==== Afferni (Familie) ==== \\ (1) **Ugo (Silvio Giuseppe; auch „Hugo“)** * Florenz 1. Jan. 1871 | † Livorno 9. Okt. 1931; Dirigent, Pianist, Komponist (2) **(Ida) May (Valeska) geb. Brammer (seit 1895 Afferni-Brammer)** * Grimsby (Lincolnshire; England) 2. Mai 1872 | † nicht vor 1914; Ehefrau von (1), Violinistin ---- {{:afferni.jpg?nolink&230 |}} **(1)** Ugo Afferni, Sohn eines Florentiner Geschäftsmanns und bereits 14jährig als Organist in seiner Heimatstadt tätig, konnte mittels eines Reisestipendiums am //Raff-Conservatorium// in Frankfurt (1885–1887; u. a. Klavier bei [[schwarz|Max Schwarz]], [[urspruch|Anton Urspruch]] und →Hans von Bülow) seine Ausbildung fortsetzen und die Gelegenheit nutzen, sein Können als Pianist in der Region zu zeigen (etwa im Sept. 1886 in Grünberg). Anschließend besuchte er das Leipziger Konservatorium (Apr. 1888–1891; u. a. Komposition bei Salomon Jadassohn, Orgel bei Carl Piutti, Klavier bei [[rehberg|Willy Rehberg]]), wo er seine spätere Ehefrau May Brammer (2) kennenlernte; teils gemeinsam mit ihr begab sich Afferni nach Beendigung seines Studiums auf Konzertreisen, die ihn u. a. nach Berlin, Köln, Hannover, Halle und wieder nach Leipzig führten, bevor er Anstellungen als Kapellmeister in Annaberg (ab 1893 an der //Städtischen Kapelle//) und Lübeck (1897–Apr. 1905 beim //Verein der Musikfreunde//; mit zwischenzeitlichem Abstecher nach Bad Harzburg (1901)) erhielt. Als Nachfolger [[luestner|Louis Lüstners]] wurde Afferni am 1. Juni 1905 Dirigent des Kurorchesters in Wiesbaden mit dem langjährigen Konzertmeister Hermann Irmen. In seine Zeit fällt die Eröffnung des neuen Kurhauses (Mai 1907 mit Festkonzert unter seiner Leitung) – natürlich mit Beethovens //Neunter// und dessen Ouvertüre //Die Weihe des Hauses//. Während Afferni sein Probedirigat ebenfalls mit einer Beethoven-Sinfonie (der //Eroica//) bestritten hatte, die auch bei seinem Antrittskonzert am 31. Mai 1905 erklang, und das „klassische“ Repertoire weiterhin im Vordergrund stand, nahm er vielfach zeitgenössische Werke ins Programm, darunter solche von Richard Strauss, 1910 die im Jahr zuvor veröffentlichte h-Moll-Sinfonie von [[volbach|Fritz Volbach]] und 1911 als deutsche Erstaufführung die 3. Sinfonie von Felix Weingartner. Dass hingegen seine Aktivität als Orchesterleiter in eine Phase zunehmender Uneinigkeit hinsichtlich dessen fiel, was ein Kurorchester bieten sollte, wird anhand einer Bemerkung [[gerhard|Hans Georg Gerhards]] deutlich, der ihm "süßlich sentimentale und äußerst mätzchenhafte Aufführungen" vorwarf (//Wiesbadener Monatsplauderei//, in: //Frankfurter Musik- und Theater-Zeitung// 24. Nov. 1908, S. 5). Zur regelrechten Institution wurden – wenn auch nur über wenige Jahre hinweg – die seit 1907 neben den Kurkonzerten veranstalteten //Orgel-Matinéen// mit Afferni als Solist an der neuen Sauer-Orgel des Kurhauses, seiner Gattin, der Violinistin May Afferni-Brammer (s. (2)), und dem Harfenisten [[hahna|Adam Hahn]] sowie die gleichfalls vom Ehepaar Afferni gebotenen Sonatenabende. Allerdings sollte der Aufenthalt Ugo Affernis in Wiesbaden nicht lange währen: Nachdem er sich in den Jahren 1909–1911 mehrfach „in den Kuranlagen ärgerniserregend benommen hatte“ (//Neues Wiener Tagblatt// – der //Hochheimer Stadtanzeiger// vom 7. Okt. 1911 berichtet Details; s. a. den Beitrag von Stephanie Zibell, die die "Affaire Afferni" aufgearbeitet hat) und Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses erstattet worden war, wurde er im Juli 1911 suspendiert, legte wenig später seine Aufgaben – offiziell aus gesundheitlichen Gründen – nieder und musste sich im Oktober vor der Wiesbadener Strafkammer