==== Hans Ulrich Engelmann ====
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**ENGELMANN, HANS ULRICH** * Darmstadt 8. Sept. 1921 | † ebd. 8. Jan. 2011; Komponist, Musikwissenschaftler
Vater des Musikers war der Ingenieur Rudolf Engelmann (* Prag-Karolinenthal 17. Nov. 1872 | † Ghetto Theresienstadt 25. Apr. 1945). Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde er, obwohl er als Offizier im Ersten Weltkrieg gedient hatte, 1943 in Frankfurt/M. inhaftiert, am 18. Febr. 1945 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Die Mutter war Catharina („Käte“) Melchior (* Heusweiler 6. Sept. 1889), evangelischer Religion, die zweite Ehefrau des Vaters, der zunächst 1905 die Jüdin Hedwig Wachenheimer (* Karlsruhe 5. Mai 1883 | † ebd. 21. März 1968) geheiratet hatte; diese erste Ehe blieb kinderlos und wurde 1920 geschieden.
Hans Ulrich galt als „Halbjude“ und wurde nach dem Abitur in Darmstadt als Zwangsarbeiter in der dortigen Rüstungsindustrie verpflichtet; zu diesem Zeitpunkt waren, vermutlich auf Basis autodidaktischer Studien, bereits erste Kompositionen entstanden. Nach dem Krieg nahm er ein nur kurz währendes Architekturstudium auf, bevor sich der Darmstädter Kulturreferent Wolfgang Steinecke für ihn engagierte, sodass Ende 1945 ein Konzert mit eigenen Werken stattfinden konnte. Wenig später erteilte ihm der zu dieser Zeit in Darmstadt dozierende Hermann →Heiß Kompositionsunterricht. Bei den seit 1946 veranstalteten Darmstädter //Ferienkursen// schrieb Engelmann sich als Student mit der Nummer 1 ein. Hier vermittelten ihm René Leibowitz und Ernst Krenek in den nachfolgenden Jahren die Grundlagen der Zwölftonmusik. 1947 nahm Engelmann in Frankfurt/M. weitere Studien auf, und zwar in den Fächern Musikwissenschaft (bei [[gennrich|Friedrich Gennrich]] und Helmuth →Osthoff), in Philosophie (bei [[adorno|Theodor W. Adorno]], Max Horkheimer und Hans-Georg Gadamer), Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft. Zeitgleich nahm er, gemeinsam mit [[henze|Hans Werner Henze]], Kompositionsunterricht bei Wolfgang Fortner in Heidelberg. 1949 war er Stipendiat an der Harvard University; das musikologische Studium wurde 1952 mit einer Dissertation über Bartóks //Mikrokosmos// abgeschlossen.
Die Darmstädter Malerin und Grafikerin Rosemarie („Roma“) Pillhardt (* Emmerich 23. Juni 1922 | † Darmstadt 15. Febr. 2023) wurde 1953 Engelmanns Ehefrau. Mit ihr lebte er ein Jahr lang in Island, bevor er als Dramaturg, Regieassistent und Komponist von Schauspielmusik von 1954 bis 1961 am Hessischen Landestheater in Darmstadt, am Nationaltheater Mannheim, am Theater in Bonn und beim //Hessischen Rundfunk// aktiv wurde. Außerdem dozierte er in Bilthoven (De Bilt, Niederlande) bei den Musiktagen und bei den //Darmstädter Ferienkursen//. Mit einem Lehrauftrag begann Engelmann 1969 seine Arbeit an der //Hochschule für Musik und Darstellende Kunst// in Frankfurt/M., 1973 wurde daraus eine Professur für Komposition, die er bis 1986 innehatte. Verschiedene Gastprofessuren und Kurse führten ihn bis etwa 1995 u. a. nach Gent, Tel Aviv/Jaffa, Jerusalem, Amsterdam, Moskau, Vilnius und in die USA. Zwischen 1978 und 1984 lehrte Engelmann an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. In Frankfurt leitete er zeitweise die Big-Band. Zu seinen Schülern gehörten Gerhard Müller-Hornbach (* 1951, Prof. in Frankfurt/M. und Mitbegründer des Instituts für zeitgenössische Musik), Burkhard Mohr (* 1955, Kirchenmusiker und Dozent in Frankfurt/M. und Wiesbaden), Claus Kühnl (* 1957, Kompositionslehrer am Konservatorium Mainz, Prof. in Frankfurt/M.) und Wolfgang Kleber (* 1958, Kirchenmusiker in Wiesbaden und Darmstadt).
