heiss


HEISS (Heiß), HERMANN (FRANZ HEINRICH) * Darmstadt 29. Dez. 1897 | † ebd. 6. Dez. 1966; Pianist, Komponist, Dirigent, Pädagoge

Heiss oder Heiß – über die Schreibung seines Namens besteht in der Nachwelt nach wie vor Uneinigkeit. Es erscheint aber nahezu aussichtslos, diese beseitigen zu wollen, da der Proband selbst, wie in den erhaltenen Dokumenten erkennbar ist, munter und ohne erkennbares System zwischen beiden Varianten wechselt. Wir folgen hier dem Notat des Standesbeamten, der die Geburt am 3. Jan. 1898 mit „Heiss“ urkundlich festhielt.

Hermann, jüngstes von elf Kindern des Großherzoglich-Hessischen Reallehrers Friedrich Wilhelm Heiss und dessen Ehefrau Wilhelmine, geb. Frauenfelder, kam im familiären Umfeld früh mit Musik in Berührung, nicht zuletzt – nach eigenem Bekunden – über die älteste Schwester Wilhelmine (* Darmstadt 27. Dez. 1880 | † Darmstadt-Eberstadt 23. Okt. 1947), die Pianistin war. Regulären Unterricht genoss er jedoch nicht, so dass er sich seine ersten musikalischen Kenntnisse autodidaktisch aneignen musste. Er ergriff zunächst den Beruf des Drogisten, wurde aber 1914 zum Kriegsdienst eingezogen. Nachdem er die Jahre 1916–1919 als Kriegsgefangener verbracht hatte, studierte er in Frankfurt/M. ab 1921 bei Bernhard Sekles (Komposition) und Willy Renner (Klavier); er lernte hier auch Theodor W. Adorno kennen. 1922 konnte er in Darmstadt erste eigene Werke zu Gehör bringen; hier wirkte er wenig später als Chorleiter, Musiklehrer und Pianist. Bei den Donaueschinger Musiktagen 1924 lernte er Arnold Schönberg und Joseph Matthias Hauer kennen; Letzterer war 1925 für ein paar Monate in Wien sein Lehrer und widmete ihm seine Schrift Zwölftontechnik. Lehre von den Tropen (Wien 1926), an deren Entstehung Heiss mitwirkte. In diesen Jahren entstand auch eine enge Verbindung mit der Pianistin Else C. Kraus, die an zahlreichen Aufführungen von Heiss’ Kompositionen beteiligt war.

Nach weiteren (wohl privaten) Studien bei Alfred Hermann →Hoehn (Klavier) in Frankfurt 1926–1927 fand Heiss von 1928 bis 1932 eine Anstellung als Musiklehrer am Landerziehungsheim der Hermann-Lietz-Stiftung auf Spiekeroog, um sich dann als freischaffender Künstler (Komponist, Pianist, Dirigent) in Berlin niederzulassen, wo er als Komponist von Zwölftonmusik bei den Nationalsozialisten jedoch wenig Anerkennung fand: Seine bereits 1933 vollendete, zur Aufführung bei den olympischen Spielen Berlin 1936 vorgesehene Festspielmusik Das Jahresrad (Chöre, Bewegungschöre, Orch.; Text von Heiss) stieß auf Ablehnung und wurde nicht realisiert. Als Ergebnis eines pragmatischen Arrangements mit den Machthabern zu bewerten sein dürfte – neben kleineren Festmusiken, Märschen sowie Jagdflieger- und Soldatenliedern etc. (s. PriebergH) – die Mitarbeit an dem 1939 erschienenen Liederbuch der Luftwaffe (hrsg. von Carl Clewing), zu dem Heiss mehrere Vertonungen eigener Texte beisteuerte; 1940 gab er dazu eine inhaltlich leicht veränderte Klavier-Ausgabe heraus. In den Kriegsjahren war er vorübergehend (1941–1942) Musiklehrer an der Heeresmusikschule in Frankfurt/M. (Theorie und Komposition; Entlassung nach Verweigerung der Teilnahme am Luftschutzdienst), dann Mitarbeiter beim Süddeutschen Musikverlag in Heidelberg sowie, nach verheerenden Luftangriffen auf Darmstadt am 11. Sept. 1944 (ein Großteil der bis dahin entstandenen und dort aufbewahrten Manuskripte ging dabei verloren und die für den 16. Okt. geplante Uraufführung seines Symphonischen Konzerts (Kl., Orch.) konnte erst 1946 stattfinden), Lehrer im böhmischen Jamnitz (heute Jemnice, Tschechien) an der dorthin kriegsbedingt (teil-)verlegten Wiener städtischen Musikschule (1944–1945).

