(1) Carl (Karl Friedrich August; eigentl. Krause) * Meuselwitz (Thüringen) 8. Juni 1845 | † Gießen 7. März 1924; Vater von (2), Militärmusiker, Kapellmeister, Komponist
(2) Ernst (Ludwig August Bernhard) * Gießen 9. Febr. 1885 | † ebd. 5. Aug. 1969; Sohn von (1), Militärmusiker
(1) Carl Krausse, erster Sohn aus zweiter Ehe eines Meuselwitzer Administrationsexpedienten und der Tochter eines herzoglich sächsischen Landesjustizkanzleiboten, war seit Nov. 1864 (noch unter dem Namen Krause) Hautboist des in Liegnitz, Glatz und Breslau stationierten königlichen Grenadier-Regiments „König Wilhelm I.“ (2. Westpreußisches) Nr. 7, mit dem er u. a. 1866 die Kämpfe bei Nachod und Königgrätz sowie später den deutsch-französischen Krieg erlebte. 1872 wurde er Kapellmeister des in Gießen stationierten Infanterie-Regiments „Kaiser Wilhelm“ (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116 und blieb – im Sept. 1885 zum Großherzoglichen Musikdirektor ernannt – bis zu seiner Pensionierung Ende des Jahres 1909 in dieser Position, wobei er seit etwa 1873 in der Regel seinen Namen mit „ss“ schrieb. Dass er sich in „den weitesten Teilen der Gießener Einwohnerschaft […] sowohl als Mensch, wie auch als hervorragender Musiker und warmherziger Förderer des Musiklebens […] sehr großer Beliebtheit“ erfreute, glauben wir dem Schreiber des Nekrologs nach der Lektüre einer beträchtlichen Zahl von Anzeigen, Berichten und Notizen in der städtischen Presse gerne. Dabei absolvierte er nicht nur als Dirigent die landauf landab üblichen, kurzweiligen Gasthof- und Freiluftauftritte mit seiner Militärkapelle, mit der er auch außerhalb, etwa in Bad Nauheim (s. Schmidt 1932, S. 10), Wiesbaden (1903, 1905, 1909) und sogar Hamburg (1893) zu Gast war, sondern er veranstaltete in Gießen mit seinen „116ern“ bereits von Beginn an zusätzlich (in den Sommer- und Wintermonaten) Abonnementskonzerte mit anspruchsvollerem Programm, um eine engere Bindung an das Publikum zu erzielen. Carl Krausse war weiterhin Gründungsdirigent des Gießener Männer-Gesang-Vereins (1888), leitete bei Bedarf (etwa 1895 in Vertretung des erkrankten Adolph Felchner) den Konzertverein wie auch bei besonderen Festlichkeiten weitere Gesangvereine der Stadt. Mit Felchner, Anton Appunn und Leopold Geller gehörte er 1893 der Kommission zur „Prüfung des Tones und Klanges“ der neuen Glocken in der Johanneskirche (Gießener Anzeiger 18. Mai 1893) an. Insbesondere nach seiner Versetzung in den Ruhestand trat er bei unterschiedlichen Gelegenheiten als Kammermusiker (Bratschist) in Erscheinung und erteilte in seiner Privatwohnung Unterricht im Klavier-, Harmonium-, Violin- und Violaspiel. Krausses Nachfolger als Gießener Regimentsmusikmeister wurde Wilhelm Loeber. Verheiratet war Carl Krausse seit 1872 in Liegnitz mit der Sattlermeisterstochter Emma Rosemann (1850–1927).
Werke — Ein befriedigender und auch nur einigermaßen vollständiger Überblick über das kompositorische Schaffen Krausses ist bislang nicht möglich, da die Mehrzahl der nicht wenigen, seit den 1870er Jahren zumeist in Gießen aufgeführten Werke ungedruckt blieb und verschollen ist. Allein 1899 erklang bei den Konzerten der Militärkapelle etwa ein Dutzend (wohl überwiegend neuer) Kompositionen, darunter ein Galopp Nauheimer Sprudel (Gießener Anzeiger 1. Jan. 1899), ein Walzer Liegnitzer Tanzlust (5. Febr.) und ein Schützenmarsch Gut Treff! (31. Dez.); in besonders guter Erinnerung blieb in Gießen noch nach dem Tod des Komponisten der Gießener Rudermarsch zum Silberjubiläum der Ruder-Gesellschaft (1902; noch 1932 gespielt), wie überhaupt spezielle Anlässe immer wieder Kompositionen entstehen ließen (etwa 1909 ein Jubiläumsmarsch Hesse Darmstädter sein mir; Wiesbadener Bade-Blatt 23. Mai 1909). – Im Druck erschienen lediglich (mit seltsam hohen Opuszahlen) drei Vokalwerke: Im Hinterland (Mch.) op. 56, Magdeburg: Rathke [1889/90]; D-B (vgl. die Anzeige im Gießener Anzeiger 19. Jan. 1890) <> Bua und Dirndl (Sst., Kl.) op. 57, ebd. [1890]; D-B <> Der schönste Klang (Mch.) op. 58, ebd.; D-B
