Bauer (Familie)


(1) Johann(es) * Freienfels (heute Stadtteil von Hollfeld, Oberfranken) 12. März 1791 | † Gießen 7. Jan. 1857; Stadtmusikus und Türmer

(2) (Franz) Philipp * Gießen 12. Aug. 1817 | † ebd. 12. Sept. 1886; Sohn von (1), Musiker, Türmer, Dirigent

(3) (Johann Heinrich) Ferdinand * Gießen 13. Nov. 1819 | † Darmstadt 24. Mai 1890; Sohn von (1), Hofmusiker (Bratschist)

(4) (Johann Theodor Heinrich Karl) Ferdinand (Georg) * Gießen 25. Jan. 1852 | † ebd. 6. Mai 1931; Sohn von (2), Musiker, Türmer und Instrumentenmacher

(5) Franz (Ludwig Karl) * Gießen 15. Juli 1856 | † ebd. 16. Apr. 1939; Sohn von (2), Musiklehrer, Violinist, Dirigent

(6) (Martin Karl) Hermann * Gießen 20. Sept. 1861 | † ebd. 27. Jan. 1921; Sohn von (2), Musiker und Klavierstimmer

(7) August (Franz Philipp) * Gießen 4. Aug. 1878 | † Frankfurt/M. 30. Apr. 1943; Sohn von (4), Mechaniker und Chorleiter

(8) Franz (Christian) * Gießen 22. Dez. 1895 | † Vršac (Serbien) 24. Sept. 1945; Sohn von (5), Musiklehrer, Violinist, Militärangehöriger


(1)


Johannes Bauer, Sohn eines oberfränkischen Schullehrers (und mutmaßlich Organisten) ist erstmals im Januar 1817 als Bürger und Stadtmusiker – mithin als Chef der städtischen Musikerschaft und als Türmer – bei seiner Eheschließung (s. weiter unten) in Gießen greifbar. Spektakuläre musikalische Ereignisse, an die sich die Nachwelt mit Staunen erinnern würde, sind mit seinem Wirken nicht verbunden; wir wissen, dass er (abgesehen von seinen Verpflichtungen im städtischen und kirchlichen Dienst) über viele Jahre hinweg u. a. „mit einer vollständigen Harmonie-Musik“ (Giesser Anzeigungs-Blatt 1. Dez. 1827) zum Tanz und bei anderen vergnüglichen Anlässen aufspielte und bei den Abonnementkonzerten der Musikalischen Gesellschaft (seit 1842 auch mit seinen Söhnen) mitwirkte. Auch wissen wir, dass er – wie man es heute nennt – gut vernetzt war: Abgesehen von Gießener Lehrern und weiteren Musikern sind unter den Taufpaten seiner Kinder Ferdinand Simon Gaßner und Heinrich Hofmann zu nennen. Bauers Eheschließung im Januar 1817 zeigt darüber hinaus die engen familiären Verflechtungen der städtischen Musikerschaft innerhalb der Region (übrigens, da er katholisch war, auch über die konfessionellen Grenzen hinweg) mit- und untereinander: Seine Frau Maria (Johannetta Elisabetha) (* Gießen 19. Nov. 1782 | † ebd. 24. Dez. 1853) war Tochter des Gießener Stadtmusikers Caspar Wilhelm Fischer (* 1753 | † Gießen 4. Febr. 1795; Sohn eines Sachsen-Coburgischen Hofbeamten) und seiner Ehefrau Johannetta Christina, die als Witwe im Juni 1796 Fischers Nachfolger im Amt, Albert Conrad Feldhaus (* ca. 1774 | † Gießen 2. März 1815; Sohn des Alsfelder Stadtmusikers Jeremias F.; * ca. 1741 | † 13. Jan. 1813), heiratete, somit Bauers unmittelbaren Vorgänger.

Werke — Eine Sturmgaloppade fürs Klavier bot Stadtmusicus Bauer 1830 (für 12 Kreutzer pro Exemplar, das vermutlich jeweils handschriftlich kopiert wurde) im Gießener Anzeigeblatt an (s. die Abb.) – Hinweise auf weitere Werke fehlen; die in RISMonline gelisteten Träger desselben Namens sind jedenfalls nicht mit dem Gießener Stadtmusikus identisch.

Quellen — KB Freienfels (kath.); KB Gießen (Stadtkirche) <> Adressbücher Gießen <> Giesser Anzeigeblatt (und ähnliche Titel) 1. Febr. 1817, 1. Dez. 1827, 15. Mai 1830, 2. Juni 1835, 9. Mai 1840, 16. Juli 1842 u. ö.

