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CÜNZER, CARL (BORROMÄUS; lt. Taufeintrag Carolus Joseph Hubertus) * Aachen 11. Okt. 1812 (nicht 1816) | † Wien 10. Nov. 1872; Militärangehöriger, Dichter, Komponist

Der Lebensweg Cünzers ist insgesamt wie auch in manchen Details und Wendungen ungewöhnlich, oft genug zudem rätselhaft; das gilt bereits für die Vornamen: Die bei der Taufe gewählten begegnen später nur noch beim Bonner Aufgebot; schon die Matrikel der dortigen Universität kombinieren (1832, im 2. Semester) den Rufnamen Carl mit dem seltsamen Zusatz „Borronice“ (ein Jahr später „Beronice“), aus dem beim Wetzlarer Heiratseintrag „Bearamus“ wird sowie beim Aufgebot in Münster „Baromäus“, was dem „Borromäus“ am nächsten kommt, den Cünzer sich – vielleicht war Karl Borromäus ihm persönliches Vorbild bzw. der bei der Taufe eigentlich gemeinte Heilige – seit der Mitte der 1840er Jahre (und sei es abgekürzt) regelmäßig zulegte. Allerdings: Die Koblenzer Adressbücher nennen ihn 1852 „Carl Bartl.“, und zweifelsfrei handelt es sich jeweils um dieselbe Person, die auch ganz sicher 1812 und nicht, wie alle anderen Biographen behaupten, 1816 geboren wurde. Jedenfalls bezog „Carl Cünzer“ im Dezember 1831 die Bonner Universität, um – dem Beispiel des Vaters folgend, der Tribunalrichter in Aachen war – Jura zu studieren; nach fünf Semestern gab er sein Vorhaben auf und widmete sich, wie die ersten Veröffentlichungen von Kompositionen aus seiner Feder seit 1833 vermuten lassen, der Musik, wobei ein zwischenzeitlicher Aufenthalt in Berlin anzunehmen ist. Spätestens 1835 war dagegen die Entscheidung für eine militärische Laufbahn gefallen: Cünzer wurde, zunächst als Fähnrich, in unmittelbarem Anschluss als Leutnant, Angehöriger der in Wetzlar stationierten 4. preußischen Schützen-Abteilung, in der er bis 1844 Dienst tat, um sich kurz darauf in den Ruhestand versetzen zu lassen. Als „Lieut[nant] a. D.“ (so das Adressbuch 1850) nahm er vermutlich bereits 1845 in Koblenz seinen Wohnsitz und konzentrierte sich zunächst auf seine schriftstellerischen Ambitionen, die der rheinischen Öffentlichkeit bislang unbekannt geblieben waren und deren Ergebnisse in Form kurzweiliger Novellen seit 1846 erschienen; abgesehen davon, dass er gleichzeitig mit Schott in Mainz in Verbindung trat, nahm er seine Tätigkeit als Komponist wieder auf, veröffentlichte bei Eck in Köln und Falckenberg in Koblenz Lieder und war beispielsweise 1852 mit einem orchesterbegleiteten Chorwerk bei einem Konzert Georg Hartmanns und Richard Kuglers präsent. Seit 1850 gehörte er auch dem vor allem literarisch aktiven Kreis um Prinzessin Augusta in deren Residenz an. Nach zehnjährigem Aufenthalt in Koblenz begab Cünzer sich auf Reisen: Im August 1854 machte er – vielleicht auf der Durchreise nach Italien – Station in Bern, ein Jahr später traf er von Aachen aus, wo er seine Verwandten besucht haben mag, erneut dort ein, und im Juli 1857 finden wir Cünzer – wiederum aus Aachen kommend – erstmals in Wien; die Erwähnungen seines Namens in der Presse lassen auf ein beträchtliches Vermögen schließen, das nicht zuletzt der Hinterlassenschaft seines Vaters Joseph (gest. 1840) und seines Bruders Hubert Mathieu (1808–1867), seines Zeichens Hüttenbesitzer in Eschweiler, entstammte: Zum einen spendete Cünzer nicht selten hohe Beträge für mildtätige Zwecke, und zum anderen zählte er zum Stiftungsrat der Gesellschaft der Musikfreunde, in deren Vereinssaal er allem Anschein nach auch großzügig investiert hatte. Jedenfalls lässt die Totenfeier zu seinen Ehren in der Wiener Hofkirche St. Augustin keinen Zweifel an der Hochachtung, die man ihm entgegenbrachte: Unter Kapellmeister Leopold Eder (1822–1902) und unter Beteiligung von Mitgliedern der Hofkapelle erklang Mozarts Requiem. Verheiratet war Cünzer seit 1841 mit Helena Kolligs, einer Tochter des Bonner Regierungsrats Carl Kolligs, der seinerseits mit seiner Familie bereits im November 1843 nach Koblenz gezogen war. Und was noch erwähnt sei: Die dritte Novelle aus dem 1. Teil der gleichnamigen Sammlung aus der Feder Carl Cünzers mit dem Titel Das Quartett enthält, so die Kölnische Zeitung vom 25. Nov. 1847, „sehr anmuthige Schilderungen aus dem Studentenleben und die Darstellung zweier interessanten [!], wenn auch nicht neuen Charaktere, des Capellmeisters und Borromäa’s“ – dies noch einmal zu Cünzers Vornamenchaos und als Leseanregung, zumal vielleicht, wenn der Plot schon nicht ganz neu war, E.T.A. Hoffmann mal wieder um die Ecke schaut …

