Edmund Kühn
KÜHN, EDMUND (ERNST FRIEDRICH) * Berlin 2. Aug 1874 | † ebd. 13. Aug. 1935; Komponist und Musikschriftsteller
Bevor sich der Kaufmannssohn Edmund Kühn, 1889/90 Klavierschüler des Stern’schen Konservatoriums und um die Mitte der 1890er Jahre u. a. als Korrepetitor in Berlin tätig, etwa 1905/1906 endgültig in seiner Heimatstadt niederließ, verbrachte er geraume Zeit in Speyer. Von dort war die Sängerin Henriette Niemand (mehr zu ihr weiter unten), nachdem sie im Oktober 1894 bereits ein Lied Kühns in Landau gesungen hatte, gegen Ende des Jahres nach Berlin gereist, um Karriere zu machen; irgendwann in den folgenden Monaten kreuzten sich ihre Wege, und 1897 kehrte Henriette an der Seite ihres Verlobten Edmund Kühn nach Speyer zurück. Ein erstes gemeinsames Konzert fand mit der Unterstützung einer großen Zahl an Mitwirkenden im März 1898 statt – angekündigt von der Presse nicht nur als „besonderer Kunstgenuß“, sondern unter Aufbietung beträchtlicher Vorschusslorbeeren, deren Essenz einem neuzeitlichen Faktencheck kaum standhalten würde: Die Musikfreunde erfuhren, dass Kühn „in den letzten Jahren ganz hervorragende künstlerische Erfolge, namentlich in den musikalischen Kreisen Berlins und Wien, mit der Vorführung seiner Chor- und Orchesterwerke errungen“ hätte (Speierer Zeitung 8. März 1898), und sahen sich in Vorfreude auf „ausnahmslos werthvolle Schöpfungen eines Tonsetzers, dessen Schaffen die musikalische Kritik das denkbar günstigste Zeugnis ausgestellt hat“ (ebd. 19. März 1898); freilich wussten sie nicht, dass die Berliner Akademie der Künste wenige Monate zuvor das „Gesuch des Edmund Kühn in Speyer“, Kaiser Wilhelm II. eine Ouvertüre widmen zu dürfen, zurückgewiesen hatte, da sie das Werk als „gänzlich werthlos“ einstufte (Brief Heinrich von Herzogenbergs, 1897) – nun sind und waren künstlerische Anschauungen nicht überall dieselben, und so wurde der Komponist in Speyer mit „Beifall, Kranz- und Blumenspenden“ in „überreich[em]“ Maße belohnt (Speierer Zeitung 23. März 1898). In der Folgezeit brachte sich Edmund Kühn engagiert in das Musikleben der Kaiserstadt ein, etwa in Form der Zusammenarbeit mit der Kapelle des Pionier-Bataillons („Pionierkapelle“) unter Musikmeister Oskar Möckel, der im März 1899 einen Möckelmarsch Kühns zur Uraufführung brachte, sowie mit den ortsansässigen Chören: Dem MGV Erheiterungen vertonte Kühn den Sängerwahlspruch, und vor allem mit dem MGV Frohsinn (seit März 1901 als Ehrenmitglied) und seinem Dirigenten Jakob Schultz stand er in freundschaftlicher Beziehung – Resultat waren ein Frohsinnsmarsch, weiterhin die Tatsache, dass Kühn ins Komitee des 1901 gegründeten und unter Vorsitz Schultz’ stehenden Speiergau-Sängerbunds berufen wurde und dass er als Komponist von Männerchören mit dem Musikverlag André in Offenbach in Verbindung trat; freilich vergaß er bei den Verhandlungen nicht, Jakob Schultz als Garant für eine für beide Seiten erfreuliche Nachfrage zu erwähnen.
Auch Aktivitäten mit überregionaler Reichweite sind belegt: Einem dem Badischen Großherzog gewidmeten und im Januar 1899 in Karlsruhe unter Kühns Leitung uraufgeführten Chorwerk standen die Operetten gegenüber, mit denen er beim Berliner Central-Theater Fuß zu fassen hoffte (Brief an André, Speyer 26. Juni 1901), wobei die zu diesem Zweck nach Berlin unternommenen Reisen nicht das gewünschte Resultat erbrachten. Auch seine Beteiligung am Deutschen Sängerfest in New York im Juni 1900, wo immerhin einer seiner Männerchöre einen Achtungserfolg erzielen konnte, fand ihren Niederschlag lediglich in einer Zeitungsmeldung – man fragt sich, ob der hymnische Tonfall, den die Lokalpresse hierbei erneut an den Tag legte („der in hiesiger Stadt bestbekannte und von der musikliebenden und musikverständigen Bevölkerung hochgeschätzte Komponist Edmund Kühn […] hat sich mit den besten Tonkünstlern gemessen und den Wettkampf mit Ehren bestanden“; Speierer Zeitung 20. Juni 1900), seinen Zweck nicht eher verfehlte.
