Fridolin Hamma
HAMMA, FRIDOLIN (BAPTIST) (lt. Taufbuch nur Fridolin) * Wurmlingen bei Tuttlingen (nicht Friedingen bzw. Fridingen) 14. (nicht 16.) Dez. 1818 | † Cannstatt 14. Juni 1892; Musiklehrer, Dirigent, Musikhändler
Der Lehrerssohn Hamma irrlichterte längere Zeit vor allem durch seine Behauptung durch die Musikgeschichtsschreibung, die Marseillaise sei ein Plagiat aus dem Credo einer später unauffindbaren Messe des ansonsten nirgendwo greifbaren Hofkapellmeisters Holtzmann (Istel nahm an, dass Hamma hier an Ignaz Holzbauer dachte). Aus seiner Stelle als Musikdirektor in Schaffhausen heraus empfahl ihn der Prediger Johann Heinrich Maurer 1841 nach Meersburg am Bodensee, wo er als Stadtorganist wirkte (und seinen späteren Darstellungen zufolge in der Kirchenbibliothek das Holtzmannsche Manuskript gefunden haben will). Hier war er auch Klavierlehrer der Töchter des Schlossherrn Joseph von Laßberg, dessen dort ebenfalls lebende Schwägerin Annette von Droste-Hülshoff jedoch klagte, er ließe seine Schülerinnen nur Etüden spielen (Brief an ihre Mutter Therese, 26. Jan. 1842); er spiele zwar „sehr fertig, aber hart wie alle Orgelspieler“ (an Elise Rüdiger, 4. Sept. 1843). Wegen seiner Beteiligung an der Badischen Revolution flüchtete Hamma 1849 in die Schweiz, wo er in Burgdorf und Genf unterrichtete. 1851 heiratete er Emma Sabina geb. Mark in Stuttgart, wo 1855 auch sein Sohn Emil geboren wurde. In Stuttgart leitete er als Gesanglehrer sein eigenes „Musikinstitut“ und wirkte auch als Kritiker. Aus dieser Zeit stammt auch die Behauptung über den „Gesanglehrer und Komponisten Hamma, der längere Zeit in Italien verlebte und bei Verdi und anderen italienischen Meistern seine Studien machte“ (Didaskalia 26. Sept. 1854). 1860 finden wir Hamma als Organist und Klavierlehrer in Ettlingen, wohin er sich nach Aufgabe seines Musikinstituts in Stuttgart aus Gesundheitsgründen zurückgezogen habe (Pfälzer Zeitung 13. März 1860). In dieser Zeit leitete er auch den Liederkranz in Karlsruhe und den Sängerbund von Ettlingen. 1861 ließ Hamma sich in Neustadt an der Haardt (heute Neustadt an der Weinstraße) nieder, wo er die Leitung des Cäcilien- und des Concordia-Vereins übernahm sowie Instrumentalunterricht erteilte. Außerdem war er Lehrer an der Lehmann’schen Knaben-Erziehungsanstalt. Ende 1861 wurde er in das musikalische Komitee des Pfälzischen Sängerbunds gewählt, gab diesen Posten jedoch schon im Folgejahr an Georg Otto ab. 1862 kündigte Hamma an, Klaviere des Stuttgarter Klavierfabrikanten Oehler in Neustadt zu verkaufen. 1865 verkaufte er außerdem „Amerikanische Pianinos“, die „der Kriegsverhältnisse wegen eben sehr billig abgegeben werden“ konnten (Pfälzer Zeitung 11. Febr. 1865); ab 1868 vertrieb er Steinway-Imitationen der Firma Schiedmayer in Stuttgart. 1871 übergab Hamma seine Handlung an Jacob Lang, mit dem er sich aber offensichtlich ein Jahr später überwarf, denn er zeigte an, „daß mein Clavier-Lager in Neustadt a. d. Hardt aufgehört hat und Niemand befugt ist, meinen Namen als Firma zu benützen“, während er gleichzeitig sein neues Lager in Stuttgart bewarb (Pfälzischer Kurier 18. Okt. 1872). Darauf reagierte Lang: „Indem ich auf die mit Recht geführte Firma Hamma, die mir hier durch ihr Renommee in Neustadt schadet, mit Vergnügen bereitwillig verzichte und dieselbe aus den Annalen Neustadt’s tilge, zeige einem verehrlichen Publicum an, daß das Geschäft unter meiner Firma J. Lang wie bisher fortbesteht“ (ebd. 11. Nov. 1872). Möglicherweise folgte der Umzug nach Stuttgart aus Problemen, die ihm seine politischen Ansichten eingebracht hatten. Nachdem er 1868 Redakteur des neugegründeten Neustadter Anzeigers geworden war, verklagte ihn der Verleger der von ihm publizistisch angegriffenen Neustadter Zeitung, Daniel Kranzbühler, erfolgreich wegen Beleidigung (Pfälzische Volkszeitung 19. März 1869). Während der Katholiken-Versammlung in Neustadt konnte er mit seinem öffentlich geäußerten Widerspruch die Verabschiedung einer Adresse an den bayerischen König nicht verhindern (Der Eilbote 10. Mai 1871).
