha ist entgegen verbreiteter Angaben nicht der Geburtsort (der 1. April [!] 1751 auch nicht der Geburtstag) Stegmanns. Seit 1760 setzte er seine Ausbildung in Dresden, u. a. bei Gottfried August Homilius, dem Kantor der Kreuzkirche, fort und war von Ende 1765 bis 1770 Schüler der Kreuzschule. In Breslau fand Stegmann 1772 bei einer Schauspielergesellschaft ein erstes Engagement, dem bis 1778 in zeit- und branchenüblicher Manier in kurzen Abständen weitere, etwa in Königsberg, Danzig und zuletzt am herzoglichen Hoftheater in Gotha als Sänger und Schauspieler (1776–1778), folgten. Anschließend ließ sich Stegmann, dessen Bühnenwerke dort bereits in Form von Klavierauszügen verbreitet waren, in Hamburg als Musiker (insbesondere Pianist) und Komponist wie auch Konzertveranstalter nieder; überdies war er (u. a. gemeinsam mit Karl Wilhelm Ferdinand Unzelmann) Mitglied der Opern- und Schauspielgesellschaft, deren Auflösung im März 1783 ihn zum Weggang aus der Hansestadt veranlasste – sein Plan, gemeinsam mit zwei Kollegen, „in Hoffnung auf eine fortdaurende Unterstützung edelmüthiger Patrioten und Schauspiel-Freunde […] das Theater auf Ostern wieder zu übernehmen“ (Hamburgische Neue Zeitung 4. März 1783), war nicht zu realisieren.

Nur kurze Zeit später (Debut am 29. Apr. 1783) schloss Stegmann sich der Gesellschaft von Gustav Friedrich Wilhelm Großmann (1746–1796) an, der, damals noch in kurkölnischen Diensten, mit einer Aufführung am 3. Sept. 1782 das Frankfurter Komödienhaus eröffnet hatte. Mit Beginn der Saison 1783/84 ging die Leitung des Spielbetriebs wie auch diejenige der Mainzer Bühne auf Großmann über; mit Stegmann als Musikdirektor (auch Schauspieler und Sänger) trat die Gesellschaft während der Wintermonate in Frankfurt und Mainz, im Sommer in Pyrmont auf. Nach dem Weggang Großmanns im Sommer 1786 agierten Stegmann und Unzelmann gemeinsam als „Mitdirecteurs der hiesigen Theatergesellschaft“ (Frankfurter Staats-Ristretto 12. Juni 1787), die nach wie vor in beiden Städten spielte. Auch das unter Intendanz von Friedrich Karl von Dalberg am 5. Nov. 1788 (mit Georg Anton Kreussers Prolog Die Ausbreitung der Kunst) eröffnete Nationaltheater, das nach wie vor in Mainz und Frankfurt wie nun auch in Aschaffenburg spielte, griff auf Stegmann als Sänger und Schauspieler sowie vor allem als Musikdirektor zurück – Catharina Elisabeth Goethe, nicht nur Mutter des Dichters, sondern auch ausgesprochene Liebhaberin wie Kennerin des Sprech- und Musiktheaters, berichtete ihrem Vertrauten Großmann: „Stegmann ist jetzt der Liebling des hiesigen und Mainzer publicums“ (Brief, Frankfurt 24. Apr. 1789); ihre Freude darüber, dass „er sich auf 12 Jahr aufs neue [habe] anwerben laßen“ (ebd.), währte indes nicht lange, denn im November 1792 stellte das Nationaltheater seinen Betrieb aufgrund der politischen Umwälzungen ein. Stegmann kehrte – mit seiner neunköpfigen Familie (s. weiter unten) und von Schulden gegenüber der Theaterintendanz belastet – zunächst nach Hamburg zurück, wo er weiterhin als Sänger, Schauspieler und Komponist tätig war; ins Jahr 1797 fällt – folgen wir dem Gothaer Theater-Calender – noch einmal ein kurzes Bühnen-Engagement in Mainz. Seinen letzten Wohnsitz nahm Stegmann schließlich 1811 in Bonn; hier war er als privater Musiklehrer (vor allem in den Bereichen Komposition und Gesang) tätig, weiterhin als Komponist wie auch als Arrangeur für den Musikverlag Simrock.

