bacher


BACHER, OTTO (MAX ADOLPH) * Frankfurt/M. 10. Juli 1900 | † London 7. Dez. 1977; Musikwissenschaftler, Kaufmann, Philatelist

Bacher wuchs in einer kunstaffinen jüdischen Kaufmannsfamilie auf: Sein Vater Karl Bacher (* Frankfurt/M. 3. Mai 1859 | † ebd. 20. Aug. 1942) führte seit 1902 die auf Möbelstoffe und Teppiche spezialisierte Firma P. A. Walther (gegr. 1845), die schon dessen Vater Max (1827–1902) seit den 1850er Jahren geleitet hatte (zu den Mitarbeitern gehörte Xaver Lieck), und war ein reger Sammler von (vornehmlich Chinesischer) Keramik und Textilien. Seine Tante Emilie verh. Goldschmidt (* Frankfurt/M. 12. Juni 1857 | † Theresienstadt 5. Sept. 1942) war wiederum langjähriges Mitglied des Cäcilienvereins. Zwischen dem kaufmännischen und musikalischen Bereich bewegt sich auch die Biographie Otto Bachers, der 1918–1920 eine Gesangsausbildung durch Carl Rehfuß (weitere Fächer bei Willy Salomon und Alfred Auerbach) am Hoch’schen Konservatorium erhielt (sein Vater war von der Vereinsgründung (1907) an Mitglied des zugehörigen Patronatsvereins), anschließend von 1920 bis 1921 in München Musikwissenschaft bei Adolf Sandberger studierte und 1924 in Frankfurt (vermutl. bei Moritz Bauer) mit einer Arbeit zur Geschichte der Frankfurter Oper im achtzehnten Jahrhundert promoviert wurde. 1925 wählte man ihn (neben Bauer, Friedrich Gennrich, Gustav Maerz und Kathi →Meyer) in den Vorstand der neu gegründeten Frankfurter Ortsgruppe der deutschen Musikgesellschaft und seine Dissertation erschien 1926 als erster Band ihrer Schriftenreihe, auf den allerdings nur ein weiterer von Rudolf →Werner folgen sollte. In den nächsten Jahren verfasste Bacher noch mehrere Aufsätze zur Frankfurter Operngeschichte und wurde im November 1928 als korrespondierendes Mitglied in die Société française de musicologie aufgenommen (unterstützt u. a. durch Paul →Hirsch, der wenige Monate zuvor auch für Kathi Meyer gebürgt hatte), wurde dann aber zum 1. Jan. 1929 Gesellschafter und Mitinhaber des väterlichen Geschäfts und scheint damit seine musikwissenschaftliche und musikalische Betätigung (letztere ist überhaupt nur durch zwei Auftritte als Sänger 1922 und 1925 belegt) eingestellt zu haben. Inwiefern dieser Schritt geplant (Bacher war immerhin schon 1926 als Prokurist in die Firma eingetreten) oder das Ergebnis einer ihm aufgrund seiner jüdischen Herkunft zunehmend erschwerten bzw. verwehrten wissenschaftlichen Karriere war, lässt sich nicht mit Sicherheit klären.

Sein Vater Karl ließ im Dezember 1932 seine umfangreiche Sammlung („eine der besten deutschen Privatsammlungen ostasiatischer Kunst“, so der Auktions-Katalog) versteigern und musste sich 1933 aus dem Mitteldeutschen Kunstgewerbe-Verein zurückziehen, während Tante Emilie aus dem Cäcilienverein ausgeschlossen wurde. Beide lebten noch bis 1942 unter zunehmend schwierigen Bedingungen (Wohn- und Geschäftshäuser mussten sie 1938/39 verkaufen) zusammen in Frankfurt (Ottos Mutter Eveline geb. Friedmann war bereits 1934 verstorben). Emilie Bacher wurde am 18. Aug. 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie wenig später starb, Karl Bacher wurde aufgrund seines bereits nahenden Todes nicht deportiert, und verstarb zwei Tage später. Otto Bacher war 1938 mit seiner Ehefrau Sophie geb. Heusser (* Frankfurt/M. 11. Juli 1902 | † London 10. Dez. 1985; Heirat 1929) nach London geflohen und fand dort zunächst Arbeit als reisender Vertreter („Textiles Traveller“) für die Firma H. Harris (Textiles) Ltd.. Beide wurden 1939/40 von den britischen Internierungsmaßnahmen ausgenommen und 1947 eingebürgert. Bacher scheint nun seine private Leidenschaft der Philatelie zum Beruf gemacht zu haben, denn er lässt sich seit 1943 als Leiter der Firma The Westminster Stamp Co. nachweisen, die als einzige in Großbritannien auf den Handel mit US-amerikanischen Briefmarken aus der Zeit bis um 1900 spezialisiert war. Zudem begegnet er mit Anzeigen sowie als Autor mehrerer Beiträge in philatelistischen Zeitschriften und Mitarbeiter an Auktionskatalogen. 1947 und 1957 sind Reisen nach New York belegt.

