vauchel

VAUCHEL (VAUCHELLE, VAUSCHEL, WAUSCHEL, WOSCHEL), JOHANNES (JEAN, JOHANN, JOSEPH) KORNELIUS (CORNELIUS, CARL) * Offenbach 9. März 1782 | † Aschaffenburg-Damm 10. Jan. 1856; Geigenbauer, Geigenhändler

Vauchels Vorfahren stammten aus Paris. Sein Vater, Joseph Maria Vauchel, emigrierte in das Territorium der Fürsten von Isenburg und ließ sich als Goldarbeiter (Graveur) in Offenbach nieder. Nach Ausbruch der französischen Revolution kehrte er mit seiner Familie vorübergehend nach Paris zurück, wo Jean zum Geigenbauer ausgebildet wurde und in der Werkstatt des Bogenbauers François Tourte gearbeitet haben soll. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verließ Jean Frankreich, wobei sich zunächst eine Verbindung zu seiner Geburtsstadt Offenbach ergibt. Vermutlich im folgenden Jahr wurde er Hofgeigenmacher bei Jérôme Napoleon, der als König von Westfalen in Kassel residierte. Bereits 1809 hielt Vauchel sich kurzzeitig in Darmstadt auf, kehrte jedoch im selben Jahr nach Offenbach zurück, wo er am 2. März 1809 Gertraud Urich heiratete. Am 1. Mai 1812 siedelte er als großherzoglicher Hofgeigenmacher und Nachfolger von Konrad Zacharias Fischer nach Würzburg über (Distrikt IV, Nr. 71, heute: Neubaustr. 46). Zuvor soll er auch in Mainz gearbeitet haben; entsprechende Dokumente liegen jedoch nicht vor. Als das Großherzogtum Würzburg 1814 an das Königreich Bayern fiel, wurde er zum königlich-bayerischen Hofgeigenmacher ernannt. In Würzburg wechselte er in den ersten Jahrzehnten nicht weniger als elfmal seinen Wohnsitz, bis er im Mai 1839 im Katzenwicker-Hof (Hofstr., heute: Maxstr. 1) für längere Zeit eine Wohnung fand. 1852 zog er – inzwischen pensioniert und langjährig verwitwet – in Begleitung seiner Haushälterin Babette Schneider und einem (seinem?) dreijährigen Sohn zunächst nach Schweinheim (heute: Aschaffenburg-Schweinheim), wo er sich auch mit Taubenzucht beschäftigte, und ließ sich 1854 in Aschaffenburg-Damm nieder. Nach einem erneuten Wohnungswechsel kaufte er hier ein kleines Anwesen (heute: Mühlstr. 61), richtete im Nebengebäude eine Werkstatt ein und umgab sich auch jetzt „mit allerlei Geflügel“ (Lütgendorff). Auf eigenen Wunsch wurde Vauchel nicht in Damm, sondern auf dem Aschaffenburger Altstadtfriedhof (Lamprechtstr.) begraben (2. Quadrat, 25. Reihe, 18. Grab). Vauchel entwickelte sich zu „dem damals berühmtesten Meister des Geigenbaues in Süddeutschland“ (Leonhardt) und betrieb gleichzeitig einen Handel mit hochrangigen Instrumenten. Dabei pflegte er Kontakte unter anderen mit Spohr und Paganini, die ihm glänzende Zeugnisse ausstellten. Im Laufe der Jahre stellte er mehrere Mitarbeiter ein, zuletzt aus Mittenwald stammenden Johann Reiter (1834–1899), der seine Ausbildung 1851 begann. Am 10. Dez. 1854 beantragte Vauchel bei der Regierung eine zweijährige finanzielle Unterstützung, um Reiter „als Künstler in seinem Fache ausbilden zu können“. Hartnäckige Bemühungen führten zur Fortsetzung des Unterrichts mit der Auflage, „die erworbenen Kenntnisse in der Instrumentenfabrikation zu Mittenwald in Ausübung [zu] bringen.“ Durch Vauchels Tod konnte das Projekt zwar nicht beendet werden, dennoch wurde Reiter von der Regierung 1858 – im Jahre der Gründung der Mittenwalder Geigenbauschule – mit der Leitung einer Wanderschule betraut. Bei dieser Tätigkeit besuchte er bis 1865 zur Qualitätssteigerung zahlreiche Mittenwalder Werkstätten und benutzte dabei Vauchels Formen und Modelle (s. unten), die er von dessen Erbin erhalten hatte.

