WOLSIEFFER, PHILIPP MATTHIAS get. Winnweiler 19. Mai 1808 | † Philadelphia (Pennsylvania) 8. Okt. 1872; Dirigent, Komponist
Als Sohn des Taglöhners Christian Wolsieffer (get. Winnweiler 3. Apr. 1770 | † Lohnsfeld (zu Winnweiler) 5. Dez. 1821) genoss Philipp Matthias das Privileg, nach der Schule das Lehrerseminar in Kaiserslautern besuchen zu dürfen. Eine Anstellung (als „Schulgehülfe“) fand er zunächst in Dirmstein (Rheinkreis bzw. ab 1837 Rheinpfalz), bevor er auf Anordnung der Königlich Bayerischen Regierung vom 7. Mai 1830 an die katholische Mädchenschule in Frankenthal versetzt wurde. Man darf annehmen, dass Musik zu den von ihm unterrichteten Fächern gehörte.
Die sich im Vormärz ankündigenden politischen Umwälzungen (Hambacher Fest 1832) veranlassten Wolsieffer, gemeinsam mit seinem Lehrerkollegen Jakob Schmidt im Frühjahr 1833 nach Amerika auszuwandern. Dort wirkte er zunächst in New Haven (Connecticut) als Musiklehrer. Dieselbe Tätigkeit übte er auch ab 1835 in Philadelphia aus, wo er am 15. Dezember den Männerchor gründete, den ersten Gesangverein Amerikas, der sich nahezu ausschließlich der Pflege deutschsprachiger Chormusik widmete (Philadelphia war seinerzeit auch sonst stark von deutscher Kultur geprägt; Motto des Männerchors: „Wir lieben deutsches Fröhlichsein und echte deutsche Sitte“). Wenig später konnte er seinen Mitauswanderer Schmidt, der in Baltimore (Maryland) an der Zions-Kirche eine Anstellung gefunden hatte, dahingehend beeinflussen, ebendort den Verein Liederkranz ins Leben zu rufen (30. Dez. 1836). Im November 1837 zog Wolsieffer selbst nach Baltimore, wo seit diesem Jahr auch der Instrumentenbauer Johann Jakob →Pfaff (1807–1843) lebte. Er übernahm die Leitung des wenig später mit dem gemischten Kirchenchor St. Zion vereinten Liederkranzes und war Mitherausgeber einer Allgemeinen deutschen Schulzeitung (Juni 1839 bis Mai 1840). 1842 unternahm er eine Erholungsreise nach Deutschland (wohin genau, ist nicht bekannt; vielleicht ja in die rheinpfälzische Heimat?), um ein hartnäckiges Halsleiden, das ihn bereits 1840 geplagt hatte, auszukurieren. Bald nach seiner Rückkehr ließ er sich erneut und endgültig in Philadelphia nieder, wo er am 27. Mai 1844 ein Sängerfest („Musikfest“; das erste seiner Art in Amerika) veranstaltete, an dem aber nur Männerchor und Liederkranz teilnahmen. Das siebte, nunmehr viertägige, unter Wolsieffers Gesamtleitung stehende Sängerfest in Philadelphia 1857 verzeichnete dann 2.000 Teilnehmer; über das bis dahin größte Event dieser Art berichtete auch die pfälzische und bayerische Tagespresse nicht ohne Stolz und mit dem Hinweis auf die fälschlich in Frankenthal verortete Geburt des Dirigenten und Tonsetzers. Mit der Herausgabe der Deutschen Musik-Zeitung für die Vereinigten Staaten (Philadelphia, Sept. 1856 bis Sept. 1859) wurde Wolsieffer erneut publizistisch tätig – und er ging kurzzeitig in die Politik: Die 1855 von Deutschen gegründete und 1858 Struktur annehmende Gemeinde Egg Harbor City (New Jersey), wählte ihn am 18. Juni 1858 zum ersten Bürgermeister. Wolsieffer betrieb hier Weinbau und war wohl auch die treibende Kraft hinter einer geplanten Pianofabrik, die aber über die Grundsteinlegung 1859 nicht weit hinauskam. Nach der in den Januar 1860 zu datierenden Rückkehr nach Philadelphia ernannte ihn „sein“ Männerchor 1866 zum Ehrendirigenten.
Wolsieffer war verheiratet mit Catharina Kochersperger (* Philadelphia 31. Aug. 1818 | † Egg Harbor City 3. März 1897), die 1862 zum Ehrenmitglied des Männerchors Philadelphia ernannt wurde. Vier Söhne des Paares – vier weitere Kinder verstarben früh – waren auch als Komponisten tätig. Der älteste, William (* Baltimore 1840 | † Philadelphia 15. Jan. 1901), sang in Philadelphia im Männerchor, den er 1867 und 1871–1877 auch als Dirigent leitete; 1885 erfolgt die Ernennung zum Ehrenmitglied. Er schrieb Lieder (Sst., Kl.) sowie Werke für Klavier, darunter Abraham Lincoln’s Funeral March op. 7, Philadelphia: Louis Meyer 1865 (US-BAue digital), The United States Polka („dedicated to the United States Fire Company of Philadelphia“), o. O. [vmtl. Philadelphia], o. V., o. J. (US-BAue digital) sowie Tanzstücke (Waltzes, Polkas, Galops, schottische usw.). – John Henry (1843–1907) war ebenfalls Mitglied im Männerchor und hinterließ neben leichter Klaviermusik das durch die Ereignisse des Bürgerkriegs motivierte Lied Shall We Let Our Soldier Perish? (Sst., Kl.; Thomas MacKellar), Philadelphia: King & Baird, o. J. (US-BAue digital). – Auch Edmund Wolsieffer (* Baltimore 13. Sept. 1844 | † Philadelphia 3. Juli 1920), ab 1864 Sänger im Männerchor, 1883 Ehrenmitglied und 1885 dessen Präsident und Dirigent, schrieb Lieder und Klavierstücke, darunter den Third Term March (Kl., zur dritten Amtszeit des Bürgermeisters von Philadelphia, William S. Stokley) op. 37, Philadelphia: Julius E. Mirsalis 1878 (US-Wc digital) sowie einen Cordon Rough Galop für Orchester oder Brass Band, ebd. 1877. – Philip Mathias (Philipp Matthias jun.; * 28. Mai 1857 | † 20. Okt. 1934) schließlich war bekannter Briefmarkenhändler und -auktionär, 1866 Mitgründer der Chicago Philatelic Society und seit 1941 Mitglied der American Philatelic Society Hall of Fame. Natürlich hatte auch er als Knabe im Männerchor gesungen; außerdem war er in Chicago (Illinois) als Verleger aktiv (Werke von Felix McGlannon, 1894; George Schleiffarth, George Maywood, 1896). Er komponierte einige bei Ditson in Boston verlegte Klavierstücke.