wegen „unzüchtiger Handlungen“ verantworten (//Wiesbadener Tagblatt// 6. Okt. 1911). Obwohl eine Gefängnisstrafe beantragt worden war, kam er (da verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung vorlag) mit einer Geldstrafe davon. \\ Unmittelbar nach der Gerichtsverhandlung brach Afferni (mit seiner Gattin) die Wiesbadener Zelte ab: Von Oktober 1911 bis Anfang Januar 1912 hielt er sich als Dirigent des städtischen Orchesters (in Vertretung des erkrankten Georg Schneevoigt) und als Pianist in Riga auf und begann im September 1912 seine Tätigkeit als Leiter des Sinfonieorchesters in Helsingfors; dass er sich zwischenzeitlich – im April 1912 – „als feinsinniger“ und „hier bestens bekannt[er]“ Pianist noch einmal in Wiesbaden hören ließ, ruft zumindest Verwunderung hervor. Auf dem Weg nach Norden waren die Affernis im Juli 1912 bei einem Künstlerkonzert im Nordseebad Juist zu hören; was unmittelbar nach der Beendigung der Verpflichtungen in Finnland geschah, ist noch ungeklärt – jedenfalls kehrte Afferni (vermutlich 1914) nach Florenz zurück. Sein Nachfolger in Wiesbaden wurde (nach einem kurzen Interim durch den Münchener Kapellmeister Paul Prill) [[schuricht|Carl Schuricht]]. **Werke** — //Fest-Marsch zur Eröffnung des neuen Kurhauses in Wiesbaden// (Orch.), Wiesbaden: [[wolff|Wolff]] [1907]; D-KNmi <> Die übrigen Kompositionen Affernis (neben einer Oper //Potemkin an der Donau// (Annaberg Jan. 1897) und einer Sinfonie B-Dur kleinere Klavierwerke, Lieder und Chöre) entstanden bzw. erschienen ganz überwiegend bis um 1900, also vor seiner Anstellung in Wiesbaden. ---- {{ :afferni_anz.jpg?nolink&300|}} **(2)** Bereits May Brammers Vater Edwin (* Snaith, Yorkshire, 15. Sept. 1842; seit etwa 1860 Organist in Grimsby | † 1888) hatte (in den Jahren 1867–1869) am Leipziger Konservatorium studiert; er war wohl dort seinem ortsansässigen Kommilitonen Max Blume begegnet, dessen Schwester Ida (* 1851) er jedenfalls heiratete – bei deren Mutter Auguste Charlotte Blume (ihrer Großmutter also, übrigens Lokomotivführergattin) logierte die junge Violinistin während ihres Studiums in Leipzig in den Jahren 1882 bis 1890. Da ihr (künstlerischer) Lebensweg bis in die 1890er Jahre hinein von Dinessa Warkentin (s. Lit.) bereits detailreich geschildert wurde, begnügen wir uns zunächst mit der Erwähnung ihrer Eheschließung mit Ugo Afferni zu Ostern 1895 in Annaberg sowie mit der Tatsache, dass May Afferni-Brammer anschließend sehr wohl (dies entgegen Warkentin) als Künstlerin in der Lübecker und Wiesbadener Öffentlichkeit präsent war. Abgesehen von den oben erwähnten Wiesbadener Orgel-Matinéen, aus denen die Violinistin nicht wegzudenken war, seien die von der Kurverwaltung während der Wintermonate veranstalteten Sonatenabende hervorgehoben, die von ihr („bekanntlich eine Violin-Virtuosin von Rang“; //Wiesbadener Tagblatt// 25. Nov. 1905) bzw. „vom vorzüglichen Ensemble unseres Künstlerpaares“ Afferni gestaltet wurden – Otto [[dorn|Dorn]], der mehr als einmal (hier: //Wiesbadener Tagblatt// 23. Jan. 1907) zu Formulierungen wie dieser griff, zeigte sich auch immer wieder von „unsere[r] anmutigen Geigenfee“ beeindruckt, wenn sie einmal nicht an der Seite ihres Mannes, sondern etwa – wie hier – gemeinsam mit [[uhl|Edmund Uhl]] dessen Violinsonate in Wiesbaden erstaufführte (//Neue Musik-Zeitung// 7. Juni 1908, S. 419). Die dagegen alles andere als erfreulichen Ereignisse des Jahres 1911 waren zweifellos für sie umso mehr belastend, als sie im August des Jahres eine Totgeburt erlitt; dass sie bereits geraume Zeit zuvor versucht hatte, ihren Mann vor sich selbst zu schützen, ist ebenso erwähnenswert wie die