Dass der „Publikumsliebling“ Stegmann es war, der die Titelpartie in Mozarts Don Giovanni am 13. März 1789 in Mainz erstmals in deutscher Sprache sang, sei ebenso erwähnt wie die von seinem Ensemble am 1. Mai 1791 in Frankfurt dargebotene erste deutsche Fassung von Così fan tutte (Liebe und Versuchung) sowie natürlich auch sein Beitrag für die Krönungsfeierlichkeiten Kaiser Franz’ II. in Form des am 15. Juli 1792 aufgeführten „allegorischen Singspiels“ Heinrich der Löwe. Keineswegs aber darf seine (im Jahre 1792 neunköpfige) Familie unerwähnt bleiben: Mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Caroline Johanna Eleonore geb. Linz (* Breslau ca. 1755 | † Hamburg 7. Nov. 1808), die nach ihrem Debut im Jahre 1771 seit etwa 1775 auch beruflich immer an seiner Seite war, sorgte Stegmann für reichlich Nachwuchs – die Mädels und Jungs wuchsen wie selbstverständlich in die Schauspielerfamilie wie auch die entsprechenden Verpflichtungen hinein und standen in der Regel bereits mit sieben Jahren in Kinderrollen auf der Bühne; gesichert ist dies für (Johann) Wilhelm (* Gotha 12. Jan. 1778) und Felicitas Friederike Wilhelmine („Fritze“; * Hamburg 29. Aug. 1781, verheiratet seit 1802 (Hannover) mit dem Hofmusikus Nikolaus Lebrecht Daniel Fischer), die beide 1785 bzw. 1788 in Frankfurt erstmals vor Publikum spielten. Tochter Caroline (Amalie Luise) („Lina“) (* Königsberg 1776 | † Hamburg 20. Sept. 1812; seit 1796 verheiratet mit dem Schauspieler Jakob Herzfeld (1769–1826)), debütierte 1789 ebenfalls in Frankfurt als „angehendes Mädchen“ und erhielt im Dezember 1792 ein Engagement als Opernsängerin in Hamburg. Ihre Schwester Wilhelmine (* ca. 1783; seit 1803 in Stettin verheiratet mit ihrem Kollegen Johann Heinrich Schaefer) wurde Schauspielerin, und (Margarethe) Amalia (* Mainz 29. Febr. 1788 | † München 29. Apr. 1839; seit 1811 Ehefrau von Johann Heinrich Neumann, „Calculator bey der Königl. Bayerschen Staats-Schulden-Tilgungs-Commißion“; Hamburgischer Correspondent 18. Juni 1813) stellte sich 1804 erstmals dem Hamburger Publikum als Konzert-wie auch Opernsängerin vor. Lediglich Friedrich Franz Karl Eckenbert (* Mainz 12. Mai 1789; Taufpate war der gleichnamige kurfürstliche Rat von Dalberg | † Frankfurt/M. 21. Jan. 1829) tanzte aus der Reihe und wurde Jurist. Dass der beinahe 70jährige Carl David Stegmann 1821 nach längerem Witwerstand noch einmal zum Traualtar schritt, sei angefügt: Die Quartiermeisterstochter Johanna Christiane geb. Lindner (* Eckernförde ca. 1780 | † Bonn 19. Febr. 1837) gab ihm im Oktober 1821 in Bonn das Jawort. –

Freilich bietet der Lebensweg Stegmanns manche Steilvorlage für phantasievolle Ausschmückungen unter Verwendung der üblichen Klischees aus der Bildwelt des „romantischen Künstlertums“. Jedoch sei vorsichtshalber dokumentiert, dass er – was ja eigentlich bei einer Charakterisierung dieser Art unablässig wäre – keineswegs verarmt starb: Seine „Verlassenschaft“, die im Febr. 1827 in Bonn versteigert wurde, enthielt (neben dem üblichen Mobiliar) auch „Prätiosen“ inklusive „einer goldenen Halskette, goldenen Uhren, einer goldenen Tabatiere, einem schönen brillantenen Ringe, Silberwerk“, schließlich, wobei der mutmaßliche Verlust aus unserer Sicht als besonders tragisch eingestuft zu werden hat, eine „bedeutende Sammlung Musikalien, worunter mehrere Clavierauszüge von Opern, Partituren, Clavierconzerte und Gesangstückern“. (Bonner Wochenblatt 11. Febr. 1827).

