==== Otto Migge ==== \\ **MIGGE, (HEINRICH) OTTO (JULIUS PAUL)** * Koblenz 16. Juni 1857 (nicht 1856) | † Ware, Hertfordshire, England, Juli 1934; Geigenbauer {{:migge_d-mbs.jpg?nolink&280 |}} Otto Migge, Sohn des in Koblenz stationierten Unteroffiziers Heinrich Migge (* Wenzken, Kr. Angerburg (nicht Annaburg, wie zur Heirat 1856 angegeben), Ostpreußen (heute: Więcki) 6. Aug. 1826 | † vor 1886) und der Catharina Kramer (* Bacharach 19. Okt. 1833), verbrachte seine Kindheit in Koblenz und Berlin, wo sein Vater zeitweise (nachweislich 1867) als Feldwebel in der Schlossgarde diente. Er erhielt als Knabe Klavierunterricht, ergriff aber zunächst den Beruf eines Kaufmanns, war dann Eisenbahnbeamter bei der Rheinischen Eisenbahn-Gesellschaft mit Wohnsitz in Köln, bevor er sich Anfang der 1880er Jahre nach dem Besuch eines Auftritts des Violinvirtuosen Maurice Dengremont im Stadttheater der Geige zuwandte und bei Joseph Ollendorf in Köln Unterricht nahm. Eine Begegnung mit dem dortigen Instrumentenmacher Julius Lüdemann lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Geigen der alten italienischen Meister (Amati, Stradivari, Guarneri u. a.) und deren als geheimnisvoll empfundenen Klang. Migge untersuchte im Rahmen autodidaktischer Studien mehrere Instrumente und begann diese nachzubauen, wobei er immer wieder kleinere Veränderungen vornahm und sich auch der Lackierung widmete. 1885 eröffnete er in Koblenz ein eigenes Atelier, treffenderweise eines „für Cremoneser Geigenbau“. Beratung und Unterstützung bekam Migge von [[wilhelmj|August Wilhelmj]], der ihn bisweilen den „Reformator des Geigenbaus“ nannte und dessen Tochter Margarethe er später zur Frau nahm (1895 in England; die Verlobung erfolgte 1893 in Koblenz). Zu einem qualitativen Vergleich zwischen originalen Instrumenten Guarneris und den eigenen kam es am 20. Nov. 1886 in Koblenz, als Ludwig Ebert und Gustav Hollaender, beide Lehrer am Kölner Konservatorium, abwechselnd auf Migges und den „guten alten“ Violinen einige Stücke öffentlich vortrugen; die neuen Geigen seien „hinsichtlich der Weichheit und Ausgiebigkeit des Tons den italienischen außerordentlich nahe“ gekommen (//Münchner Theater-Journal// 18. Dez. 1886). In der Folgezeit entstanden in seiner Werkstatt mehrere Instrumente, die Migge später selbst als „Versuchsinstrumente“ mit jeweils untereinander „verschiedensten Abweichungen“ bezeichnete (//Das Geheimniß der berühmten italienischen Geigenbauer//, 1894, S. 77). Außerdem bot er Reparaturen an, jedoch nur an Instrumenten altitalienischer Meister, dies aber mit Garantie, so jedenfalls konnte man es in diversen Annoncen wiederholt lesen. Nach erwünschter Zusendung einer seiner Geigen wurde Migge vom Direktorium des Konservatoriums in Barcelona um 1888 zu dessen Ehrenmitglied ernannt („Titulo de Socio de Merito“); 1892 stellte er in Wien auf der //Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen// einige Instrumente aus. – Als Lehrling arbeitete Johann Bader (* 1876) bei ihm; er machte sich 1901 in Mittenwald selbständig. {{ :migge_anz._1.jpg?nolink&330|}} 1894 trat Migge mit seiner 80 Seiten umfassenden Schrift //Das Geheimniß der berühmten italienischen Geigenbauer// an die Öffentlichkeit, in der er die Ergebnisse seiner Untersuchungen an den Instrumenten der alten Meister darlegte und erläuterte. Deren Geheimnis habe einerseits in ihrer Bauweise gelegen (u. a. Dicke, Wölbung und Spannung von Decke und Boden, Positionierung des Bassbalkens im Inneren des Korpus), andererseits in Verwendung und Verarbeitung des Lacks, dessen chemische Zusammensetzung er gefunden zu haben glaubte. Seiner Meinung nach ist eine Cremoneser Geige „nichts Außergewöhnliches, sondern das, was eine **natürliche** Geige nur sein kann“ (a. a. O., S. 33; Hervorhebung original); Migge behauptete sogar, dass alle anderen Instrumente „unnatürliche Geigen, also überhaupt keine Geigen“ seien (ebd.). Konsequenterweise habe es seither gar keine eigentlichen „Geigenbauer“ gegeben, was erst jetzt wieder, mit seiner Veröffentlichung, möglich sei (S. 66). Natürlich stießen diese polemischen Ausführungen auf Widerstand: Arnold Hiller, Instrumentenmacher in Berlin, meinte in seiner Rezension, dass vor allem Migges den Lack betreffende Theorie „nichts weiter als ein eitler, trügerischer Wahn ist.