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DRESSLER, RAPHAEL * Jassy (Iași, Rumänien, seinerzeit Fürstentum Moldau; nicht Graz) ca. 1785 | † Mainz 12. Febr. 1835; Flötist und Komponist

Als Musiker auf der Durchreise zufällig in Mainz gestorben zu sein genügt natürlich nicht, um ein Anrecht auf Berücksichtigung im MMM zu haben. Anders verhält es sich, wenn jene Person sich vorgenommen hatte, in Mainz dauerhaft ihre Zelte aufzuschlagen: Raphael Dressler verkündete dies sogar offiziell und an prominenter Stelle: Nach 14 Jahren in England, so erfuhren es die Leserinnen und Leser der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Dezember 1834, hatte er „sich Mainz zu seinem künftigen Aufenthalt gewählt“. Dass ihm nur wenige Monate am Rhein verbleiben würden, konnte er freilich nicht ahnen. Aber von vorne, wobei wir diesmal ausnahmsweise etwas weiter ausholen, da die Recherche manche überraschende Neuigkeit zur Kenntnis seines an anderer Stelle bislang nur in Stichworten geschilderten Lebenswegs beitragen konnte. Dass Dressler nicht in Graz geboren wurde, entnehmen wir der nicht anzuzweifelnden Mitteilung des Heiratseintrags (Göttingen 1820; s. weiter unten); dass sein Vater, der Musiklehrer Johann Dressler (* ca. 1755 | † Graz 3. Febr. 1825), der sich irgendwann mit seiner Familie in Graz niedergelassen hatte, für Raphaels musikalische Ausbildung einstand, bedarf keines Belegs. Nachdem er – aus Graz kommend – eine erste Konzertreise nach Leipzig absolviert hatte, deren Erfolg bei seinem Auftritt im Gewandhauskonzert im Januar 1809 an der Übernahme gleich mehrerer Kompositionen durch Breitkopf & Härtel ablesbar ist, fand Raphael Dressler eine Anstellung als Erster Flötist des Hoftheaterorchesters in Wien, wo er sich auch jenseits seiner Verpflichtungen „mit ungemeiner Fertigkeit“ (Der Sammler 28. Dez. 1811) hören ließ und beispielsweise – neben Louis Spohr – bei der Uraufführung von Beethovens Wellingtons Sieg und der 7. Sinfonie im Dezember 1813 mitwirkte. Ende 1816 trat Dressler eine weitere Reise an, die ihn zunächst nach Graz, dann nach München (Dez. 1816), Augsburg (Jan. 1817), Karlsruhe (Febr. 1817) und anschließend erstmals in unsere Region, nämlich nach Frankfurt, führte, wo er am 9. April 1817 auftrat; ein Berichterstatter erlebte „in ihm einen der größten und selbstständigsten Flötenspieler“, bemängelte aber dessen „Benehmen […], denn er ist zu bescheiden und anspruchslos für unsere Zeit“ (Der Sammler 31. Mai 1817). Ein Konzert in Hannover im Mai 1817 führte geradewegs zum – von König Georg III. verfügten – Engagement in der Hofkapelle. Dem Mainzer Verlag Schott gegenüber, mit dem seit Anfang des Jahres schriftlicher Kontakt bestand, sprach Dressler von einem „sonderbare[n] Geschick“, das ihn „hierher geführt, und daselbst festgehalten“ hätte, und vor allem davon, dass sein „hiesiger Aufenthalt ziehmlich fruchtbringend in der Komposition“ werden würde (Brief an Schott 6. Juni 1817). Die folgenden Briefe stellen eine geradezu idealtypische Quelle für das Miteinander eines routiniert (ver)handelnden Musikverlags und eines sich seines Marktwerts bewussten und pragmatisch vorgehenden Komponisten dar; immerhin sind es zwei Werke, die Dresslers Muse dem Mittelrhein schenkte (vgl. das Werkverzeichnis). Weitere wären hinzugekommen, wenn Johann Anton André in Offenbach den Flötisten nicht hätte klipp und klar wissen lassen, „daß ich durch zu viele längst zum Stich bestimmte Werke abgehalten bin, von Ihrem gütigen Anerbieten Gebrauch machen zu können“ (André an Dressler 1817). Dass Dressler gleichzeitig auch mit Hofmeister und Peters in Leipzig, Schlesinger in Berlin, Simrock in Bonn und weiterhin mit Breitkopf & Härtel zusammenarbeitete, sei wenigstens erwähnt.

