LENZ, JOSEPH * Koblenz 25. Mai 1813 (nicht 1815) | † ebd. 11. Juli 1865; Jurist und Musiker
Joseph Lenz wuchs in einer Familie heran, deren gesellschaftliche Stellung das Entfalten kultureller Interessen und Fähigkeiten nicht nur ermöglichte, sondern auch als Selbstverständnis in sich trug. Vater Johannes, Notar in Koblenz, „war ein grosser Musikfreund, besass eine der reichhaltigsten musicalischen Bibliotheken und pflegte musicalisches Leben und Treiben in seinem Hause nach den besten Richtungen hin“ (Joseph Lenz (Nekrolog.), S. 237). Folglich erhielt Joseph abgesehen von einer gründlichen gymnasialen Schulbildung auch (seit etwa 1821) kompetente musikalische Unterweisung durch Mathias Kradochwill, Konzertmeister des Musik-Instituts, der die Begabung seines Schülers insbesondere im Violinspiel so weit fördern konnte, dass dieser als Solist in den Koblenzer Winterkonzerten auftrat und – eine künstlerische Laufbahn vor Augen – ab 1833 etwa zwei Jahre lang in Paris (wohl privat) Violinschüler François-Antoine Habenecks wurde und bei Anton Reicha Kompositionsstudien betrieb. Nach seiner Rückkunft (1835) konzentrierte er sich auf seine kompositorischen Ambitionen und übernahm die Leitung des Caecilienvereins wie auch der Liedertafel, bevor er im November 1837 auf Einladung Felix Mendelssohn Bartholdys für einen Monat nach Leipzig reiste, um „hier etwas Gutes zu hören“ und „einen Begriff vom Leipziger Musikwesen“ zu erhalten (Brief Mendelssohns an Henriette Voigt, 25. Nov. 1837). Auf Wunsch des Vaters, dem trotz aller Liebe zur Musik auch darum zu tun war, dem Filius eine möglichst breite Ausgangsbasis für die spätere Berufswahl zu ermöglichen, nahm Joseph Lenz 1838 in Breslau ein Jurastudium auf – dass er bereits während des ersten Semesters daneben (als Nachfolger von Eduard Tauwitz) die Leitung des renommierten Akademischen Musikvereins übernahm, wird man nicht als Zeichen für die Vernachlässigung seiner Pflichten zu deuten haben, zumal er 1841 nach Berlin ging, um sein erstes juristisches Examen abzulegen, und sich 1842 in Koblenz niederließ: Im April des Jahres erhielt er eine Anstellung am dortigen Landgericht, wurde aber gleichzeitig auch „wieder die Seele des musicalischen Lebens und Treibens“ seiner Heimatstadt (Joseph Lenz (Nekrolog.), S. 238). Nach der Entlassung Carl Anschuez’ unterbreitete – ohne dass die Stelle förmlich ausgeschrieben worden war – das Direktorium des Koblenzer Musik-Instituts Joseph Lenz im Juni 1847 den Wunsch, dessen Nachfolge als Musikdirektor anzutreten, was zum 1. Oktober des Jahres auch geschah. Unter Lenz, der seine juristische Laufbahn zugunsten der musikalischen aufgegeben hatte, konnte das Musik-Institut 1858 sein 50jähriges Bestehen feiern; aus diesem Anlass erhielt er durch Prinzessin Augusta die Insignien des Roten-Adler-Ordens vierter Klasse. Nach dem unerwarteten Tod Joseph Lenz’ bewarben sich rund 50 Interessenten, unter ihnen Franz Gretscher und Richard Kugler; die Wahl fiel auf Max Bruch. Zu Beginn des Jahres 1849 übernahm Lenz anstelle des Gründungdirigenten Jakob Hölscher auch die Leitung des Männerchors Concordia, eine Aufgabe, die er gleichfalls bis zu seinem Tod innehatte; sein Nachfolger wurde Franz Gretscher.
Übrigens: Dass schriftliche Quellen sich bisweilen in ihren Kernaussagen fundamental widersprechen, lernen wir angesichts einer „Nekrologische[n] Skizze“, die ein (sich als solcher gebender, ungenannter) Bekannter Joseph Lenz’ aus der Breslauer Zeit an prominenter Stelle 1865 veröffentlichte. Danach hatte Vater Lenz mit Musik gar nichts am Hut, hintertrieb entsprechende Ambitionen Josephs nach Kräften, der denn auch kein Instrument vernünftig spielen lernte, allein deshalb nach Paris ging, um an der Sorbonne den Code Napoléon zu studieren und gleichwohl überall (wenn auch heimlich) nur mit Musikern und Musikgelehrten wie Mendelssohn und Schumann korrespondierte. Man lese und staune. Ob Lenz am juristisch-musikalisch-studentischen Biertisch in Breslau mitunter Märchen verbreitete, um sich selbst zum romantischen Künstler zu stilisieren? Wir wissen es nicht, geben aber der Geschichte mit dem wohlbehüteten Großwerden im welt- und kunstoffenen Koblenzer Elternhaus den Vorzug.