Werke — vokal: Zum Tanz herbei (Chor), Auff. Philadelphia 8. Aug. 1837 <> Freundschaft und Liebe, Doppelchor, Auff. Philadelphia 28. Sept. 1838 <> Erntekantate (Sst., Chor, Kinder-Chor), UA Zionskirche Baltimore 23. Okt. 1838 <> Der amerikanische Patriot (auch: Freiheitskämpfer) (Chor), UA Philadelphia 15. Juni 1857 <> nicht datierbar sind Weihnachtskantate, Osterkantate, 3 Messen (gem. Chor); Captivity, Kantate (Chor, engl. Text), Schön ist das Leben, Kantate (Chor); kleinere Chorwerke Das Kinderfest u. Schön ist der Morgen; Gesänge (Mch.), Lieder (Sst., Kl.) <> instrumental: Recollection Waltz, Harriet Stuebgen gewidmet, Washington: Hilbus & Hitz [1836]; US-PHu; Neuausgabe 1854 <> Old Acquaintances in New Dresses, 12 Rondinos (Kl., „Most affectionately dedicated to the Left Hand“), Philadelphia: G. André & Co. 1854; Rez. in Dwight’s journal of music (Boston) 10. März 1855; spätere Ausgabe ebd. 1876; US-Wc <> Schrift: Praktische Sing-Lehre für Schulen und Sing-Classen = Practical instructions in singing for schools and singing classes, Philadelphia: Schäfer & Koradi, Bd. 1 u. 2, 1850, Bd. 3 u. 4 (diese nur belegt in HmL), ca. 1852
Quellen — KB Herz Jesu Winnweiler <> US-Census 1840, 1850, 1860, 1870 <> Totenscheine Philadelphia <> McElroy’s Philadelphia City Directory 1850, 1851, 1852 <> Intelligenzblatt des Rheinkreises (Speyer) 15. Mai 1830 <> Bericht über das Sängerfest Philadelphia 1857 in: Neue Würzburger Zeitung 8. Juli 1857; textgleich in: Pfälzer Zeitung u. Neustädter Zeitung (Neustadt an der Haardt) 9. Juli, Aschaffenburger Zeitung u. Bayerisches Volksblatt 10. Juli, Passauer Zeitung 11. Juli, Zweibrücker Wochenblatt 12. Juli 1857 <> N. N., Baltimore Liederkranz. 1836–1886. Fünfzig Jahre deutschen Lebens und Strebens, Beilage zu Der Deutsche Correspondent (Baltimore) 30. Dez. 1886 <> Berichte in der US-amerikanischen (vor allem deutschsprachigen) Tagespresse <> zu den Kompositionen der Söhne vgl. u. a. die Nachweise im Katalog US-Wc
Literatur (Auswahl) — Oswald Seidensticker, Geschichte des Männerchors in Philadelphia, 1835–1885, Philadelphia: Verlag des Männerchors 1885 <> Baltimore. Seine Vergangenheit und Gegenwart, mit Besonderer Berücksichtigung des Deutschen Elements, hrsg. vom Deutschen Literarischen Bureau, Baltimore 1887, S. 147–152 <> C. F. Huch, Die Entstehung und Entwickelung der Sängerfeste in den Nordöstlichen Staaten, in: Mitteilungen des Deutschen Pionier-Vereins von Philadelphia Heft 1, 1906, S. 1–32 <> Heinrich Armin Rattermann, Deutsch-Amerikanisches Biographikon und Dichter-Album der Ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 3. Theil, Cincinnati (Ohio) 1911 (Gesammelte Werke, Bd. 12), S. 431–434 <> Ders., Anfänge und Entwicklung der Musik und des Gesanges in den Vereinigten Staaten, in: Deutsch-amerikanische Geschichtsblätter, Jg. 12, 1912, S. 340–342 <> Georg von Bosse, Ein Kampf um Glauben und Volkstum, Stuttgart 1920, S. 116f. <> Dieter Cunz, Egg Harbor City: New Germany in New Jersey, in: Report of The Society for the History of the Germans in Maryland 29, 1956, S. 9–30 (Webfassung, Aufruf: 2. Aug. 2026)
Abbildung: Berufung Wolsieffers nach Frankenthal, Intelligenzblatt des Rheinkreises (Speyer) 15. Mai 1830
Bernd Krause