Da Kühn keine festen Einkünfte verbuchen konnte – die Erwähnung seiner „goldenen Künstlerfreiheit“ gegenüber André ist von geradezu bissiger Selbstironie –, war er auf Honorare angewiesen (Brief an André, Speyer 18. Okt. 1901), die er von seinem Verlag nicht nur für Kompositionen, sondern auch für Arrangements sowie möglicherweise für Korrekturarbeiten und Rezensionen erhielt. Erst 1905 erlangte Kühn eine feste Anstellung als Musikkritiker bei der Berliner Zeitschrift Germania – zwar sprach die Speierer Zeitung noch Ende des Jahres von „unserm heimischen Meister Eduard Kühn“ (20. Nov. 1905), doch scheint dieser sich alsbald mit seiner Gattin in Berlin niedergelassen zu haben, wo er nicht nur als Musikschriftsteller „eine wohlbekannte Persönlichkeit“ war, sondern „namentlich auch als unentwegter Entdecker und unermüdlicher Förderer manchen aufstrebenden Talents“ wirkte (Zeitungs-Verlag 8. Jan. 1930). Kompositionen aus seiner Feder wurden wenigstens noch bis 1914 in Speyer aufgeführt.
Mit der Altistin Henriette Niemand (* Speyer 18. Juli 1862 | † Berlin 25. Nov. 1911) hatte Kühn im Januar 1899 in Berlin die Ehe geschlossen. Ihren Berufsweg begann sie, da ihr Vater Georg seit 1882 Inhaber der Speyerer Badeanstalt war, 1884 als Lehrerin der Damenschwimmschule – man muss den Pressebericht über das „Fest […] zum Abschluß des 1. Uebungskurses“ (Speierer Zeitung 12. Sept. 1884) gelesen haben: Die „Wassernixen“ versammelten sich „zu einer äußerst malerischen Gruppe nach Motiven der Nibelungengeschichte“ – dies unter Beteiligung von „Vater Rhein“ und „Loreley“, wobei „das Auffinden und Heben des in den Fluten des Rheines versenkten Schatzes, welcher der Schwimmlehrerin „Krimhilde“ (Frln. Niemand)“ dankbar überreicht wurde, den Höhepunkt darstellte. Jene recht spezielle Version des in Speyer natürlich wohlbekannten Mythos mündete schließlich in ein heiteres Miteinander „bei Musik und passendem Getränke“, und man wird nicht ausschließen können, dass Henriette Niemand hierbei ein weiteres Talent entfalten konnte. Ob sie später wirklich „ihre Gesangsstudien in München absolvierte“ bzw. „auf ein mehrjähriges eifriges Studium“ zurückblicken konnte (Speierer Zeitung 11. und 22. Sept. 1894), bevor sie sich gelegentlich in ihrer Heimatstadt als Sängerin hören ließ, bleibt noch zu ermitteln. Nach ihrem Tod ging Edmund Kühn eine zweite Ehe, und zwar mit Marie Elsbeth Klara Luise geb. Mebus aus Potsdam (1890–1981), ein.