WerkeKompositionen: 5 Gesänge (Sst., Kl.; „Schwalben ziehen“, „Der Eichwald brauset“, „Ich bin vom Berg’“, „Was soll doch diess Trommeten?“, „Herbst ist es nun“), Berlin: Trautwein [1833] <> 6 Tänze (Kl. ) 1. Heft, Bonn: Mompour [1833] <> Bouquet des Roses. 6 Danses (Kl.) 2. Heft, ebd. [1834] <> 6 Tänze (Kl. ) 3. Heft, ebd. [1834/35] <> 6 Lieder (Sst., Kl.; „Wie manchmal, wenn des Mondes Strahl“, „Leis rudern hier, mein Gondolier“, „Nun hol mir eine Kanne Wein“, Stille Sicherheit, Noras Gelübde, „O wär’ mein Lieb die rothe Ros’“); Köln: Eck [1845]; D-B <> 6 Lieder (Sst. Kl.) in zwei Heften (Heft 1: Thränenperlen, Ersatz, Erhörung; Heft 2: „Mein Herz ist wie die dunkle Nacht“, Letzter Trost, Erloschene Liebe) op. 3, Koblenz: Falckenberg [1852] (Rezension: Neue Berliner Musikzeitung 29. Jan. 1853) <> Der Strauch erzittert. Ungarisches Lied (Sst., Kl.), Stuttgart: Ebner [1859] <> Gesang der Geister über den Wassern (Chor, Orch.); ungedruckt (aufgeführt in Koblenz am 13. Febr. 1852 – s. Abb. des Programms im Art. Hartmann (Familie) <> Weitere Lieder und Tänze wurden von Kölner Musikhandlungen in Form handschriftlicher Kopien angeboten <> Schriften (Auswahl): Eine harmlose Geschichte („Von Carl Borromäus Cünzer in Koblenz“), in: Vom Rhein. Leben, Kunst und Dichtung, hrsg. von Gottfried Kinkel, Essen 1847, S. 47–96 <> Novellen, Teil 1 u. 2, Leipzig: Wienbrack 1847; Teil 3 u. 4, ebd. 1851

Quellen — KB Aachen (St. Foillan); KB Wetzlar (Militär); KB Münster (Garnison); KB Wien (St. Augustin) <> Adressbücher Koblenz <> Universitätsmatrikel Bonn <> Briefe, u. a. an Schott in Mainz (2, 1845 u. 1846; s. Kalliope <> Rang- und Quartier-Liste der königlich Preußischen Armee für das Jahr 1836 [–1843] <> Bonner Zeitung 12. Nov. 1830; Bonner Wochenblatt 14. Apr. 1833, 8. Febr. 1835, 16. Aug. 1840, 17. Sept. 1841, 10. Okt. 1841; Kölnische Zeitung 27. Febr. 1835, 19. Apr. 1837, 8. März 1845, 1. Okt. 1847, 25. Nov. 1847, 18. Dez. 1851, 21. März 1852 u. ö. Militair-Wochenblatt (Berlin) 25. Juli 1835, 17. Juni 1836; Aachener Fremdenblatt 5. Aug. 1836 u. ö.; Gießener Anzeigeblatt 8. Juni 1839; Gießener Anzeiger 7. März 1840, 5. Juni 1844; Stadt-Aachener Zeitung 17. Juni 1840, 19. Dez. 1846 u. ö.; Düsseldorfer Zeitung 24. Dez. 1846; Intelligenzblatt für die Stadt Bern 19. Aug. 1854 u. ö., 5. Sept. 1855; Fremden-Blatt (Wien) 19. Juli 1857; Münchner Tages-Anzeiger 17. Okt. 1858; Salzburger Zeitung 17. Juni 1860; Wiener Zeitung 26. Mai 1865, 24. Nov. 1868; 16. Febr. 1871 Die Presse (Wien) 12. Nov. 1872; Neue Freie Presse (Wien) 27. Juni 1875 <> HmL

LiteraturAachen’s Dichter und Prosaisten. Eine Anthologie, herausgegeben von Heinrich Freimuth, 2. Band, Aachen 1882 (darin S. 259–261: Carl Borromäus Cünzer)

Abbildung: Anzeige des Koblenzer Verlegers Falckenberg in der Kölnischen Zeitung vom 15. Mai 1852; der ebenfalls erwähnte R[udolph] Roerdansz war zu jener Zeit pensionierter Oberstleutnant im westfälischen Münster – kriegt also keinen MMM-Artikel.


Axel Beer

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