MACDOWELL, EDWARD (ALEXANDER) * New York 18. Dez. 1860 [nicht 1861, wie MacDowell selbst in Umlauf brachte] | † ebd. 23. Jan. 1908; Pianist und Komponist
Der in einem Quäker-Haushalt aufgewachsene Edward MacDowell erhielt ab dem Alter von acht Jahren Klavierunterricht. Aufgrund seiner Begabung folgte er seinem Duettpartner Michael „Chichi“ Castellanos nach Paris, um am Conservatoire zu studieren. Da ihm der Unterricht wenig zusagte, setzte er seine Studien in Deutschland fort: 1878 zunächst in Stuttgart bei Sigmund Lebert, dann in Wiesbaden bei Louis Ehlert, um zum Herbst 1879 ans Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt zu wechseln. Dort nahm er Klavierunterricht bei Karl Heymann und besuchte die Kompositions- und Orchestrationsklasse Joachim Raffs, der ihn auch privat unterwies und zum wichtigsten musikalischen Vorbild wurde. Etliche öffentliche Auftritte am Konservatorium begleiteten, wie die Jahresberichte des Instituts belegen, seine Studienzeit, insbesondere mit dem Violinisten Fritz Bassermann. Am 24. Mai 1880 spielte er in diesem Rahmen zum ersten Mal vor Franz Liszt. Bereits am 23. Januar desselben Jahres hatte er in Wiesbaden erstmals als Solist mit einem Orchester auf der Bühne gestanden (Klavierkonzert von Carl Reinecke). Im Juli 1880 beendete er seine Studien. Während nicht nur Raff und Heymann, sondern auch Clara Schumann ihn gerne als Nachfolger Heymanns gesehen hätten, regte sich Widerstand von Seiten des Kuratoriums. MacDowell schlug sich fortan als privater Klavierlehrer in Frankfurt und ab März 1881 für ein Jahr in Darmstadt am dortigen Konservatorium durch. Auf Raffs Vermittlung unterrichtete er u. a. über drei Jahre hinweg die amerikanische Pianistin Marian Griswold Nevins, seine spätere Frau. Eine zunächst reiche, aber nicht immer lukrative und aus diesem Grund nach und nach versiegende Konzerttätigkeit begleitete das Stundengeben; zum Beispiel trat er am 14. März 1881 im Saalbau Darmstadt und am 7. November desselben Jahres in Frankfurt in einem Konzert der Philharmonischen Gesellschaft (Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 und Stücke von Chopin, Tschaikowsky und Rubinstein) auf.
Nach Raffs Tod (1882) trug MacDowell die Widmung der während seines Studiums entstandenen Ersten modernen Suite op. 10 für Klavier solo an dessen Witwe heran. Die von Liszt veranlasste Aufführung des Werks am 11. Juli 1882 in Zürich im Rahmen eines Konzerts des Allgemeinen Deutschen Musikvereins gereichte zu MacDowells Durchbruch. Kurz zuvor hatte er Liszt in Weimar besucht und ihm bei dieser Gelegenheit sein neues Klavierkonzert op. 15 in der Hofgärtnerei vorgespielt. Dies veranlasste Liszt, der die Widmung des Werks annahm, dem jungen Musiker zu raten, sich ganz dem Komponieren zu verschreiben. Auch seine frühere Lehrerin Teresa Carreño setzte sich ab diesem Zeitpunkt für ihren ehemaligen Schüler ein und spielte seine Werke in zahlreichen amerikanischen Städten. Bis in den Herbst 1883 hinein fokussierte sich MacDowell auf die Überarbeitung des Klavierkonzerts und die Ausarbeitung mehrerer Werke für Klavier. Insbesondere der Hexentanz op. 17 Nr. 2 und die Barcarolle op. 18 Nr. 1, beide 1883 veröffentlicht, brachten ihm zwar viel Aufmerksamkeit ein, erwiesen sich jedoch als wenig lukrativ für den Komponisten. Für die frühen Publikationen bei Breitkopf & Härtel beteiligte er sich gar erheblich an den Druckkosten. Finanzielle Sorgen im Elternhaus zwangen ihn alsbald, sich wieder vermehrt dem Konzertieren zuzuwenden. Zumeist verliefen die Verhandlungen jedoch im Sand. Im Sommer 1884 heirateten MacDowell und Marian Nevins in den USA. Anschließend ließ sich das Paar in Frankfurt nieder, zog aber Ende 1885 nach Wiesbaden, wo es 1887 eine Villa am Neroberg erwarb. Hier brach eine der produktivsten Phasen MacDowells an, in der er sich fast ausschließlich dem Komponieren widmete und einige seiner Orchesterwerke am Mittelrhein zur Uraufführung brachte (z. B. Hamlet/Ophelia op. 22 im Kurhaus Wiesbaden am 26. Dezember 1886). Ein enger freundschaftlicher Austausch mit dem Komponisten George Templeton Strong, der zu dieser Zeit in Wiesbaden lebte, begann im Frühling 1886.