Werke — Ein bibliographisch zuverlässiges Verzeichnis, das allen Bereichen (also jenseits der Opern und sonstigen Bühnenwerke auch dem Liedschaffen, der Instrumentalmusik sowie den Bearbeitungen) in vollem Umfang, also auch im Blick auf nicht überlieferte Arbeiten, gerecht werden würde, kann zur Zeit noch nicht gegeben werden; s. vorläufig Gerber ATL und NTL (Auflistung nach Angaben des Komponisten), EitnerQ, MGG, MMG2P und RISMonline sowie StiegerO

Quellen — KB Staucha; Kirchliche Wochenzettel Dresden; KB Gotha (Schlosskirche); KB Bonn (ev.); KB Hannover (Schlosskirche) <> Briefe s. Kalliope; Brief an Friedrich Karl von Dalberg, Hamburg 20. Nov. 1793, D-DSsa (O 1 A N 115/3) – Herrn Dr. Franz Stephan Pelgen (Nierstein) recht herzlichen Dank für den Hinweis auf die Quelle <> Auftrittsgesuch Stegmanns in Frankfurt (1783); D-Fsa (H. 02.14, 1783-III) <> Catharina Elisabeth Goethe, Brief an Großmann, Frankfurt 24. Apr. 1789; zit. nach: Die Briefe der Frau Rath Goethe, hrsg. von Albert Köster, Bd. 1, Leipzig 1904, Nr. 159, S. 205f. <> Theater-Journal für Deutschland 22 (1784), Gotha: Ettinger <> Theater-Kalender auf das Jahr 1785 (–1798), Gotha: Ettinger <> Hamburgische Addreß-Comptoir Nachrichten 23. Nov. 1778, 4. Febr. 1782, 21. Febr. 1782, 25. Apr. 1782, 3. März 1783, 9. Febr. 1804, 6. Okt. 1804; Hamburgische Neue Zeitung 3. Apr. 1781, 4. Okt. 1782, 4. März 1783, 1. Okt. 1796; Frankfurter Staats Ristretto 30. Aug. 1782, 10. Sept. 1782, 7. Okt. 1785, 14. Juli 1786, 12. Juni 1787, 16. Juni 1788; Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 9. Febr. 1793, 12. März 1793, 18. März 1797, 18. Juni 1813; 10. Juni 1826 (priv. Todesanzeige); Bonner Wochenblatt 3. Nov. 1816, 1. Juli 1819, 9. Apr. 1820, 8. Juni 1826 (Todesanzeige), 11. Febr. 1827 <> Nikolaus Müller, Das Mainzer Theater unter Berücksichtigung jenes von Wiesbaden, Mainz [1831] <> Peth 1879 (insbes. S. 66–73) <> Art. Herr Stegmann und Mad. Stegmann, in: Abraham Peiba [Ps.; i. e. Johann Jost Anton von Hagen], Gallerie von Teutschen Schauspielern und Schauspielerinnen, Wien 1783, S. 226–227 <> Gerber ATL; Gerber NTL (aufgrund „eines eigenhändigen Aufsatzes dieses würdigen Künstlers“) <> SchillingE

Literatur — Elisabeth Mentzel, Karl David Stegmann. Aus dem Leben eines Bühnenkünstlers des 18. und 19. Jahrhunderts, in: Archiv für Theatergeschichte 1 (1904), S. 129–159 <> Schweickert 1937 <> Gottron 1959 <> Elke von Schrenck und Anja Simon, „Doch alles zog das Mainzer Theater im großen Stadtschauspielhause vor“ – Erste Aufführungen von Mozarts Così fan tutte im Rhein-Main-Gebiet, in: MittAGm 67/68 (1997), S. 389–400 <> Gudula Schütz, Vor dem Richterstuhl der Kritik. Die Musik in Friedrich Nicolais ‚Allgemeiner deutscher Bibliothek’ 1765–1806, Tübingen 2007 <> Kramer 2008 <> Austin Glatthorn, Musiktheater in Mainz während der französischen Besatzungszeit 1792/93, in: Musik und Musikleben am Hof des Mainzer Kurfürsten Friedrich Karl Joseph von Erthal, hrsg. von Axel Beer, Ursula Kramer und Klaus Pietschmann, Mainz 2021 (BzmM 48), S. 159–175 <> Hans Peter Schilly, Art. Stegmann, Carl David, in: MGG <> Katrin Bemmann, Art. Stegmann, Carl David, in: MGG2P

Abbildung 1: Kleine Meldung im Frankfurter Staats-Ristretto 16. Juni 1788 – Stegmanns Chöre zum genannten Schauspiel von Bernhard Christoph d’Arien ist nicht überliefert.

Abbildung 2: Titel zum Textbuch zur „Krönungsoper“ Heinrich der Löwe (Heinrich Gottlieb Schmieder); A-Wn (digital)

Abbildung 3: Stegmanns Erwin und Elmire (nach Goethe; UA Königsberg 1776), Titel des Klavierauszugs, Leipzig und Königsberg: Selbstverlag 1776 [gedruckt von Breitkopf in Leipzig]; D-Dl (digital)


Axel Beer

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  • Zuletzt geändert: 2026/10/04 15:27
  • von kk
  • angelegt 2026/10/04 14:50