Werke — Kompositionen (Auswahl): Drei Männerchöre (Und wär’ der Himmel noch so trüb’, Trinklied, Des frommen Landsknechts Morgenlied; Wilhelm Tappert gewidmet) op. 15, Offenbach: André [1901]; D-B, D-OF <> Das Geheimnis der Glocke (gem. Chor; „Wenn früh am Sonntag“) op. 20, ebd. [1902]; D-B, D-OF <> Sängermarsch Der Frohsinn hoch (4st. Mch., „O, welche Freud’“; komp. 1901) op. 21, ebd. [1902]; D-B, D-OF <> Drei volkstümliche Lieder (Mch. bzw. gem. Chor; Der Traum, Ach, gar wie bald, O, zaubervolle Jugendzeit; komp. 1901) op. 22, ebd. [1902]; D-B, D-OF <> Und um die Holzbank duftete der Flieder (Mch.) op. 25, ebd. [1903]; D-B, D-OF <> Der deutsche Reiter (Mch.; Ich muss zur Schlacht“; Widmung an die Liedertafel in Speyer) op. 26, ebd. [1903]; D-B, D-OF <> Deux Morceaux (Vl., Kl.; Capriccio, Gondoliera) op. 31, ebd. [1908]; D-B, D-OF <> Zwei Männerchöre (Blau Blümelein, Rheinwein („Am Hügel bei blinkenden Wogen“) op. 35, ebd. [1903]; D-B, D-OF <> Quartett (Kl., 2 Vl., Vc.) op. 38, ebd. [1909]; D-B, D-Mbs, D-SPlb – Bearb. u. a. als Kl.-Trio; ebd. [1909]; D-B <> Zwei Männerchöre (Ostermorgen, Normannenlied) op. 39, ebd. [1906]; D-B, D-OF <> Weihnachtsglocken (Mch.; „Es hallen helle Glocken“) op. 41, ebd. [1908]; D-B, D-Kbeer, D-OF <> Drei leichte Stücke (Harm., Kl.; Arioso, Alla russe, Albumblatt) op. 53, ebd. [1910]; D-B <> Einige weitere Kompositionen (v. a. Tänze und kleinere Kammermusikwerke) erschienen bei Samson sowie Simon in Berlin bzw. Stein in Potsdam. <> in Speyer aufgeführt bzw. entstanden (ungedruckt und meist nicht überliefert): Orchesterstücke Intermezzo und Adagio sowie Ouvertüre zur komischen Oper Tito (Speierer Zeitung 23. März 1898); Frohsinnsmarsch (Speierer Zeitung 21. Nov. 1898); Berthold I. von Zähringen (Chor, Orch.; UA Karlsruhe 16. Jan. 1899); Möckelmarsch (Speierer Zeitung 27. März 1899); Sängerwahlspruch für den MGV Erheiterung (Speierer Zeitung 6. Juli 1900); Oper Joseph (komp. 1898; Speierer Zeitung 18. und 22. Apr. 1901; an André gesandt 9. Okt. 1901); Operette Das dritte Geschlecht oder Das Weiberregiment (Text und Musik von Kühn; s. Brief an André 11. Juni 1901); Duo (Vl., Vc.; Speierer Zeitung 15. Juli 1901) <> Bearbeitungen für André von Werken von Franz Abt, Carl André (op. 16), Georges Bizet, Hans Schmidt (op. 2 Nr. 2 f. gem. Chor) <> Schriften: Richard Wagers Musikdramen, ebd. 1914 <> Führer durch die Operetten der älteren und neueren Zeit, die Singspiele, musikalischen Lustspiele, Schwänke und Possen der Gegenwart, Berlin: Globus 1925 <> Rezensionen
Quellen — Zivilstandsregister Speyer <> Standesamtsregister Berlin und Berlin-Niederschönhausen <> Briefe an André in Offenbach (109; 1901–1907); D-OF <> Verlagsverträge mit André (12; 1902–1913); D-OF <> Brief des Senators Heinrich von Herzogenbergs an den zuständigen Ressortminister, Berlin 9. Nov. 1897, in: Acta, betreffend Musikangelegenheiten 1895–1898; D-Bda (Best. Preußische Akademie der Künste Berlin, Akte 392, Bl. 179) <> Jahresberichte des Stern’schen Konservatoriums Berlin <> Speierer Zeitung 12. Sept. 1884, 11. Sept. 1894, 22. Sept. 1894, 9. Okt. 1894 (betr. Henriette Niemand), 19. März 1898, 23. März 1898, 21. Nov. 1898, 20. Jan. 1899, 23. Juli 1899, 6. Juli 1900, 20. März 1901, 18. und 22. Apr. 1901, 15. Juli 1901, 3. Febr. 1903, 16. Nov. 1904, 20. Nov. 1905, 24. März 1906, 27. Nov. 1911, 13. Dez. 1912, 9. März 1914; Badische Länder-Zeitung (Karlsruhe) 15. Jan. 1899; Karlsruher Zeitung 20. Jan. 1899; NZfM 7. Febr. 1906; Zeitungs-Verlag (Magdeburg) 8. Jan. 1930 <> MMB; Pazdírek
Literatur — Frank/Altmann
Abbildung 1: Edmund Kühn, in: Sonderkatalog No. 11. Werke für Männerchor, Offenbach: André [ca. 1905], S. 13
Abbildung 2: Aus einem Brief Kühns an André (Speyer 16. März 1901); D-OF
Abbildung 3: Titel der Weihnachtsglocken op. 41 (1908); D-Kbeer
Axel Beer