Die Musiker Benjamin (* Deißlingen (nicht Friedingen/Fridingen) 10. Okt. 1831) und Franz Hamma (* 4. Dez. 1835) waren seine Brüder. Der Sohn Emil Hamma (* Stuttgart 1. Sept. 1855) übernahm die mittlerweile auf Violinen spezialisierte Musikhandlung seines Vaters; die Töchter Marie (* Stuttgart 2. Apr. 1852) und Laura (* Stuttgart 4. Nov. 1854) traten als Sängerinnen auf.
Werke — Die Übersicht enthält nur Werke, die mutmaßlich während Hammas Neustädter Wirkungszeit entstanden; Kompositionen: Dem Vaterland Heil (Mch.) (belegt in Neustadter Zeitung 23. Aug. 1862) <> Trauermarsch zum Gedächtniß der für’s Vaterland ruhmvoll gefallenen (Kl.), Berlin: Bote & Bock [1866]; D-B, GB-Lbl <> Zwei Lieder aus dem Trompeter von Säckingen (Das ist im Leben schmerzlich eingerichtet und Jetzt ist er hinaus; Sst., Kl.), ebd. [1867]; D-B, GB-Lbl <> Zwei Lieder (Letzte Hose und Trinklied; Sst., Kl.), Berlin: ebd. [1867]; D-B <> Bitte (Ich denke Dein mit Milde; Sst., Kl.), Leipzig: Kahnt [1867]; D-B <> Schriften: Die Marseillaise von einem Deutschen komponiert, in: Die Gartenlaube Nr. 16, 1861 <> Concerte und Virtousenthum, in: Allgemeine Zeitung (München) 22. Okt. 1865
Quellen — KB Wurmlingen (St. Gallus); KB Bad Cannstatt (Liebfrauen); KB Deißlingen (kath.) <> Die Briefe der Annette von Droste-Hülshoff, hrsg. von Karl Schulte Kemminghausen, Bd. 2, Jena 1944 <> Neustadter Zeitung 2. Nov. 1861, 21. Nov. 1861, 30. Nov. 1861, 28. Jan. 1862, 6. Febr. 1862, 22. Apr. 1862, 17. Mai 1862, 29. Juli 1862, 23. Aug. 1862, 26. Aug. 1862, 28. Aug. 1862, 23. Sept. 1862, 30. Okt. 1862, 18. Nov. 1862, 20. Nov. 1862, 7. Febr. 1863, 28. Apr. 1863, 2. Mai 1863, 18. Juli 1863, 17. Nov. 1863, 29. Aug. 1863, 25. Nov. 1863. 22. Dez. 1863, 19. Jan. 1865, 9. Febr. 1865, 4. März 1865, 11. Juli 1865, 11. Okt. 1866, 23. Nov. 1866; Der Eilbote (Landau) 10. Apr. 1856, 22. Nov. 1862, 10. Mai 1871; Pfälzischer Kurier 18. Jan. 1865, 23. März 1865, 7. März 1868, 14. März 1868, 9. März 1870, 21. Aug. 1871, 8. Dez. 1871, 8. Sept. 1872, 18. Okt. 1872, 11. Nov. 1872; Pfälzer Zeitung 13. März 1860, 26. Sept. 1868, 19. März 1869; Pfälzische Volkszeitung 18. März 1867, 19. März 1869; Allgemeine Zeitung 10. Jan. 1866; Didaskalia 26. Sept. 1854, 27. Juni 1861; Süddeutsche Land-Post 16. Juni 1892 <> Offener Brief an Herrn F. B. Hamma, Musikdirektor in Neustadt a/H, nebst einem Vorworte an die Freunde der Tonkunst in der Pfalz, Kaiserlautern: Tascher [1861]
Literatur — Wilhelm Tappert, Die Marseillaise. Ein Beitrag zu ihrer Geschichte, in: Neue Berliner Musikzeitung 4. Juni 1892 <> Edgar Istel, Die Marseillaise – Eine deutsche Melodie?, in: Die Musik 17 (1925), S. 801–813 <> Martin Harris, Joseph Maria Christoph Freiherr von Laßberg 1770–1855, Heidelberg 1991, S. 331 <> SchuberthC 1871, Mendel/Reissmann, Lüttgendorff <> HmL
Karl Traugott Goldbach