(1) (Johann) Friedrich * Hamburg (?) ca. 1823 | † Bitburg (?) nicht nach Aug. 1866; Militärmusiker und Musiklehrer
(2) (Johann) Friedrich * Saarlouis (nicht Grevenmacher) 17. Mai 1847 | † Stevens Point (Wisconsin) Okt./Nov. 1874; Sohn von (1), Zitherist und Komponist
Vorbemerkung: Der Zitheristen-Lexikograph Franz Fiedler hatte nur wenige, dazu einigermaßen hilflos klingende Zeilen für (einen) Kroll übrig; zudem machte er aus dem abgekürzten Vornamen „Fr.“ in der Auflage des Jahres 1895 kurzerhand einen „Franz“ in der Fassung von 1924 und präsentierte beide Male das seltsame „Grevenmaihr“ als Geburtsort – wobei der Zusatz „bei Trier“ einerseits und die Angabe, Kroll hätte ein „Mosella-Album“ komponiert, die Neugier der MMM-Redaktion weckten. Dass aus einem Kroll nun zwei geworden sind und dass (deshalb oder trotzdem) manches Rätsel vorläufig ungelöst bleibt, wird uns unsere Leserschaft nachsehen.
(1) Als Hautboist des 36. Füsilier-Regiments war Friedrich Kroll (sen.) in den Jahren 1847–1849 in Saarlouis stationiert; zwischen 1852 und 1861 ist er als (ziviler) Musiklehrer im luxemburgischen Grevenmacher nachweisbar, von wo er anschließend mit seiner Familie nach Bitburg zog. Zumindest zeitweilig leitete er hier den Musik-Verein, und sicherlich erteilte er weiterhin Musikunterricht; seit 1861 ließ sich Kroll in der Stadt selbst, aber auch in der Umgebung bei unterschiedlichen Gelegenheiten (zumeist in Wirtshäusern, bei Kirchweihfesten etc.) mit seinem Sohn Friedrich (2), ab 1864 auch gemeinsam mit dessen um zwei Jahre jüngeren Bruder Ludwig (s. u.) in Triobesetzung hören, wobei das Publikum sich auf „musikalische Kunstvorträge in Zither-, Flöten- und Guitarrespiel“ freuen konnte (Allgemeiner Anzeiger 23. Mai 1861; s. Abb. 1). Im Februar 1847 schloss Kroll in Saarlouis die Ehe mit Anna Maria geb. Schleich (* ca. 1826), einer Tochter eines dort ansässigen Hausmanns – sie starb 1874 in Bitburg als „vidua acatholici musici“, der bereits am 20. August 1866 im Sterbeeintrag einer Tochter als verstorben bezeichnet wird.
Werke (Die Zuweisung der lediglich den Titeln nach bekannten und auf den Programmen mit „F. Kroll“ gekennzeichneten Kompositionen folgt der Überlegung, dass die Besetzung (Harmoniemusik, Cornett, Posaune) auf einen (ehemaligen) Militärmusiker, mithin auf Kroll sen., hindeutet; dass als Autor auch der gleichnamige Sohn infrage kommt, ist davon unberührt) — Festmarsch (Harmonie-Musik), Ouvertüre (Orch.), Cavatine (Harmonie-Musik), Cavatine (Orch.); aufgef. vom Musik-Verein Bitburg 19. Juni 1864 (Bitburger Kreis- und Intelligenzblatt 13. Juni 1864); Cavatine et Air pour Cornet et Baryton; aufgef. Luxemburg 16. Juni 1865 (L’Union 12. Juni 1865); Cavatine („für Cornett u. Trombonne“); aufgef. 4. Sept. 1866 bei der Neuerburger Kirmes durch das dortige Stadtmusik-Corps (Bitburger Kreis- und Intelligenzblatt 28. Aug. 1866)
(2) Friedrich Kroll jun. erhielt von seinem Vater zweifellos eine vielseitige, wenn auch bodenständige instrumentale Ausbildung (vor allem Violine, Flöte und Gitarre), wandte sich aber insbesondere dem Zitherspiel zu. Den oben erwähnten gemeinsamen Auftritten folgten Konzerte, die der junge Musiker seit 1864 als Zither-Virtuose in Bitburg und Umgebung (etwa Kyllburg) wie auch in weiterem Umkreis (1864 Cochem, seit 1866 mehrfach in Aachen) gab. Dass er im März 1866 verlauten ließ, sich bereits „vor sämmtlichen Höfen Europa’s“ produziert zu haben, scheint zumindest etwas übertrieben zu sein; längere