Im September 1888 kehrte das Ehepaar MacDowell, motiviert durch anhaltende finanzielle Engpässe, den wachsenden Erfolg in den USA und das Drängen sowohl von Edwards Eltern als auch des Organisten Benjamin Johnson Lang, zurück in die USA und ließ sich in Boston nieder. Während der 1890er-Jahre wurde Edward MacDowell vor allem dank seiner Konzerttourneen mit eigenen Werken zum bekanntesten Komponisten Amerikas, der auch in die Debatten über Wesen und Art der „amerikanischen Musik“ involviert wurde. Dort veranlasste er zudem die Drucklegung von Joachim Raffs vier Ouvertüren zu Shakespeare-Stoffen beim Verlag August P. Schmidt (von denen allerdings nur zwei erschienen). 1896 zog MacDowell nach New York, wo er das Music Department der Columbia University einrichtete, konzertierte und kurzzeitig Präsident des Mendelssohn Glee Clubs (1896–1898) und der Society of American Musicians and Composers (1899–1900) wurde. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich wohl als Folge eines Verkehrsunfalls im Jahr 1904 so rapide, dass er seine Professur niederlegen musste und sich ab dem Folgejahr auf sein Landgut in Peterborough (New Hampshire) zurückzog. Seine Frau Marian gründete dort auf Wunsch ihres Mannes, der am 23. Januar 1908 verstarb, die MacDowell Colony zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern aller Art.
Werke — Vgl. die Werkverzeichnisse in Bomberger 2013, S. 305–311, sowie von Oscar Sonneck, Catalogue of First Editions of Edward MacDowell, Washington 1917. Der Schwerpunkt von MacDowells Schaffen liegt auf der Klaviermusik (Salonstücke aller Art in einem „kosmopolitischen“ Stil, zwei Klaviersuiten und vier Klaviersonaten aus amerikanischer Zeit), dem Lied und Chorwerken (vor allem Vertonungen von deutschen und englischen Klassikern und Romantikern) sowie der Sinfonischen Dichtung (die in seiner amerikanischen Zeit durch die Orchestersuite abgelöst wurde). Während der Zeit in der mittelrheinischen Gegend entstanden bzw. wurden veröffentlicht:
Grand valza di bravura (Kl.) op. 8, Manuskript (1879) <> Deux Mélodies pour piano et violin op. 9, Manuskript (1879) <> Erste moderne Suite (Kl.) op. 10 (1880/81), Leipzig: Breitkopf & Härtel [1883]; D-B – Neue Ausgabe [1906]; A-Wn, D-B, D-Dl, D-HVh, D-Mbs <> Drei Lieder (Sst., Kl.) op. 11 (1881), Leipzig: Kahnt [1883]; D-B <> Zwei Lieder (Sst., Kl.) op. 12 (1880/81), ebd. [1883]; D-B <> Prélude et fugue (Kl.) op. 13 (1881), Leipzig: Fritzsch [1883]; CH-Gc, D-B – 1903 übernommen von Siegel (Leipzig) <> Zweite moderne Suite (Kl.) op. 14 (1882), Leipzig: Breitkopf & Härtel [1883]; CZ-BNm, D-B, D-Buh – Neue Ausgabe [1911]; D-B <> Erstes Konzert (Kl., Orch.) op. 15 (1882), ebd. [1884]; CH-Bm, D-B – Neue Ausgabe (1911); D-B <> Serenade (Kl.) op. 16 (1882), Leipzig: Fritzsch [1883]; CH-Bm, CH-Gc – 1903 übernommen von Siegel (Leipzig); D-B, D-Mbs <> Zwei Fantasiestücke (Kl.) op. 17 (1883), Breslau: Hainauer [1884]; D-Dl – TA [1898]; CH-Gc, D-B, D-SWl <> Zwei Stücke (Kl.) op. 18 (1884), ebd. [1884] – TA [1898]; A-Wmk, D-B, D-KNh <> Wald-Idyllen. Vier Stücke (Kl.) op. 19 (1884), Leipzig: Kahnt [1884]; D-B – NA [1912]; A-Wmk, CH-Bu, CH-Zms, CZ-BNm, D-Mbs <> Drei Poesien (Kl. 4ms) op. 20 (1885), Breslau: Hainauer [1886]; D-B, D-KNh, D-Mbs, D-Rp – TA; D-LEh <> Mondbilder nach H. C. Andersens Bilderbuch ohne Bilder (Kl. 4ms) op. 21 (1885), ebd. [1886]; CH-Gc, D-B, D-KNh – TA; D-LEh <> Hamlet. Ophelia. Zwei Gedichte (Orch.) op. 