Unmittelbar nach dem Ende des Kriegs – als Komponist von Zwölftonmusik galt er bei den Alliierten als Widerständler und wurde daher keinem Entnazifizierungsprozess unterzogen – verlegte Heiss seine Aktivitäten nach Darmstadt, zunächst als Privatlehrer und ab 1946 auch als Dozent bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik; Schüler und Teilnehmer seiner Kurse waren u. a. Hans Ulrich Engelmann und Herbert Ziegler. Beginnend 1948 unterrichtete er zudem Tonsatz und Komposition an der Städtischen Akademie für Tonkunst, wo er 1953 eine Meisterklasse übernahm. 1949 war er Mitbegründer eines Arbeitskreises für athematische Komposition, 1952 folgte ein Arbeitskreis für Bewegungssatz. Nach der Veröffentlichung seiner Schrift Elemente der musikalischen Komposition (Tonbewegungslehre). Schlagsatz – Melodiesatz – Klangsatz – Zwölftonsatz (Heidelberg: Hochstein 1950) widmete sich Heiss zunehmend der elektronischen Musik. Erste Werke in diesem Genre konnte er zwischen 1952 und 1954 in den Studios des NWDR Köln produzieren; dabei entstand auch das über Jahrzehnte hinweg verwendete Pausenzeichen des Hessischen Rundfunks. 1955 wurde ihm die Leitung des im Darmstädter Ortsteil Kranichstein am 1. März neu gegründeten Studios für elektronische Komposition übertragen, das 1957 nach Umzug in ein neues Gebäude die Bezeichnung Studio für Elektronische Komposition Hermann Heiß Darmstadt bekam. Es folgten äußerst produktive Jahre – mit mehreren Uraufführungen auch in Frankfurt/M. und Mainz –, bevor Heiss 1963 in den Ruhestand trat. Zunehmende gesundheitliche Probleme schränkten die weitere Arbeit ein, so dass eine geplante Vortragsreise in die USA nicht mehr zustande kam. Als letzte große Komposition entstand 1964 die elektronische Messe MISSA (A, T, Sprecher, Chor, Tonband).

Hermann Heiss war zweimal verheiratet: in erster Ehe (Darmstadt 1923, Scheidung 1931) mit Elsa Anna Klara Berz (* Stuttgart 18. Apr. 1900), ein zweites Mal (Berlin 1939) mit der Tänzerin Maria Muggenthaler. Zum 50. Geburtstag wurde er 1948 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet (Laudatio: Hilmar Höckner), 1958 folgten die Goethe-Plakette des Landes Hessen und die Johann-Heinrich-Merck-Ehrung der Stadt Darmstadt. In Erinnerung an seine Mutter verwendete er 1947 für das Requiem Die Rose in der Hand als Komponist einmalig das Pseudonym Wilhelm Frauenfelder; als Textdichter dieses und weiterer von ihm vertonter Werke nannte er sich zwischen 1945 und 1950 gelegentlich Georg Frauenfelder. Als weiteres Alias benutzte er für seine 1962 entstandenen Calamites, Schachtelgesänge (S, T, kl. Orch.) den Namen Udo Esp (Hintergründe hierzu sind unbekannt; der sich aufdrängende Verdacht, einen Bezug zur Plansprache Esperanto anzunehmen, lässt sich nicht bestätigen). – Über die Darmstädter Ferienkurse und damit auch über seine eigene Philosophie äußerte sich Heiss wie folgt: „Ferienkurse – hier kann keiner an Ferien denken, der es ernst meint, und sie meinen es alle erst. Nicht tierisch ernst, denn es dreht sich ja um Musik. Menschlich ernst – bei allem Mühen und Arbeiten in einer Heiterkeit, die von der Muse kommt.“ (Badener Tagblatt 12. Aug. 1948)