Abbildung: Ob und wie das musikliebende Publikum in Gießen auf das Angebot des Stadtmusikus Bauer reagiert hat, ist nicht bekannt; Giesser Anzeigeblatt 15. Mai 1830


(2)


Philipp Bauer war zweifellos Schüler seines Vaters, dem er 1857 als (zunächst und bis mindestens 1861 provisorischer) Türmer und Stadtmusikant nachfolgte. 1864 übernahm er die Leitung des kurz zuvor gegründeten Singkränzchens, das seitdem als Bauerscher Gesangverein populär wurde, und blieb zu seinem Tod dieser Aufgabe verpflichtet; in den Jahren 1871 bis 1875 hatte er überdies bisweilen die Leitung des Kurorchesters in Bad Nauheim (teils in Vertretung Edmund Neumanns) inne. 1873 wurde er Gründungsdirigent des Arbeiter-Gesangvereins Eintracht, den er bis 1887 leitete, und um 1880 rief er die Gesangsabteilung der Bürgergesellschaft ins Leben; sie ging schon 1881 an seinen Sohn Franz (5) über, der seit 1886 auch den Bauerschen Gesangverein dirigierte. Seit 1851 war Philipp Bauer mit der Schuhmacherstochter (Charlotte Philippine Margarethe Christiane Georgette) Dorothea geb. Franz verheiratet, die nach seinem Tod das Türmeramt an der Gießener Stadtkirche übernahm; sie gab es 1891 an ihren Sohn Ferdinand (4) weiter.

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche) <> Adressbücher Gießen <> Gießener Anzeiger 14. Aug. 1858 u. ö. <> K. B., Zum 50jährigen Stiftungsfest des Bauerschen Gesangvereins, in: Gießener Anzeiger 7. März 1914, S. [1] <> H. Häuser, Arbeiter-Gesangverein „Eintracht“ in Gießen, in: Gießener Anzeiger 1. Juni 1923 <> NN., Gießens Musikleben, in: Gießener Anzeiger 29. Okt. 1925 (5. Blatt), S. 35–36

LiteraturKarl Schmidt, Die Dirigenten des Kurorchesters zu Bad-Nauheim von 1853–1932, Friedberg 1932, S. 7


(3)


Mit der Wahl der Taufpaten Ferdinand Simon Gassner und Heinrich Hofmann (s. auch unter (1)) – damals erster bzw. zweiter Universitätsmusikdirektor in Gießen – für seinen zweiten Sohn hatte Vater Johannes ein deutliches Zeichen gesetzt, das vielleicht sogar für die Karriere Ferdinands außerhalb der nicht sonderlich prominenten städtischen Musikerschaft wegweisend war: Seit spätestens 1853 war Ferdinand Bauer (zunächst als Aspirant) Mitglied der Darmstädter Hofkapelle; 1858 erfolgte die Ernennung zum Hofmusikus, 1873 zum Kammermusiker. Obwohl er bereits 1880 auf eigenen Wunsch pensioniert wurde, erhielt er 1883 das Ritterkreuzes II. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen. Neben den Verpflichtungen bei Hofe war Bauer auch im städtischen Musikleben aktiv, so in den 1850er Jahren als Mitglied eines Quartettensembles, dem auch Ferdinand Büchler, Julius Leidhecker und Wilhelm Niederhof angehörten, sowie im seit 1876 tätigen Quartettverein neben Joseph Miroslav Weber, Wenzel Petr und Emil Reitz. Seit 1860 war die Darmstädter Kaufmannstochter Dorothea Mathilde geb. Jordis (* 1835) Bauers Ehefrau. Nicht zu verwechseln ist Ferdinand Bauer mit dem gleichnamigen, in Bromberg und Berlin tätigen Musiker (1846–1903), dem auch die unter jenem Namen überlieferten Kompositionen zuzuordnen sind.

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche); KB Darmstadt; Standesamtsregister Darmstadt <> Adressbücher Darmstadt <> Personalakte; D-DSsa <> Gießener Anzeiger 27. Juli 1853, 28. Aug. 1883; Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt 20. Apr. 1858, 16. Juli 1873, 8. Dez. 1880 (Beilage 27), 4. Okt. 1883 (Beilage 22)

LiteraturPhilipp Schweitzer, Kammermusik in Darmstadt, in: MittAGm 41 (1980), S. 5–16, hier S. 10 <> Schweitzer 1975, S. 89, 164


(4)


Ferdinand Bauer (jr.) erlernte den Schreinerberuf – sicherlich nicht ohne die musikalischen Dimensionen des Handwerks von Beginn an im Hinterkopf zu haben – und arbeitete noch bis 1890 als Geselle. Nachdem er seit etwa 1891 für einige Jahre das Türmeramt an der Stadtkirche (als Nachfolger seiner Mutter: s. unter (2)) innegehabt hatte, warb 1896 erstmals für seine Reparatur-Werkstätte für Musik-Instrumente, die er bis in die frühen 1920er Jahre betrieb. Gelegentlich erteilte er auch privaten Musikunterricht. Verheiratet war Bauer mit der Eisenacher Schlosserstochter Christiane Libette [!] geb. Bomberg (1853–1901), in zweiter Ehe seit 1903 mit der Schneiderin Marie geb. Fischbach (* 1871).