erstaunliche Tatsache, dass sie sogar nach seiner Entlassung auch weiterhin – sowohl in Riga wie in Helsingfors – als Partnerin und Musikerin an seiner Seite blieb. ---- **Quellen** — Standesamtsregister Wiesbaden <> Einwohnerregister Leipzig <> //Hugo Afferni//, in: [[https://carla.hmt-leipzig.de/person/24168|CARLA]] (abgerufen am 29. Apr. 2026) <> //Ida May Valeska Brammer//, in: [[https://carla.hmt-leipzig.de/person/22904|CARLA]] (abgerufen am 29. Apr. 2026) <> Jahresberichte des //Raff-Conservatoriums// <> Brief Ugo Affernis an [[andre|André]] in Offenbach (Lübeck 1903); D-OF <> Briefe Ugo Affernis an Breitkopf & Härtel 1897–1910; D-LEsta <> biogr. Abrisse Ugo Affernis in: //Lübeckische Anzeigen// 23. Febr. 1897 und //Wiesbadener Tagblatt// 31. Mai 1905 (Abend-Ausgabe) <> [[droste|C[arlos] Dr[oste]]], //Ugo Afferni// in: //Frankfurter Musik- und Theater-Zeitung// 6. Jan. 1908, S. 4–5 <> O[tto] D[orn], (Bericht aus Wiesbaden), in: //Neue Musik-Zeitung// (Stuttgart) 9. Juli 1908, S. 419 <> //Gießener Anzeiger// 9. Sept. 1886; //Signale für die musikalische Welt// März 1889 (Nr. 20), Apr. 1890 (Nr. 29), Okt. 1893 (Nr. 53), 19. Okt. 1897, 16. März 1913, 8. Apr. 1914 u. ö.; NZfM 12. März 1900 u. ö.; //Musikalisches Wochenblatt// 26. März 1891, 11. Febr. 1892, 26. Mai 1892, 15. Sept. 1892, 28. März 1907, 13. Jan. 1910 u. ö.; //Deutscher Reichs-Anzeiger// (Berlin) 28. Nov. 1891, 5. Dez. 1916 u. ö.; //Kölnische Zeitung// 21. Nov. 1892, 7. Juni 1908 u. ö.; //Hannoverscher Kurier// 30. März 1892 u. ö.; //Saale-Zeitung// (Halle) 12. Nov. 1892 u. ö.; //Leipziger Tagblatt// 7. Jan. 1893, 30. Nov. 1894, 7. Dez. 1894, 3. Juli 1895, 16. März 1897 u. ö.; //Lübeckische Anzeigen// 23. Febr. 1897, 11. Mai 1905, 7. Juni 1905 (//Ugo Afferni//), 17. Okt. 1905 (//Ugo Afferni in Wiesbaden//), 21. Sept. 1911, 22. Febr. 1912 u. ö.; //Lübeckische Blätter// 30. Apr.1905, 28. Mai 1905 u. ö.; //Wiesbadener Tagblatt// 27. Mai 1905 (Abend-Ausgabe), 31. Mai 1905 (dto.), 3. Okt. 1905 (dto.), 25. Nov. 1905 (dto.), 23. Nov. 1907 (dto.), 6. Okt. 1911 (dto.), 20. Okt. 1911 (dto.) u. ö.; //Wiesbadener Bade-Blatt// 31. Mai 1905, 14. Mai 1907, 20. Juni 1907 (betr. //Festmarsch//), 15. Mai 1910, 8. Aug. 1912 u. ö.; //Wiesbadener General-Anzeiger// 27. Mai 1908, 12. Juli 1911, 7. Okt. 1911, 17. Okt. 1911, 10. Apr. 1912 u. ö.; //Neue Musik-Zeitung// (Stuttgart) 7. Juni 1908; //Grazer Tagblatt// 9. Jan. 1911; //Neues Wiener Tagblatt// 29. Aug. 1911; //Hochheimer Stadtanzeiger// 20. Sept. 1911, 7. Okt. 1911, 27. Okt. 1911, 18. Nov. 1911, 6. Dez. 1911; //Rigaer Rundschau// 28. Sept. 1911, 12. Jan. 1912 u. ö.; //Rigasche Zeitung// 21. Nov. 1911 und passim; //Seehund. Fremdenliste für das Nordseebad Juist// 28. Juli 1912; //Dagens Tidning// (Helsinki) 18. Sept. 1912 und passim; //Hufvudstadsbladet// (Helsinki) 24. Dez. 1912, 8. Febr. 1913 und passim; zahlreiche weitere Notizen und Berichte in der Lübecker und Wiesbadener Tagespresse <> MMB **Literatur** — Dinessa Warkentin, Art. //Brammer, (Ida) Mary, May, (Valeska), verh. Brammer-Afferni//, in: //Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts//, hrsg. vom Sophie-Drinker-Institut, Hamburg 2011 ([[https://www.sophie-drinker-institut.de/brammer-mary|online]]) <> Stephanie Zibell, //Die Affaire Afferni//, in: //Sonnenborner Echo// 84 (2022), S. 24–29 <> [[danneberg|Danneberg]] 1949 <> Frank/Altmann 1927; RiemannL 101922; MüllerDML; NassB Abbildung 1: Ugo Afferni (//Frankfurter Musik- und Theater-Zeitung// 6. Jan. 1908) Abbildung 2: Ankündigung einer //Orgel-Matinée// mit dem Ehepaar Afferni; //Wiesbadener Bade-Blatt// 15. Mai 1910 (mit falsch abgekürztem Vornamen Adam Hahns) ---- Axel Beer