Das Jahr 1820 erbrachte neben der in Göttingen Anfang April erfolgten Eheschließung mit (Amalia) Wilhelmine geb. Eisenbrandt (* Göttingen 1796), der Tochter eines Instrumentenmachers, Dresslers „sehr vortheilhafte Anstellung“ (Brief an Peters, 1820) als Musikmeister beim 10. Husarenregiment in Edinburgh, später in Nottingham. Ende 1826 ließ er sich als Komponist, Arrangeur, Musiklehrer und bei vielen Gelegenheiten tätiger Flötist in London nieder. Einer Aufführung der Zauberflöte im King’s Theatre im Mai 1834 kommt insofern besondere biographische Relevanz zu, als (und zwar unter der Leitung des Darmstädter Hofkapellmeisters Wilhelm →Mangold) nicht nur zwei Töchter und ein Sohn Dresslers die Drei Knaben verkörperten, sondern auch Clemens Remie (ca. 1787–1854) als Theaterdirektor und das Sängerehepaar Josephine und Wenzel Michalesi mit von der Partie waren – Remie und die Michalesis fanden, nachdem sich die Auflösung der deutschen Theatertruppe in London abzeichnete, ab September an der Mainzer Bühne eine Anstellung, und ohne Zweifel bestand die Hoffnung, dass die talentierten Dressler-Töchter in Mainz ihre Karriere beginnen würden, während ihr Vater, dessen Wegzug („yesterday“) nach Mainz die Londoner Zeitung The Sun am 15. Sept. 1834 meldete, „gesonnen“ war – so die eingangs zitierte Anzeige – von Musikverlegern „Bestellungen auf originelle Compositionen […] anzunehmen“. Wie ebenfalls erwähnt, kam es anders: Wenzel Michalesi war es, der die zuständigen Behörde vom Tod Dresslers in Kenntnis setzte, und spätestens hierdurch wird die besondere Beziehung beider offenbar. Wilhelmine Dressler zog kurz nach dem Tod ihres Mannes mit ihren fünf Kindern nach Mannheim, wo die Töchter Agnes (* 1821) und Mathilde (* 1822) tatsächlich bereits 1836 als Hofschauspielerinnen engagiert wurden. Sohn William (Nottingham 1826–1914) wurde Musiker.

Werke — Dresslers Kompositionen (Kammermusik für Flöte(n), für Flöte und Klavier bzw. Streicher sowie für Flöte und Orchester) erschienen zu einen großen Teil mit Opuszahlen (unvollständige Reihe bis etwa 69) von 1809 bis ca. 1830 in den erwähnten sowie vereinzelt in englischen und Wiener Verlagen (Artaria und Steiner) im Druck; vgl. HmL und Pazdírek sowie Vester, weiterhin Gronefeld und, für die handschriftliche Überlieferung, RISMonline. Bei Schott in Mainz kamen als Originalkompositionen heraus: Trois Duos (2 Fl.) op. 46 [1819]; D-Mbs (digital) <> Trois Duos (2 Fl.) op. 59 [1822]; D-Mbs (digital)

Quellen — KB Graz, KB Göttingen (St. Jakobi, ev.), London-Hounslow, London (Trinity Lane); Zivilstandsregister Mainz; Familienregister Mainz; Familienbogen Mannheim <> G[eorg] H[arrys], Etwas über unsern vaterländischen Künstler Dreßler und seine Kunstreise nach Hannover, in: Wiener allgemeine Theaterzeitung 14. Juni 1817 <> Raphael Dressler, Anzeige, in: Allgemeinen musikalischen Zeitung (Leipzig), Intelligenzblatt 17, 10. Dez. 1834 <> Briefe Dresslers s. Kalliope – Brief an das Leipziger Bureau de Musique 12. Juni 1812; D-LEsta (Best. Peters; s. a. BeerBdM, S. 784 – Brief Johann Anton Andrés an Dressler 21. Juni 1817, Briefkopierbuch 1816/18, S. 441; D-OF – Brief an Peters in Leipzig, Hannover 13. Febr. 1820; D-LEsm <> AmZ 25. Jan. 1809, 30. Apr. 1817 (Konzert Frankfurt 9. Apr. 1817) u. ö. (s. Reg.); Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (Wien) 28. Dez. 1811, 31. Mai 1817 (Bericht aus Frankfurt), 11. Dez. 1817 u. ö.; Wiener Zeitung 20. Dez. 1813, 3. Mai 1816 u. ö.; Theater-Zeitung (Wien) 4. Febr. 1815, 4. März 1815, 6. Apr. 1816; Grazer Zeitung 27. Aug. 1816, 28. Dez. 1819; 5. Febr 1825 (Todesanzeige Johann Dresslers) u. ö.; Augsburgische Ordinari Postzeitung 31. Dez. 1816; Karlsruher Zeitung 15. Febr. 1817 (Konzert 12.2.); Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien) 25. Jan. 1817 („gegenwärtig auf einer Kunstreise nach München“); Zeitung für die elegante Welt 15. März 1817, 15. Aug. 1817, 3. Okt. 1817; Hamburgische Adreß-Comtoir-Nachrichten 10. Apr. 1820; British Press (London) 14. Juli 1826; John Bull (London) 12. Nov. 1826; The Morning Post (London) 23. Apr. 1827; The New Times (London) 10. Dez. 1827, 20. März 1828 u. ö.; The Morning Herald (London) 23. März 1832, 16. Mai 1833, 15. Apr. 1834, 10. Sept. 1834; The Sun (London) 21. Mai 1832; The Examiner (London) 28. Apr. 1833, 15. März 1835 (Todesmeldung); The Age (London) 5. Mai 1833; The Morning Chronicle 16. Mai 1834; The Sun (London) 15. Sept. 1834

Literatur — Peth 1879, S. 195–196 <> SchillingE; Mendel/Reissmann <> Elisabeth Th. Hilscher, Art. Dressler, Raphael, in: Oeml (online)

Abbildung 1: Brustbild Dresslers nach einer Zeichnung von Louis Letronne (Stich von Johann Georg Mansfeld); A-Wn (digital)

Abbildung 2: Titel der Flötenduos op. 46, erschien 1819 bei Schott; D-Mbs


Axel Beer

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