Quellen — KB Meuselwitz (ev.), KB Liegnitz (Militär), KB und Standesamtsregister Gießen <> Militair-Musiker-Almanach für Deutschland 1879 <> Dienstalters-Liste der Stabshoboisten, Stabstrompeter, Stabshornisten des Deutschen Reichsheeres und der Kaiserlichen Marine, Berlin 1891, S. 7 <> Adressbücher Gießen <> NN., Musikdirektor Krauße † [Nekrolog], in: Gießener Anzeiger 8. März 1924 <> NN., Nochmals Erinnerungen an Steins Garten, ebd. 23. Aug. 1939 <> Gießener Anzeiger 25. Juni 1873, 23. Jan. 1876, 19. Juni 1876, 2. Nov. 1889 (25j. Dienstjubiläum), 19. Jan. 1890 (2. Bl.), 18. Mai 1893 (1. Bl.), 15. Aug. 1894 (1. Bl.), 9. Nov. 1895 (1. Bl.), 18. Dez. 1898 (1. Bl.), 1. Jan. 1899 (1. Bl.), 5. Febr. 1899 (1. Bl.), 31. Dez. 1899 (1. Bl.), 13. Febr. 1900 (1. Bl.), 20. Jan. 1902 (1. Bl.), 18. Aug. 1902 (1. Bl.), 2. Dez. 1903 (1. Bl.), 5. März 1904 (2. Bl.), 23. Apr. 1904 (1. Bl.), 31. Mai 1904 (2. Bl.), 26. Juni 1904 (2. Bl.), 22. Mai 1905 (1. Bl.), 25. Mai 1905 (2. Bl.), 11. Juni 1909 (1. Bl.), 20. Sept. 1909 (1. Bl.), 31. Dez. 1909 (1. Bl.; Ruhestand), 21. März 1910 (2. Bl.), 27. Sept. 1910 (1. Bl.), 8. März 1924 (priv. Todesanzeige), 19. Okt. 1926 (priv. Todesanzeige der Witwe), 18. Jan. 1927, 15. Juli 1932 (Frühausg.) und passim; Hamburger Fremdenblatt 10. Apr. 1893; Musikalisches Wochenblatt 7. Okt. 1893; Wiesbadener Bade-Blatt 6. Sept. 1903, 23. Mai 1909; Wiesbadener General-Anzeiger 24. Aug. 1905
Literatur — Karl Schmidt, Die Dirigenten des Kurorchesters zu Bad-Nauheim von 1853–1932, Friedberg 1932
(2) Ernst Krausse studierte 1900–1905 am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt bei Johannes Hegar sowie (ab 1902) bei Hugo Schlemüller Violoncello und war in den Jahren 1904–1907 im Gießener Musikleben als Cellist (teils neben seinem Vater, der bei Kammermusikkonzerten Viola spielte) präsent. Anschließend ging er nach Berlin und wurde im Dezember 1911 zum Musikmeister des Grenadier-Regiments „König Wilhelm II.“ (1. Schlesisches) Nr. 10 ernannt; mit der „aus dem Felde beurlaubten Kapelle“ (Gießener Anzeiger 9. Aug. 1918) des 5. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 168 gab er seit August 1918 Konzerte in Bad Nauheim, und auch im weiteren Verlauf war Krausse mit seinen Militärkapellen vor allem dem zivilen Musikbetrieb (etwa um 1924 in Marienwerder, wo er Sinfoniekonzerte veranstaltete und auch wieder als Cellist auftrat, sowie 1927 in Frankfurt mit der Ludwigsburger Schützenkapelle) verpflichtet. 1931 übernahm er als Obermusikmeister und Nachfolger Wilhelm Loebers das Musikcorps des Infanterie-Regiments Nr. 36 in Gießen, wo er ebenfalls (und zwar mit dem Theater- und dem Militärorchester) Sinfoniekonzerte durchführte. Auch war er, obwohl offenbar nicht Partei-Mitglied, seit den 1930er Jahren mit administrativen Aufgaben befasst, etwa als Fachreferent für das Musikwesen beim Armeekorps in Frankfurt und Wiesbaden (zu weiteren Einzelheiten s. PriebergH). 1912 schloss Krausse die Ehe mit der Hauptmannstochter Luise Göden (* Berlin 1883).
Werke — Ernst Krausses wenige benannt gewordenen Kompositionen für Militärmusik (etwa ein Heroischer Marsch, s. Gießener Anzeiger 23. Juli 1910) blieben ungedruckt und sind verschollen.
Quellen — Standesamtsregister Gießen; KB Berlin (Militär) <> Jahresberichte des Hoch’schen Konservatoriums <> Gießener Anzeiger 8. März 1904 (1. Bl.), 26. März 1906 (2. Bl.), 9. Apr. 1907 (2. Bl.), 13. Juni 1908 (2. Bl.), 23. Juli 1910 (1. Bl.), 2. Dez. 1911 (1. Bl.), 23. Dez. 1911 (1. Bl.; Verlobungsanzeige), 2. Dez. 1912 (1. Bl.), 9. Aug. 1918, 7. Okt. 1931, 13. Okt. 1931, 3. Apr. 1935, 6. Mai 1936 u. ö.; Signale für die musikalische Welt 13. Aug. 1924; Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 17. Juli 1927 (2. Morgenblatt)
Literatur — PriebergH
Abbildung 1: Ankündigung des 1. Abonnementskonzerts unter Carl Krausses Stabführung in Wenzels Garten (später umbenannt in Steins Garten sowie 1905 in Neuer Saalbau), Gießener Anzeiger 25. Juni 1873
Abbildung 2: Inserat im Gießener Anzeiger 27. Sept. 1910
Abbildung 3: Ankündigung eines von Ernst Krausse in Gießen mit dem Theater- und seinem Militärorchester veranstalteten Symphoniekonzert; Gießener Anzeiger 9. Apr. 1935
Axel Beer