Werke — verwiesen sei auf folgende Verzeichnisse: Barbara Reichenbach, Werk- und Schriftenverzeichnis nach Kategorien, in: Hermann Heiß. Eine Dokumentation 1975 (s. unter Literatur), S. 67–96 <> Herbert Henck, Chronologisches Werkverzeichnis der Kompositionen und Schriften 1925–1945, in: Hermann Heiß 1897–1966 2009 (s. u.), S. 424–462 <> Verzeichnis elektronischer Kompositionen von Hermann Heiß, erstellt von der Groupe de Recherches Musicales (GRM), 1966; D-DSim <> Ein vollständiges Verzeichnis der Kompositionen und Schriften seit 1945 wird z. Zt. von Carl Ehrig-Eggert (Mainz) vorbereitet <> zu Besitznachweisen einzelner Werke (Autographen, Abschriften, Drucke) außerhalb des Nachlasses vgl. RISMonline <> Drucke erschienen u. a. in Mainz: Schott’s Söhne, Wiesbaden: Breitkopf & Härtel, Frankfurt/M.: D.A.S.-Verlag, Heidelberg: Süddeutscher Musikverlag, ebd.: Hochstein, Wolfenbüttel: Möseler <> Neben zahlreichen Kompositionen schrieb Heiss Vorträge und Aufsätze, Werkeinführungen und Analysen, Libretti für Opern und Ballette, Gedichte, Erzählungen und einen Roman Spuren im Regen (1963); für seine Märchenoper Prinzessin Filigran (1933) zeichnete Heiss eine Bildergeschichte (Wiedergabe bei Ehrig-Eggert 2020, S. 230–250), die zugehörige Partitur verbrannte 1944. – Heiss entwickelte und baute mehrere elektronische Hilfsmittel (Ringmodulator, Hallspirale, Lautsprecher), heute aufbewahrt im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), Karlsruhe

Quellen — Personenstandsregister Darmstadt <> Nachlass (handschriftliche u. gedruckte Kompositionen, Texte, Briefe); D-DSa (s. Kalliope) <> weitere Briefe und Materialien in A-Wst, D-Bda, D-DSim (online), D-Mbs, US-CAh; vgl. dazu die Erläuterungen zu ausgewählten Korrespondenzpartnern bei Ehrig-Eggert 2020, S. 140–174 <> Edition der Briefe an Joseph Matthias Hauer, in: Ehrig-Eggert 2020, S. 97–139 <> Sach- u. Fallakten, biographisches Material etc. in D-Fsa; D-DSa; D-MGs, Außenstelle Witzenhausen, Archiv der deutschen Jugendbewegung; D-Kleve, Stadtarchiv <> Selbstzeugnisse, in: Ehrig-Eggert 2020, S. 14–22 <> N. N., Darmstadt gewann der modernen Musik neue Freunde, in: Badener Tagblatt 12. Aug. 1948 <> W. Röse, Musik im Widerstreit der Meinungen. Schluß des „Internationalen Ferienkurs für Neue Musik“ in Darmstadt, in: Karlsruher neue Zeitung 16. Juli 1949 <> Dr. Wehagen, Kondensstreifen des musikalischen Fortschritts. Ergebnis der Kranichsteiner Ferienkurse, in: Badische Neueste Nachrichten 29. Juli 1952 <> Nachruf: -hl-, Hermann Heiß. Zum Tode des Komponisten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 7. Dez. 1966

Literatur (Auswahl) — MüllerDML <> KürschnerDMK <> Hans Joachim Moser, Musiklexikon, Berlin 41955, S. 496 <> PriebergH <> Herbert Henck u. Martin Supper, Art. Heiß, Hermann Franz Heinrich, in: MGG2 u. MGGonline <> N. N., Art. Heiß, Hermann (Franz Heinrich), in: Deutsche Biographische Enzyklopädie, hrsg. von Rudolf Vierhaus, Bd. 4, München 2006, S. 638f. <> Elisabeth Th. Hilscher, Art. Heiß Hermann, in: Oesterreichisches Musiklexikon online (oeml), 2003 (online, fehlerhaft; Aufruf: 24. Apr. 2026) <> Oswald Bill, Art. Heiß, Hermann, in: Stadtlexikon Darmstadt (digital; Aufruf: 24. Apr. 2026) <> Barbara Reichenbach, Hermann Heiß. Eine Dokumentation (Darmstädter Beiträge zur Neuen Musik, Bd. 15), Mainz: Schott 1975 (Bibliographie S. 97–100) <> Cahn 1979 <> Herbert Henck, Hermann Heiß 1897–1966. Nachträge einer Biographie, Deinstedt 2009 (Inhaltsverzeichnis als PDF) <> Martin Iddon, New Music at Darmstadt. Nono, Stockhausen, Cage, and Boulez, New York 2013, S. 14–17, 27f., 61 <> Carl Ehrig-Eggert, Der Darmstädter Komponist Hermann Heiss und seine Beiträge zur Zwölftonmusik, Darmstadt 2020 (Bibliographie, S. 251–259)

Abbildung: Mitteilung zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, in: Unser Tag. Volkszeitung für Baden 20. Nov. 1948


Bernd Krause

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