Engelmann war 1949 Stipendiat der Harvard University sowie 1960, 1967 und 1983 der //Villa Massimo// Rom. Er war auch im Werkausschuss der GEMA aktiv (1982–1997) und engagierte sich politisch – in Form eines Wahl-Songs für den SPD-Politiker (und späteren Darmstädter Oberbürgermeister) Walter Hoffmann („WWW-Song“) zur Bundestagswahl 1998 (D-DSsa). Für seine Verdienste wurden ihm u. a. die //Goethe-Plakette// des Landes Hessen (1986), das //Bundesverdienstkreuz// (1991) und der //Hessische Verdienstorden// (1997) verliehen, hinzu kam 2006 die Ernennung zum Ehrensenator der Frankfurter Hochschule. – Am Grab in Darmstadt erinnert seit 2021 eine knapp fünf Minuten dauernde Klanginstallation in der Reihe //Am Grabe | Aus der Ferne// an den Komponisten.
**Werke** — Verzeichnisse: //Hans Ulrich Engelmann: Werkverzeichnis//, München: Ahn & Simrock 1981; //Werkverzeichnis Hans Ulrich Engelmann//, Wiesbaden: Breitkopf & Härtel 1996, neu 2001; Kopp in: NGroveD („selective list“); Wernhard in: MGG Online; alphabetische Werkliste („Works“), nur Titel ohne weitere Angaben bei [[https://viaf.org/de/viaf/116418804|VIAF]] (Virtual International Authority File; Aufruf: 26. Jan. 2026) <> Autographen zu einigen Liedern (Sst., Kl.) in D-Mbs (siehe [[https://opac.rism.info/rism/Search/Results?lookfor=%22pe51038661%22|RISMonline]]) <> Hauptverleger: Wiesbaden: Breitkopf & Härtel (Nachweise in D-B, D-Dl); weitere Drucke: Wiesbaden/Berlin/München: Ahn & Simrock (D-B, D-Dl, D-Mbs); Mainz: Schott (D-B, D-Dl, D-Mbs); Köln: Gerig (D-B, D-Dl)
**Schriften** (vgl. das //Verzeichnis musikliterarischer Arbeiten Hans Ulrich Engelmanns (Auswahl)// im Sammelband //Commedia humana//, 1985, S. 131–134) – //Béla Bartóks Mikrokosmos. Versuch einer Typologie „Neuer Musik“//, Diss. Frankfurt/M. 1952, Würzburg 1953; D-B <> //Vergangenheitsgegenwart. Erinnerungen und Gedanken eines Komponisten//, Darmstadt 2001 <> //Klang-Farben-Melodie. Texte zur Musik 1946–1996//, hrsg. von Christoph Schwandt, Darmstadt 2011 <> Engelmann verfasste zahlreiche Aufsätze in Zeitschriften (ZfM, //Melos//) und Sammelbänden; vgl. [[https://stabikat.de/Search/Results?limit=0&lookfor=%22Engelmann%2C+Hans+Ulrich%2C+1921-2011%22&type=Author&filter%5B%5D=~format%3A%22Article%22|StabiKat]]
**Quellen** — Briefe von und an Engelmann sind überliefert in D-B, D-Bda, im //Deutschen Komponistenarchiv// in Dresden, in D-%%MB%%, CH-Bu (siehe [[https://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/query?q=Engelmann%2C+Hans+Ulrich|Kalliope]]) <> Adress- und Telefonbücher Frankfurt/M. <> zum Vater: Inhaftierungsdokumente, 1943–1948, darunter Kartei Theresienstadt, Akten der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Erfassung von Verfolgten durch die Alliierten; Arolsen-Archive ([[https://collections.arolsen-archives.org/de/search?s=Engelmann, Rudolf|online]]) <> Biographische Materialien (Fall- u. Personalakten); Stadtarchiv Darmstadt, D-DSsa, D-Fsa, D-WIhha <> Bewerbungsunterlagen für Stipendien an der Villa Massimo, Rom, 1956–1960; D-WIhha <> Zeitungsausschnitte und Programmhefte; D-MGs <> Hinweise zu uraufgeführten Werken in: ZfM <> Traueranzeigen in: //VRM-Trauer// ([[https://www.vrm-trauer.de/traueranzeige/hansulrich-engelmann|online]]; Aufruf: 26. Jan. 2026) <> Nachrufe (Auswahl): //Ein kluger Klang-Architekt: Der Komponist Hans Ulrich Engelmann ist tot//, 8. Jan. 2011, [[https://www.nmz.de/menschen/personalia/ein-kluger-klang-architekt-der-komponist-hans-ulrich-engelmann-ist-tot|nmz-wiki-ddp]] (Aufruf: 26. Jan. 2026); //Avantgarde-Komponist Hans Ulrich Engelmann ist tot//, 8. Jan. 2011, [[https://www.welt.de/kultur/article12051785/Musik-Avantgarde-Komponist-Hans-Ulrich-Engelmann-ist-tot.html|Welt]] (Aufruf: 26. Jan. 2026); Gerhard Rohde, //Musik aus Darmstadt. Zum Tod des Komponisten Hans Ulrich Engelmann//, in: //Frankfurter Allgemeine Zeitung// 10. Jan. 2011 <> Würdigung: Christoph Schwandt, //Esprit jenseits des Notierten//, in: //Frankfurter Rundschau// 10. Jan. 2011 <> Klanginstallation //Am Grabe | Aus der Ferne: Hans Ulrich Engelmann//, Donaueschinger Musiktage 2021 ([[https://www.swr.de/donaueschinger-musiktage/am-grabe-aus-der-ferne-hans-ulrich-engelmann-100.html|online]]), Stand: 5. Dez. 2022 (Aufruf: 26. Jan. 2026)
**Literatur** — Riemann 121959 (Personenteil) u. 1972 (Ergänzungsband), 132012 <> Rudolf Lück, Art. //Engelmann, Hans Ulrich//, in: MGG1 (Suppl.) <> ders., Art. //Engelmann, Hans Ulrich//, in: NGroveD1 <> Eike Wernhard, Art. //Engelmann, Hans Ulrich//, in: MGG2 u. MGG Online <> Jan Kopp, Art. //Engelmann, Hans Ulrich//, in: NGroveD <> Art. //Hans Ulrich Engelmann//, in: Alfred Baumgartner, //Musik des 20. Jahrhunderts//, Salzburg 1985, S. 576 <> BakerB, //Centennial Edition//, 2001, S. 1023 <> Jürgen Krebber, Art. //Engelmann, Hans Ulrich//, in: //Stadtlexikon Darmstadt//, Red. Roland Dotzert, Darmstadt 2006, S. 210f. (aktualisiert [[https://www.darmstadt-stadtlexikon.de/e/engelmann-hans-ulrich.html|online]], Aufruf: 26. Jan. 2026) <> //Commedia humana. Hans Ulrich Engelmann und sein Werk. Eine Sammlung von Aufsätzen und Originalbeiträgen//, Wiesbaden 1985, mit Bibliographie, S. 134–136 <> Else Stock-Hug, //Wandlungen einer Keimzelle. NMZ-Stunde: Hans Ulrich Engelmann, Toccata für Klavier// (Besprechung zum 70. Geburtstag), in: nmz 1991, Nr. 4, S. 27 <> Alexander Ullmann, //Ein Komponistenleben lang in Aufruhr. Zum Siebzigsten von Hans Ulrich Engelmann//, in: nmz 1991, Nr. 5, S. 6 <> Heinz Zietsch, //Hans Ulrich Engelmann – Ein Nachruf//, datiert 8. Aug. 2008 [!], Darmstädter Rezession ([[https://darmstaedtersezession.net/2022/09/15/hans-ulrich-engelmann-ein-nachruf-von-heinz-zietsch-08-08-2008|DA_SEZ]], Aufruf: 26. Jan. 2026)
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Bernd Krause