Schließlich: Lenz’ einzige veröffentlichte Komposition, die Vertonung des patriotischen, seinerzeit außerordentlich populären Gedichts Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein von Nikolaus Becker, erhielt bei einem Wettbewerb, in dem es um die beste Musik zu diesem Text ging, in Breslau im Januar 1841 den ersten Preis – genau genommen handelte es sich sogar um den zweiten Wettbewerb, nachdem im Dezember 1840 in Leipzig bereits ein „Konkurrenz-Konzert“ stattgefunden hatte. Aus mittelrheinischer Sicht bemerkenswert ist nicht nur die Tatsache, dass im Mainzer Musikverlag Schott schon im November 1840 Vertonungen von Carl Armand →Mangold und Sigismund Neukomm erschienen – Carl Koßmaly glaubte, die Leserschaft der Neuen Zeitschrift für Musik darauf aufmerksam machen zu müssen, dass „die Hauptmelodie“ der „gekrönten Preiscomposition von Joseph Lenz“ mit seinem eigenen (also Koßmalys) bei Schott bereits 1832 erschienenen Lied Der weisse Adler am Rhein „unverkennbare und auffallende Familienähnlichkeit“ aufweise. Wer Lust hat, vergleiche …
Werke — Die meisten Kompositionen Joseph Lenz’ blieben ungedruckt und sind verschollen. Dies gilt für die „größeren und kleineren“ Werke, die er während der 1830er Jahre mit seinen Koblenzer Chören aufführte (Bericht des Direktoriums 1847), ebenso wie für die „mehrfachen Instrumental- und Vocal-Compositionen“, die ihm in Breslau bei den Konzerten mit dem Akademischen Musikverein den „ungetheiltesten Beifall der Kenner und des Publikums“ einbrachten (ebd.), darunter zwei Ouverturen (Christoph Columbus sowie eine Fest-Ouverture; s. AmZ 29. Mai 1839 und 20. Mai 1840). Ein Stabat mater (Mch., Solostimmen, Str.-Orch.) aus dem Zeitraum 1842–1847 verschwand bereits kurz nach der Aufführung in der Koblenzer Liebfrauenkirche (Nekrolog). Lediglich der Deutsche Wehrgesang („Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“) erschien (als Klavierlied, für Männerchor, in Fassungen Militärorchester, für Klavier zu zwei bzw. vier Händen) im Druck, und zwar 1841 bei Leuckart in Breslau; D-B, F-Pn (Sst., Kl.) <> Schrift: [Joseph] Lenz, Zeugniß, betreffend ein von Hrn. H. J. Haseneier, Instrumentenmacher in Coblenz, neu erfundenes Blase-Baßinstrument, genannt Contra-Bassophon, in: NZfM 12. Apr. 1850, S. 154–155
Quellen — Nachlass Familie Lenz; D-KBsta (N 84; darin von Joseph Lenz lediglich ein Steuerzettel) <> Nachweise in D-KBa (Best. 441 Nr. 3027, Bl. 335 (Ordensverleihung 1858), sowie Best. 656,45 Nr. 26 und 59) <> KB Koblenz (St. Kastor) <> Adressbücher Koblenz <> Felix Mendelssohn Bartholdy, Brief an Henriette Voigt, Leipzig 25. Nov. 1837, zit. nach Felix Mendelssohn Bartholdy. Sämtliche Briefe Bd. 5. Juli 1836–Januar 1838, Kassel etc. 2012, S. 403 (Nr. 1786) <> Bericht des Direktoriums an die königliche Regierung, Koblenz 2. Juli 1847 (zit. nach Schmidt, S. 145 und 149) <> Carl Koßmaly, Musikalische Charakteristiken (Fortsetzung), in: NZfM 17. Aug. 1841, S. [53] <> N.N., Joseph Lenz. Eine nekrologische Skizze, in: Neue Berliner Musikzeitung 26. Juli 1865, S. 237–238 <> „Die Redaction“, Joseph Lenz (Nekrolog.), in: Niederrheinische Musik-Zeitung 27. Juli 1865, S. 237–239 (Auszüge daraus in: AmZ 23. Aug. 1865) <> Coblenzer Tageblatt 16. Juli 1865 (ausführlicher Bericht vom Begräbnis) <> AmZ 29. Mai 1839, 20. Mai 1840, 16. Aug. 1865 (Todesmeldung); Didaskalia 22. Nov. 1840, 24. März 1841; Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 28. Nov. 1840; Der Friedens- und Kriegs-Kurier (Nürnberg)) 6. Jan. 1841; Allgemeine Wiener musikalische Zeitung 8. Apr. 1841 (Revue im Stich erschienener Musikalien, S. 175); Amts-Blatt (Koblenz) 14. Mai 1842; Signale für die musikalische Welt Nr. 23 (Mai) 1852, Nr. 43 (Okt.) 1858; Coblenzer Tageblatt 16. Juli 1865 (Bericht vom Begräbnis); Niederrheinische Musik-Zeitung 15. Juli 1865 (Todesmeldung); Blätter für Theater, Musik und Kunst (Wien) 21. Juli 1865 (dto.); Revue et gazette musicale de Paris 23. Juli 1865 (dto.) <> Festbuch zur 50jährigen Jubelfeier des […] Männergesangvereins „Concordia“ in Coblenz am 26., 27. und 28. Juni 1897, Koblenz 1897, S. 8–16 <> Max Bruch und Koblenz (1865–1867). Eine Dokumentation, hrsg. von Uwe Baur, Mainz 1996 (BzmM 34) <> Frau Judith Höhn-Engers (Stadtarchiv Koblenz) herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung
Literatur — Paul Schuh, Joseph Andreas Anschuez, Köln 1958 (BzrhM 25) <> Hans Schmidt, Musik-Institut Koblenz, Koblenz 1983, bes. S. 144–177 <> Baur 2008
Abbildung 1: Joseph Lenz nach einer Photographie; in: Max Wolf, Musikfest anläßlich der Hunderjahrfeier des Musik-Instituts zu Coblenz 1908
Abbildung 2: Aus einer Anzeige des Musikverlags Leuckart in Breslau; Allgemeine musikalische Zeitung 17. Febr. 1841, Sp. 159
Axel Beer