Schriften — Beiträge zur Geschichte der Frankfurter Oper im achtzehnten Jahrhundert, Phil. Diss. Frankfurt 1924; D-B, D-F <> Das Frankfurter Opernhausorchester und seine Geschichte, in: Deutsche Kunstschau 1 (1924), Heft 8/9 <> Frankfurts musikalische Bühnengeschichte im achtzehnten Jahrhundert, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 32 (Bd. 1 der 4. Folge) (1925), S. 133–206 <> Musikalisches Leben während einer Frankfurter Kaiserkrönung, in: Blätter der Städtischen Bühnen, Frankfurt 1925, Nr. 17, S. 256–262 <> Die Geschichte der Frankfurt Oper im achtzehnten Jahrhundert, Frankfurt: Englert & Schlosser 1926 (= Veröffentlichung der Deutschen Musikgesellschaft, Ortsgruppe Frankfurt am Main Bd. 1) <> Ein Mozartfund (in der Stadtbibliothek Frankfurt), in: ZfMw 8 (1925/26), S. 226–230 <> Die deutschen Erstaufführungen von Mozarts „Don Giovanni“, in: //Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1926, S. 338–370 <> Mozart bei einer Frankfurter Kaiserkrönung [1790], in: Nachrichten des Mertonschul-Vereins e. V. 9 (1927), Heft 2, S. 25f. <> Ein unbekanntes Szenar zu Glucks „Don Juan“, in: Die Szene. Blätter für Bühnenkunst Mai 1927 <> Goethes Mutter und das Ehepaar Unzelmann, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1927, S. 185–216 <> Ein Frankfurter Mozartfund, in: Alt Frankfurt Neue Folge 1 (1928), Heft 5, S. 75f. <> Mozarts Opern im Frankfurt des 18. Jahrhunderts, in: Mozart-Jahrbuch 3 (1929), S. 107–145 <> (Zuschreibung zweifelhaft:) Vom Gambenspiel, in: Schaffen und Schauen. Mitteilungsblatt für Kunst- und Bildungspflege in der Wojewodschaft Schlesien, Nr. 9, Mai 1931

Quellen — Standesamtsregister Frankfurt <> Adressbücher Frankfurt <> Steuerakten u. ä.; D-WIhha (Best. 676 Nr. 2578, 6587; 519/3, Nr. 9077; 518 Nr. 52026) <> Kartei German Internees Released in UK 1939–1942; GB-Lna <> Naturalisation Certificate; GB-Lna (B 19154, AZ22422) <> National Probate Calendar 1978, S. 281; 1986, S. 285 <> New Yorker Passagierlisten (SS Queen Elizabeth Southampton 4. Mai 1947; Pan American World Airways 23. Apr. 1956) <> Jahresberichte des Hoch’schen Konservatoriums; Studentenverzeichnis LMU München <> Hugo Helbing, Katalog Nr. 35 Sammlung Karl Bacher Frankfurt am Main, bearb. von Alfred Oppenheim, Versteigerung 7. und 8. Dezember 1932 <> Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 17. März 1922 (Abendblatt), 9. Okt. 1926 (2. Morgenbl.), 27. Dez. 1926 (Morgenbl.), 3. Aug. 1929 (2. Morgenbl.), 27. Aug. 1929 (2. Morgenbl.); Badischer Beobachter 6. Apr. 1925; ZfMw 8 (1925/26), Heft 9/10 (Juni/Juli), S. 604; Deutscher Reichsanzeiger 9. Aug. 1929; Mekeel’s Weekly Stamp News 1943 Nr. 1; Linn’s Weekly Stamp News 21. März 1960 u. a. Erwähnung in englischsprachigen philatelistischen Zeitschriften

Literatur — Inga Mai Groote, Contacts et coopérations entre la musicologie allemande et la Société française de musicologie dans les années 1920, in: Revue de Musicologie 103 (2017), S. 529–550 <> Stolperstein-Biographien Goldschmidt, Emilie und Bacher, Karl, (online) (Zugriff 11. Okt. 2026) <> Brian J. Birch, Biographies of Philatelists and Dealers (Stand 18. Jan. 2026 digital), S. 351, 3901, 4026


Kristina Krämer

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