Erhaltene NachlassgegenständeA. „Vauchelsche Mustersammlung der Geigenbauschule Mittenwald“ (Archiv der Geigenbauschule Mittenwald). Das „Inventarium“ der Sammlung ist in Leonhardt 1972, Anlagemappe 3, Blatt 2 und 3, aufgelistet: 15 Modelle (nach Stradivari, Guarneri, Amati, Stainer) <> 13 Formen, über welche die Zargen verfertigt werden (nach Stradivari, Guarneri, Amati, Stainer, da Salo) <> 8 F-Loch-Zeichnungen nach Stradivari, Guarneri und Amati <> 4 Zeichnungen Brescianer Zug <> 4 auf Papier gezeichnete u. ausgeschnittene Violin-Formate (nach Stradivari, Amati, Guarneri), 1 Kontrabass-Zeichnung <> 6 Stegmodelle <> 3 Saitenhalter-Modelle <> 3 Griffbrett-Modelle <> B. Privatsammlung, Mittenwald: Modell für eine Violine aus Erle/Schwarzpappel (?), autographe Beschriftung: „No 12. / J. Vauchel / Damm. anno 1854.“. Eingezeichnet: Einlagen, Klötze sowie Profil eines Halsfußes. Linke Hälfte: Korpusumriss mit nach unten gebogenen Ecken, rechte Hälfte: entsprechender Zargenumriss. Länge (ohne Bodenplättchen): 36,0 cm <> Zeichnung von Vauchel auf Papier (37,5 × 22,5 cm): Geigenboden mit nach unten gebogenen Ecken; doppelte Einlagen; Verzierungen innerhalb der inneren Einlage und im Zentrum. L: 35,9 cm (ohne Bodenplättchen), B: 16,5/11,6/20,8 cm <> Wölbungsschablone, L: 38,8 cm, B: 3,2 cm, hs. Beschriftung: „von unten / Ansicht n. Strad. Cello Boden in der Mitte. Der Stimmstock. / war gestanden. / Bei der Hand. / Den 20ten September 1854“ <> 5 Hobel aus Mahagoni, L: 24–53 cm <> 8 Hohleisen mit Holzgriffen in unterschiedlichen Größen <> 2 kleine Stemmeisen <> 6 Bogenmacherwerkzeuge <> 3 Stärkenmessgeräte aus Holz oder Eisen <> 2 Wirbelbohrer <> 1 Zirkel <> 1 kl. Amboss <> 2 Feststellzangen <> 1 Drillbohrer <> 1 Pfeifenkopf aus Porzellan, Vauchels Kopf darstellend, H: 6 cm <> 1 Spazierstock, geschnitzt, Eisenspitze, 90 cm.

Quellen — KB Offenbach (Evangelischer Kirchengemeindeverband Offenbach am Main) <> Pfarrmatrikel Würzburg (D-WÜd) <> Beerdigungsbuch Aschaffenburg (D-ASsta) <> Einwohnermeldebogen Würzburg (D-WÜsa) <> Adressbuch Würzburg 1835, 1838, 1846–1852 <> Großherzoglich Würzburgischer Hof- und Staatskalender für das Jahr 1813 <> Brief von V. an Unbekannt, Offenbach 14. März 1812 (D-F) <> Brief an Louis Spohr, Würzburg 9. März 1826 (D-Kub) Brief an Franz Hauser, Würzburg 18. Mai 1835, beide Briefe s. Kalliope; Brief von Paganini, Paris 11. Juni 1832 (Nachlass Vauchel, Kopie in Privatsammlung Mittenwald; vgl. Schwinn 1978, S. 51–54); Brief von Maria Grätz (Cousine von J. Reiter), Mittenwald 1. Juni 1855 (Privatsammlung Mittenwald) <> „Vorweis“ mit hs. Ausführungen von V., 20. Nov. 1854; Zeugnisse von J. A. André, L. Spohr und P. F. Baillot in amtl. begl. Abschriften vom 24. März 1854; Brief an Kgl. Regierung, 10. Dez. 1854; Briefe an J. Reiter, 9. März 1855, 29. März 1855, 6. Apr. 1855, 14. Mai 1855, 28. Mai 1855, 11. Juni 1855, 21. Juni 1855; Schreiben der Kgl. Regierung von Unterfranken u. Aschaffenburg, 3./5. Jan. 1856; Schreiben von J. Reiter, 27. Febr. 1860 (alle in Leonhardt 1972 (s. Literatur), Anlagemappe 3) <> Akt des Landgerichts ä. O. bzw. Bezirksamts Werdenfels zum Betreff „Verbesserung der Geigenfabrikation in Mittenwald“, 1855–1856 (D-Msa).