22 (1884–85), ebd. [1885]; B-Bc, D-B, CH-Gc – Fsg. f. Kl.4ms (vom Komp.), ebd. [1885]; A-Wn <> Konzert (Kl., Orch.) Nr. 2 op. 23 , (1884–89), Leipzig: Breitkopf & Härtel [1902] – Fsg. f. 2 Kl. (vom Komp.), ebd. [1890]; CH-Bm, DK-Kk <> Vier Stücke (Kl.) op. 24 (1886), Breslau: Hainauer [1887]; D-B, I-TScon <> Lancelot und Elaine. Zweite symphonische Dichtung (Orch.) op. 25 (1886), ebd. [1888]; D-B – KlA. (vom Komp.), ebd. [1897]; CH-Bu <> From an Old Garden (Sst., Kl.) op. 26 (1886–87), New York: Schirmer [1887]; CH-Zz, D-B, DK-Kk <> Drei Lieder (4st. Mch.) op. 27 (1887), Boston/Leipzig: Schmidt [1890]; D-B <> Idyllen. Sechs kleine Stücke (Kl.) op. 28 (1887), Breslau: Hainauer [1887]; B-Bc, CZ-BNm, D-B <> Lamia. Dritte symphonische Dichtung (Orch.) op. 29 (1887–88), Leipzig: Schmidt [1908]; D-B – KlA. 4ms (vom Komp.), ebd. [1908]; D-B <> Die Sarazenen, Die schöne Aldâ. Zwei Fragmente (nach dem Rolandlied) (Orch.) op. 30 (1886–90), Leipzig: Breitkopf & Härtel [1891]; CH-Gc, ehem. D-B, D-HEu, I-BGi, I-Mc – KlA. 4ms (vom Komp.), ebd. [1908]; CH-BEu, CZ-Bm, D-B, DK-Kk <> Sechs Gedichte nach Heinrich Heine (Kl.) op. 31 (1887), Breslau: Hainauer [1887]; CH-BEu, CH-Zz, D-B, D-Dl, D-KNh <> Vier kleine Poesien (Kl.) op. 32 (1887), Leipzig: Breitkopf & Härtel [1888]; ehem. D-B <> Drei Lieder (Sst., Kl.) op. 33 (1887–88), Breslau: Hainauer [1889]; D-B <> Two Songs (Sst., Kl.) op. 34 (1887–88), Leipzig: Schmidt [1889] <> Romanze (Vc., Orch.) op. 35 (1887), Breslau: Hainauer [1888]; D-B <> Etude de concert (Kl.) op. 36 (1887), Leipzig: Schmidt [1889]; CH-Gc, CZ-BNm, ehem. D-B, D-Mbs <> Les orientales (Kl.) op. 37 (1887–88), ebd. [1889]; A-Wn, CH-Bm, D-B
Quellen und Referenzwerke — Nachlass (19.000 Dokumente, darunter Briefe mit Kopierbüchern ab 1882, 300 Werkmanuskripte, 100 Musikdrucke sowie 300 Fotografien); US-Wc (Edward A. MacDowell Papers; Findbuch online) <> Zum Briefwechsel zwischen George Templeton Strong und MacDowell vgl. Saffle/McLain 2019. Weitere umfangreiche Bestände finden sich u. a. in: US-NYp, US-NYcu und D-Mbs („Raffiana I“ und „Raffiana X“) <> Jahresberichte des Hoch’schen Konservatoriums
Literatur — E. Douglas Bomberger, MacDowell, New York 2013 (dort weitere Literaturangaben) <> Forschungsbeiträge neueren Datums: E. Douglas Bomberger, The Kindness of Strangers. Edward MacDowell and Breslau, in: American Music 32, Heft 1 (Frühling 2014), S. 24–45 <> Paul Bertagnolli, Edward MacDowell’s Original Program for the Sonata Eroica, in: Journal of the Society for American Music 9, Heft 1 (2015), S. 61–107 <> Bill F. Faucett, Music in Boston. Composers, Events, and Ideas 1852–1918, Lanham 2016 <> Very Good for an American. Essays on Edward MacDowell, hrsg. von E. Douglas Bomberger, Hillsdale NY 2017 <> Ryan R. Weber, Cosmopolitanism and Transatlantic Circles in Music and Literature, Cham 2018 <> John Graziano, MacDowell, Liszt, and the symphonic poem, in: Nineteenth-century programme music. Creation, negotiations, reception, hrsg. von Jonathan Kregor, Turnhout 2018, S. 309–320 <> Michael Saffle / Elizabeth McLain, Edward MacDowell’s Letters to Templeton Strong in the Library of Congress, in: Fontes Artis Musicae 66, Heft 3 (Juli–September 2019), S. 239–251
Abbildung 1: Das Ehepaar MacDowell bei einer Wanderung in der Schweiz, ca. 1886; US-Wc (via Wikimedia Commons)
Abbildung 2: Titelseite des Klavierkonzerts Nr. 2 op. 23 mit autographer Zueignung; D-Mbs (digital)
Severin Kolb