Aufenthalte als „Hofcitherspieler und Citherlehrer Ihrer Majestät der Königin von Belgien“ (Marie Henriette) (Zweibrücker Wochenblatt 14. Apr. 1867) in den Jahren 1866 bis 1868 sind dagegen anzunehmen, wenn auch noch nicht im Einzelnen belegt. In der Zwischenzeit bzw. ab 1868 versuchte Kroll ohne nachhaltigen Erfolg, sich als Musiklehrer u. a. in Aachen bzw. Bitburg niederzulassen; außerdem trat er seit 1866 mit seinem Bruder Ludwig mehrfach gemeinsam auf, so 1871 in Luxemburg (Stadt) und Zweibrücken, bevor er wiederum als Solist Konzerte in Neuss und Zweibrücken gab (Sept. 1871 und Mai 1872). Ludwig Kroll (* Saarlouis 11. Mai 1849 | † Chicago war 22. Apr. 1886) war im Mai 1872 nach Nordamerika ausgewandert und konnte sich in Chicago als „music teacher“ etablieren; vielleicht hatte er den älteren Bruder ermutigt, ebenfalls sein Glück in der Neuen Welt zu suchen – jedenfalls folgte Friedrich im Mai 1873 nach, und es gelang ihm immerhin, auf einer „Concert-Tour durch die kleinen Städte Wisconsin’s Furore“ zu machen (Der Deutsche Correspondent (Baltimore) 24. Nov. 1874), bevor er nach vierwöchiger Krankheit starb. Dass die Bewohner des Städtchens Stevens Point ihn nicht nur „feierlich bestatten“ ließen, sondern ihm sogar ein Denkmal setzten, spricht für sie. Dagegen hatte sich die traurige Nachricht unter den Zitheristen der Alten Welt offenbar nicht herumgesprochen (Fiedler nannte ihn „verschollen“); vielleicht deshalb, weil seine Werke nach wie vor (und bis in die 1890er Jahre hinein) geschätzt wurden, hielt man ihn für lebendig und berichtete beispielsweise 1891 sehr anschaulich von allabendlichen Konzerten Krolls in Lyon (Zither-Signale Apr. 1891, S. 59) – zweifellos bestenfalls ein Missverständnis. Dass Peter Eduard Hoenes in Trier zu Beginn des Jahres 1863 seine Verlagsproduktion mit Werken des damals noch nicht Sechzehnjährigen Friedrich Kroll in bemerkenswert planmäßiger Weise begann, ist eine überraschende Tatsache, wobei man vielleicht zu Recht argwöhnen mag, dass das eine oder andere Stück aus der Feder von Friedrich Kroll senior stammt oder auf ihn zurückgeht. Dem staunenswerten Können des Instrumentalisten – 1867 sagte man ihm nach, er spielte „z. B. die schwerste Klaviermusik, als: Sonaten von Mozart, Beethoven, Kuhlau [etc.], Ouverturen [etc.] vollständig auf der Cither“ – steht im übrigen die Gediegenheit seiner „vielen Citherspielern bekannt[en]“ Kompositionen gegenüber (Zweibrücker Wochenblatt 14. Apr. 1867).
Werke — Krolls frühe Originalkompositionen und Bearbeitungen erschienen als Mosella. Album für Zither 1. Theil (Gefällige leichte Musikstücke aller Art für eine Zither allein), Heft 1–12, Trier: Hoenes [1863]: 1. Alpenländler und Kinderfreuden-Mazurka, 2. Regina-Walzer op. 3 (1878 2. Aufl.), 3. Jagd-Freuden. Polka-Mazurka op. 4 (Neuausgabe Pasing: Hoenes [1927]; D-B), 4. Herbstblumen-Walzer op. 5, 5. Veilchen-Walzer und Emma-Polka op. 6, 6. Emilien-Polka, 7. Fest-Ouverture, 8. Erinnerung an Frankfurt. Marsch op. 10 (1884 3. Aufl.), 9. Lustwandler-Polka op. 11 (1884 3. Aufl.), 10. Garibaldi-Marsch op. 12 (1884 3. Aufl.), 11. Glockenklang-Polka op. 13, 12. Souvenir de Creuznach. Mazurka op. 14 (1884 3. Aufl.); 2. Theil (Beliebte grössere Piècen für 1 und 2 Zithern, Flöte und Zither und für Zither und Guitarre), Heft 13–24, ebd. [1863/64]: 13. Abendglocke (2 Zith.), 14. Frohsinns-Walzer (2 Zith.), 15. Jubel- und Mailüfterl-Marsch (Fl., Zith.), 16. Arie aus Stabat mater (Rossini) (Zith.), 17. Polonaise (Fl., Zith.), 18. Arie aus Die Stumme von Portici (Auber) (Fl., Zith.), 19. Arie aus Der Freischütz (Weber) (Fl., Zith.), 20. Konzertarie Il Piacer (Balfe) (Fl., Zith.), 21. Lieder-Quodlibet (Zith., Git.), 22. Orpheus-Quadrille (nach Jacques Offenbach) (Zith., Git.), 23. Walzer und Mazurka (Fl., Zith.), 24. Oberländler (Joseph Gungl) (Zith.) <> einzeln bzw. in Reihen (ebenfalls bei Hoenes): Fröhliche Gedanken und Liebesklänge, in: Zitherkranz. Sammlung beliebter Compositionen für 2 Zithern, ebd., Heft 5 [1870] und 16 [1876]; Melancholie, in: Blumenlese. Sammlung effectvoller Tonstücke für die Zither, hrsg. von Eduard Bayer, Jg. II, Heft 3 [1875]; Fantasie über Gebirgsmelodien (Zith.) [1867]; Die Wiegenden (Zith.), ebd. [1867]; Les Cloches du Monastère (Léfebure-Wély) (Zith.) [1867] – TA Pasing: Hoenes [nicht vor 1908]; CH-Zz <> im Mannheimer Zither-Journal (Mannheim: Heckel): Ständchen (12. Jg. Heft 11/12 [1869]), Weltumsegler-Marsch (ebd. Heft 19), Jahrmarkts-Polka (ebd. Heft 23/24), Kirchenlied (ebd. 13. Jg. Heft 5/6 [1870]) <> Als Herausgeber und Bearbeiter betreute Kroll ein kurzlebiges Opern-Album für Zither, das 1873 bei Reinhold Grub in Oberstein (heute Idar-Oberstein) herauskam <> Jener F. R. Kroll, der in den Jahren 1872 bis 1878 als Mitherausgeber des bei André in Offenbach erschienenen Zither-Almanachs fungierte, ist mutmaßlich ein anderer.
Quellen — KB des 36. preußischen Infanterie-Regiments; Zivilstandsregister Luxemburg (Stadt); KB und Zivilstandsregister Grevenmacher; KB Bitburg (Liebfrauen und St. Peter); Sterbeindex Chicago (Cook County) 1886 <> Grevenmacher Bulletin de population 1852–1861 <> New Yorker Passagierlisten 1872 und 1873 <> Volkszählung Chicago 1880 <> Allgemeiner Anzeiger und Kunst-, Handel- und Gewerbezeitung für den Regierungsbezirk Trier 23. Mai 1861 u. ö.; Bitburger Kreis- und Intelligenzblatt 23. Dez. 1863, 13. Juni 1864, 28. Juni 1864, 1. Juni 1864, 19. Aug. 1864, 15. Nov. 1864, 19. Dez. 1864, 16. Juni 1866, 28. Aug. 1866, 9. Nov. 1866, 31. Dez. 1866, 29. Nov. 1867, 31. Dez. 1867 u. ö.; Cochemer Kreis-Anzeiger 20. Aug. 1864; L’Union (Luxemburg) 12. Juni 1865; Echo der Gegenwart (Aachen) 22. März 1866, 8. Sept. 1867, 5. Juli 1868; Intelligenzblatt und Anzeiger für den Kreis Schleiden und Umgebung 14. Juni 1867, 15. Juli 1868; Aachener Zeitung 9. Sept. 1867, 25. Sept. 1867 u. ö.; Zweibrücker Wochenblatt 14. Apr. 1867; Luxemburger Wort 21. Juni 1870, 1. Aug. 1871; Luxemburger Zeitung 4. Aug. 1871; Zweibrücker Zeitung 20. Aug. 1871, 31. Mai 1872 u. ö.; Neusser Zeitung 23. Sept. 1871; Der Deutsche Correspondent (Baltimore) 24. Nov. 1874; Illinois Staats-Zeitung (Chicago) 24. Nov. 1874; Zither-Signale Juli 1880 (S. 127), Apr. 1891 (S. 59), Juni 1891 (S. 63); Echo vom Gebirge 1. Juli 1884 (Beilage Kritik) <> Besten Dank für nützliche Hinweise an Herrn Franz Schenk (Göttingen; s. Zither-Geschichte)
Literatur — Art. Kroll, Fr., in: Franz Fiedler, Handlexikon für Zitherspieler, Tölz 1895 <> Art. Kroll, Franz, in: FiedlerL
Abbildung 1: Gemeinsamer Auftritt von Vater und Sohn Kroll im Restaurant von Anton Knaebel in Trier; Allgemeiner Anzeiger und Kunst-, Handel- und Gewerbezeitung für den Regierungsbezirk Trier 23. Mai 1861
Abbildung 2: Konzert mit dem „unbekannten Alpensänger“ (der auch uns vorläufig unbekannt bleibt) in Aachen; Echo der Gegenwart 22. März 1866
Abbildung 3: Der letzte bislang dokumentierte Auftritt von Kroll jun. in der Alten Welt; Zweibrücker Zeitung 31. Mai 1872
Axel Beer