Literatur — Hyacinth Abele, Die Violine, ihre Geschichte und ihr Bau, Neuburg a. D. 1864 <> Johann Reiter †, in: Zeitschrift für Instrumentenbau (Leipzig) 19, 21. Febr. 1899, S. 433–435 <> Hermann August Drögemeyer, Die Geige, Berlin 31903 <> Lütgendorff 1904, 5/61922 <> Johann Reiter (jun.), Nachtrag zu einem Artikel „Ein Blick auf Mittenwald und seine Geigenindustrie“, in: Zeitschrift für Instrumentenbau (Leipzig) 27, 1. Dez. 1906, S. 188–189 <> Albert Fuchs, Taxe der Streichinstrumente, Leipzig 1907, 152003 <> Paul De Wit, Geigenzettel alter Meister vom 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, 2. Teil, Leipzig 1910 <> Wilhelm Joseph von Wasielewski, Die Violine und ihre Meister, Leipzig 7/81927 <> Adolf Völker, Der Geigenmacher von Offenbach, in: Alt-Offenbach. Blätter des Offenbacher Geschichtsvereins 4 (1928), S. 73–78 (mit einer Porträtzeichnung Vauchels, bezeichnet: „J Vauchel. / Königl. Hof Saiten Instrumentenmacher“; (s. Abb. 1) und eines Vauchel darstellenden Pfeifenkopfs) <> Henry Poidras, Dictionnaire des Luthiers anciens et modernes, Rouen 21930 <> Johann C. Vauchel–Geigenbauer in Offenbach, in: Offenbacher Nachrichten 25. Aug. 1937 <> Seine Geigen waren weltberühmt, in: Offenbach-Post 1. Nov. 1956 <> Fridolin Hamma, Meister deutscher Geigenbaukunst, Stuttgart 1948 <> Karel Jalovec, Enzyklopädie des Geigenbaues, Prag und Hanau 1965 <> Ders., Deutsche und österreichische Geigenbauer, ebd. 1967 <> Konrad Leonhardt, Chronik der Geigenbauschule Mittenwald, Mittenwald 1972, masch., mit Bild- und Dokumentenanhang; D-Mbs <> William Henley, Universal Dictionary of Violin and Bow Makers, Brighton/Sussex 1973 <> Willi Schwinn, Die Kunst des Geigenbaus in Würzburg, Würzburg 1978 <> Alois Stadtmüller, Lebensspuren des königlich-westphälischen, großherzoglich-würzburgischen und königlich-bayerischen Geigenbauers Vauchel, in: Spessart 1 (1981), S. 8–9 <> Peter Rückert, Der Musikinstrumentenbau in Würzburg bis zur Gegenwart, maschr. Seminararbeit Würzburg 1984 <> Walter Hamma, Geigenbauer der deutschen Schule des 17. bis 19. Jahrhunderts, Bd. 2, Tutzing 1986 <> René Vannes, Dictionnaire universelle des luthiers, Brüssel 1988 <> Michels 1995 <> KirschM

Abbildung 2: Grabstein Vauchels auf dem Altstadtfriedhof Aschaffenburg, mit freundlicher Genehmigung von Monika Spatz


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