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche); Standesamtsregister Gießen <> Adressbücher Gießen <> Gießener Anzeiger 8. Dez. 1896 u. ö.

Abbildung: Ferdinand Bauer wirbt (erstmals) für seine Reparatur-Werkstätte; Gießener Anzeiger 8. Dez. 1896


(5)


Als Schüler seines Vaters Philipp (2) wuchs Franz Bauer, der in den 1870er Jahren einige Male im Bad Nauheimer Kurorchester als Violinist mitwirkte und seit 1880 bei Hugo →Heermann in Frankfurt seine Ausbildung beendete, ganz selbstverständlich in das Gießener Musikleben hinein: 1881 ging die Leitung der kurz zuvor von Philipp Bauer gegründeten Gesangsabteilung der Bürgergesellschaft auf ihn über, 1886 bis 1895 war er (gleichfalls als dessen Nachfolger) Dirigent des Bauerschen Gesangvereins und in den Jahren 1890 bis 1907 weiterhin des Sängerkranz. Abgesehen davon, dass er sich hier und da auch als Violinist hören ließ (u. a. gemeinsam mit Karl August Krauss) und vor allem als privater Musiklehrer geschätzt war, stand er insbesondere bei musikalischen Großveranstaltungen regelmäßig am Dirigentenpult. 1882 wurde Marie Josephine geb. Bourgeois (1854–1939), Tochter des Gießener Glöckners Johannes B. (1798–1866), Franz Bauers Ehefrau.

WerkeLeitfaden für den ersten Unterricht im Violinspiel, 1. Heft, Gießen: Challier [1909]; D-B <> Weitere in der Presse genannte Werke blieben ungedruckt und sind verschollen, darunter ein Melodram (Gießener Anzeiger 31. März 1895) und eine Fantasie für Orgel (g-moll; ebd. 28. Nov. 1904)

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche); Standesamtsregister Gießen <> Adressbücher Gießen <> NN., Ein Fünfundsiebzigjähriger, in: Gießener Anzeiger 15. Juni 1931 <> Gießener Anzeiger 15. Jan. 1884, 30. Dez. 1884, 25. Okt. 1885, 20. Dez. 1887, 6. Dez. 1890, 31. März 1895, 28. Juni 1895, 23. Jan. 1896, 28. Nov. 1904, 13. März 1906, 9. Febr. 1915 u. ö. <> MMB

Literatur — MüllerDML

Abbildung: Anzeige Franz Bauers; Gießener Anzeiger 25. Okt. 1885


(6)


Seit etwa 1890 trat Hermann Bauer, der sicherlich zuvor musikalisch nicht untätig gewesen ist (aber für uns weitgehend unsichtbar blieb), als Klavierstimmer in Gießen in Erscheinung, gelegentlich auch als Musiklehrer. Er war offenbar unverheiratet.

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche) <> Adressbücher Gießen <> 16. Sept. 1893, 20. Juli 1909, 28. Jan. 1921 (private Todesanzeige) u. ö.


(7)


August Bauer scheint seit 1899 in den Gießener Adressbüchern als Mechaniker auf; vermutlich 1912 ließ er sich mit der Berufsbezeichnung Technischer Betriebsleiter in Wetzlar nieder. In seiner Freizeit war Bauer als Dirigent etlicher Chöre aktiv, darunter des von seinem Großvater Philipp (2) gegründeten Arbeiter-Gesangvereins Eintracht in Gießen (1898–1912), der Männerchöre in Klein-Linden und Leihgestern sowie in den 1920er Jahren des Musikvereins in Wetzlar. Seine erste Ehe schloss er 1899 mit Marie Elisabeth geb. Reitz, der Tochter eines Bremsers in Gießen (Scheidung 1911), die zweite 1915 mit der Landwirtstochter Anna Elisabeth Schleicher aus Weiterstadt.

Quellen — KB Gießen (Stadtkirche); Standesamtsregister Gießen, Wetzlar und Frankfurt/M. <> Adressbücher Gießen <> H. Häuser, Arbeiter-Gesangverein „Eintracht“ in Gießen, in: Gießener Anzeiger 1. Juni 1923 <> Gießener Anzeiger 3. Dez. 1909, 1. März 1911, 27. Mai 1924, 29. März 1927 u. ö.


(8)


Franz Bauer, Schüler seines gleichnamigen Vaters, weiterhin von Fritz Bassermann in Frankfurt, ließ sich nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg in Gießen als Musiklehrer nieder („Franz Bauer jr.“). Nicht lange nach 1927 setzte er seine militärische Laufbahn fort.

Quellen — Standesamtsregister Gießen <> Gießener Anzeiger 30. Apr. 1921, 6. Febr. 1928 u. ö.

Literatur — MüllerDML


Axel Beer