“ Zusammenfassend heißt es: „Es irrt der Mensch, so lange er strebt“ (//Zeitschrift für Instrumentenbau// 21. Nov. 1894, S. 136 bzw. 137); weitere Autoren (Baumann, Diehl u. a.) äußerten sich ähnlich kritisch. – Ganz speziell ins Visier nahm Migge die Instrumente von [[stelzner|Alfred Stelzner]], denen er „Nutzlosigkeit“ attestierte (a. a. O., S. 64). Zwecks Demonstration baute er eine Geige mit 20-eckigem Korpus („mehr Ecken konnte ich nämlich nicht anbringen“; ebd.) und Elementen, die bewusst anders gestaltet waren als im System Stelzners, mit dem angeblichen Ergebnis, dass sein sonderbares Konstrukt einem Instrument Stelzners klanglich überlegen gewesen sei (ebd.). Der Kritisierte reagierte gelassen: Man werde sehen, ob sich Migges Neuerungen durchsetzen können (//Echo vom Gebirge. Illustriertes Fachblatt für Zitherspiel// 1. März 1895). Dieser wiederum formuliert selbstbewusst: „Wir werden bessere Musik zu hören bekommen“ (a. a. O., S. 72). 1895 ließ Migge sich in London nieder, wo er sein Atelier als //Studio for Cremona Violin Construction// weiter betrieb; Ende 1900 übersiedelte er nach Eastbourne. **Instrumente** — Bis 1894 entstanden nach eigenen Angaben 80 Violinen, 7 Violen, 14 Celli; was davon über den Ladentisch ging und/oder erhalten ist, bleibt unklar. {{ :migge_anz._2.jpg?nolink&330|}} **Schriften** — //Das Geheimniß der berühmten italienischen Geigenbauer//, Frankfurt/M.: Gebr. Staudt 1894; enthält eine autobiographische Skizze, S. 72–79; CH-SGv, CH-Zz, D-B, D-Dl, D-LEu, D-Mbs ([[https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11657429-6|digital]]), DK-Kk, NL-DHnmi – Übersetzung ins Englische: //The secret of the celebrated Italian violin makers//, ebd. 1894; US-CAh, US-LEX, US-Wc – ins Französische: //Le Secret des célèbres luthiers italiens découvert et expliqué//, ebd. 1894; D-B, GB-Lbl, GB-Lu, US-AAu <> //Entgegnung auf die Besprechung// [Hillers; s. u.]] //von O. Migge’s Buch über das Geheimniss der altitalienischen Geigenbauer in No. 7 dieser Zeitschrift//, in: //Zeitschrift für Instrumentenbau// 21. Dez. 1894, S. 219–221 **Quellen** — KB Militärgemeinde Koblenz <> Heirats- und Sterbeindex für England und Wales 1895 bzw. 1934 <> Adressbücher Koblenz 1886–1897 <> //Internationale Ausstellung für Musik- und Theaterwesen Wien 1892. Offizieller Katalog der Deutschen Reichs-Abtheilung//, Berlin 1892, S. 9, Anzeigenteil S. 25 <> Rezensionen des //Geheimniß//-Buchs 1894: N. N., in: //Speyerer Zeitung// 27. Okt. 1894; Arnold Hiller, //Migge’s Buch über das Geheimniss der altitalienischen Geigenbauer//, in: //Zeitschrift für Instrumentenbau// 21. Nov. 1894, S. 135–137; N. N., //Das Geheimniß der berühmten italienischen Geigenbauer//, in: //Grünstädter Zeitung// 28. Nov. 1894; Heinrich Baumann, //Betrachtungen über Geigenbau und Geigenlack//, in: //Zeitschrift für Instrumentenbau// 1. Jan. 1895, S. 243–245; August Diehl, //Etwas über O. Migge’s Geigenbau-Broschüre und seine Entgegnung auf die Widerlegungen Dr. Hiller’s//, in: //Zeitschrift für Instrumentenbau// 11. Jan. 1895, S. 271f.; weitere Besprechungen 1895 in: NZfM, NMZ, //Monatshefte für Musikgeschichte//, //Hannoversche Musikerzeitung//, //Neue Militärmusikzeitung//, //Neue Berliner Musikzeitung//, //Der Sammler// u. a. m. <> Dr. [Alfred] St[elzner], //Das Geheimnis//, in: //Echo vom Gebirge. Illustriertes Fachblatt für Zitherspiel// 1. März 1895 <> zahlreiche Annoncen in //The Violin Times. A Monthly Journal for Professional and Amateur Violinists and Quartet Players// 1895–1899, //The Strad. A Monthly Journal for Professionals and Amateurs of all Stringed Instruments Played with the Bow// 1898–1899 <> //The Eastbourne Gazette// 7. Nov. 1900 **Literatur** — C[ecie] Stainer, //A Dictionary of Violin Makers//, London/New York 1896, S. 65 <> Robert Lütters, //Der Reformator des Geigenbaus Otto Migge in Coblenz//, Höntrup: Selbstverlag [1897] (angezeigt im //Jahrbuch der Musikbibliothek Peters// 1897, S. 94) <> Lütgendorff 11904, S. 432f.; 31922, Bd. 2, S. 336 <> kurze Erwähnungen in diversen instrumentenkundlichen Abhandlungen Abbildung 1: Brustbild Migges nach einer Photographie, in: //Das Geheimniß der berühmten italienischen Geigenbauer// 1894 Abbildung 2: Geschäftsanzeige, in: //Neue Musik-Zeitung// 1889, Nr. 24 Abbildung 3: //Beiblatt der Fliegenden Blätter// (München) 4. Nov. 1894 ---- Bernd Krause