Peter Sonn


SONN, PETER * Mainz 12. Sept. 1821 | † Baden-Baden 18. Juni 1863; Karnevalist

Peter Sonn – er entstammte der 2. Ehe eines aus Battenberg gebürtigen (lutherischen) Mainzer Kaufmanns und einer Rüdesheimerin – war bis in die 1850er Jahre hinein als Posamentierer in Mainz tätig. Wann genau und aus welchem Grund er umsattelte und Mitarbeiter (vermutlich Croupier) des Baden-Badener Spielbankpächters Edouard Benazet (1801–1867) wurde, wissen wir nicht; die im Juni 1863 telegraphisch in Mainz eingetroffene Meldung von seinem in Baden-Baden erfolgten frühen Tod wird hingegen vor allem die Karnevalisten in Trauer versetzt haben, war er doch in der Domstadt als „vorzüglicher Narhallaredner“ (Mainzer Anzeiger 21. Juni 1863) bekannt, als der er über etliche Jahre hinweg bei den Sitzungen brillierte – dies auch an der Seite seiner musikalischen Mitstreiter, „Narr Genée“ und „Narr Stasny“. Mit Letzterem, der zweifellos die Musik beisteuerte, kreierte er für den 11. Januar 1861 u. a. eine „Zukunftspolka“, die die (wahrlich zeitlose) Moral enthält, „daß wir uns gerne mit der Zukunft trösten“; der köstliche Haupttitel „dieser sinnreichen Polka“, Hörselberger Venuspolka (Mainzer Anzeiger 13. Jan. 1861), lässt keinen Zweifel daran, was und wer auf die Schippe genommen werden sollte, wobei die Hintergründe wie auch ‚zukünftigen‘ Ereignisse nicht ohne Belang sind: Bereits im März 1858 war als Benefizvorstellung für Kapellmeister Richard Genée im Mainzer Stadttheater die im Oktober des vorangegangenen Jahres in Wien uraufgeführte Opernparodie Tannhäuser oder die Keilerei auf der Wartburg (Musik von Karl Binder auf ein Libretto von Johann Nestroy) über die Bühne gegangen – dass nicht alle Wagnerianer mit Humor gesegnet waren, zeigte sich nach weiteren Darbietungen und sei am Rande bemerkt. Wichtiger aber: Der etwa elfmonatige Aufenthalt Richard Wagners in Mainz und Biebrich seit Ende 1861 war gleichsam eingeläutet worden durch karnevalistisches Treiben und die (erneute) Präsentation der Parodie noch im Juli 1861 – einer „grossen Zukunftsposse mit vergangener Musik“, wie das Stück bei der Premiere untertitelt wurde (Mainzer Anzeiger 3. März 1858). Sich demgegenüber ohne zu schmunzeln die verklärten Mienen im handverlesenen Publikum vorzustellen, das sich wenige Monate später im Hause Schott versammelte, um die Rezitation des Meistersinger-Librettos durch Wagner selbst zu erleben, fällt so schwer, dass man es gar nicht erst versuchen sollte. Was man aber lernt: Die Diskussion über „Zukunftsmusik“ beschäftigte nicht nur musikphilosophische Kreise intellektueller Prägung. Übrigens war Peter Sonn offensichtlich auch im engeren Sinne musikalisch-schöpferisch tätig, was schon an sich seine Aufnahme in unser Lexikon rechtfertigt. Auch wenn man vielleicht unterstellen mag, dass das für Singstimme und Klavier komponierte Lied vom Federweißen, das im Mainzer Anzeiger im November 1857 ausposaunt wurde, womöglich nie existiert hat und die Personen, bei denen man es angeblich erwerben konnte (die Witwe des Schreibwarenhändlers Heinrich Joseph Anstos, dessen lebender Kollege Matthäus Roth und der Lithograph Joseph Aumüller; s. Abb. 2), sich lediglich für einen Spaß hergaben, so wird man mit Behauptungen vorsichtig sein müssen. Warten wir’s ab, auf welchem Dachboden irgendwann eines von den 5000 Exemplaren auftaucht – also, liebe Meenzerinnen und Meenzer! … in Finthen könnte man auch mal gucken.

Werke (Auswahl) — „Narrenstück“ Eine Stunde im Himmel oder ein Carneval in Mainz (1857) <> Text zum „Schlachtgesang“ der Mainzer Kleppergarde („Alle echte Menzer Buhwe, die sein in der Kleppergard“; 1857); s. Scholian, S. 77 <> Einleitung und Text zu einer von Ludwig Stasny komponierten Zukunftspolka mit dem Titel Hörselberger Venuspolka (Mainzer Anzeiger 13. Jan. 1861) <> Das Lied vom Federweißen (Sst., Kl.; angez. Mainzer Anzeiger 17., 18., 20. Nov. 1857); nicht überliefert oder auch nicht bzw. nie dagewesen <> Herausgaben: Meenzer Klepper-Buwe-Zeitung von Sonn, nachgewiesen seit 1859 (digital) <> Narrhalla. Amts- und Regierungs-Blatt des Prinzen Carneval, nachgewiesen 1857–1864 (digital)

Quellen — Zivilstandsakten Mainz <> Adressbücher Baden-Baden und Mainz <> Mainzer Anzeiger 17. Nov. 1857, 18. Nov. 1857, 20. Nov. 1857, 17. Febr. 1858, 3. März 1858, 19. Jan. 1859, 28. Dez. 1859, 29. Jan. 1860, 5. Febr. 1860 (Narr Sonn trägt als „fremder Künstler […] eine Konzertpiece auf einem seltenen, vorsündfluthlichen Instrument“ vor – zum Weiterlesen empfohlen: !!!), 12. Febr. 1860, 6. Jan. 1861, 13. Jan. 1861, 12. Jan. 1862, 5. Okt. 1862, 11. Jan. 1863, 21. Juni 1863, 4. Okt. 1863 <> Wilhelm Clobes, Der Mainzer Narrenspiegel. Eine rheinische Fastnachts-Chronik in Bild und Wort, in Spruch und Lied, zur 75jähr. Jubelfeier des Mainzer Carnevals-Vereins, Mainz 1913

Literatur — Benjamin Scholian, Die Faszination der Mainzer Fastnachtsmusik. Saal- und Solistenlieder im Wandel der Zeit, Mainz 2015

Abbildung 1: Peter Sonn nach einer Photographie; Clobes, nach S. 96

Abbildung 2: Inserat im Mainzer Anzeiger 17. Nov. 1857


Axel Beer