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SEIFFERT, (PAUL WILHELM) REINHOLD * Berlin 22. Sept. 1929 | † Idstein 1. Febr. 2003; Zupfinstrumentenbauer

Seifferts Vater Bernhard (* 24. März 1898 | † 1. Aug. 1967) war Berliner Behördenangestellter, seine Mutter Hildegard (* 8. Juli 1899) Hausfrau mit abgeschlossener Lehrerinnenausbildung. Reinhold Seiffert besuchte in Berlin-Tegel u. a. die Humboldt-Oberrealschule, bevor er nach dem Aufenthalt im Kinderlandverschickungslager Binz/Rügen im letzten Kriegsjahr die Oberschule in Bad Sooden-Allendorf abschloss. Seine Ausbildung zum „Zupfinstrumentenmacher“ absolvierte Seiffert auf Burg Sternberg (Lippe) bei Peter Harlan zwischen 1948 und 1950. Dort setzte er sich nicht nur mit dem Bau von Saiteninstrumenten, sondern auch mit Ansätzen der historischen bzw. historisch-informierten Aufführungspraxis auseinander. Die Berufswahl begründet sich vermutlich zum einen aus dem bürgerlichen Umfeld des Elternhauses, zum anderen aus Seifferts Affinität zur Jugendbewegung. Diese äußerte sich etwa darin, dass er Anfang der 1960er Jahren das dem Nerother Wandervogel nahestehende Fähnlein Celle leitete. Nach seiner Gesellenprüfung in Bremen arbeitete er bei „verschiedenen Firmen der Branche: Emmo Koch, Fidelbau, Bremen[,] Franz Sandner, Gitarrenbau, Nauheim bei Groß-Gerau, Willy Hopf & Co. KG, Wehen im Taunus, Hermann-Moeck-Verlag, Celle“ (Lebenslauf, Archiv Kerschensteinerschule Wiesbaden). Dort in Celle eröffnete er 1958 mit Ausnahmegenehmigung des Lüneburgischen Regierungspräsidenten erstmals eine eigene Werkstatt. Nach der Hochzeit mit Wilma Groth (* Hamburg 18. Juni 1927 | † Idstein-Lenzhahn 22. Febr. 2006) am 4. Februar 1966 absolvierte er am 13. September 1966 seine Meisterprüfung in Koblenz und machte sich am 11. Oktober 1967 in Wehen selbständig. Zwischen November 1968 und September 1980 bildete er insgesamt fünf Lehrlinge aus, von denen wohl drei auch eine Gesellenprüfung ablegten, und zog zwischenzeitlich (1973) mit seiner Werkstatt nach Lenzhahn bei Idstein. Von Mai 1978 bis Juli 1980 hatte er einen Lehrauftrag an der Kerschensteinerschule in Wiesbaden inne, den er allerdings schon zum Ende des Jahres 1979 „aus Gründen der Sicherung und Erhaltung meiner betrieblichen Existenz als selbstständiger Handwerksmeister“ (Personalakte, Archiv Kerschensteinerschule Wiesbaden) kündigte.

Mit Gitarren und Lauten etablierte sich Seiffert auf dem Markt und entwickelte enge Verbindungen in die Zupfmusikszene, so zu dem Hamburger Verleger Joachim Trekel und zu dem an der Hochschule für Musik und Tanz (HMT) Köln – Standort Wuppertal lehrenden Gitarristen Dieter Kreidler. Dadurch scheint er auch auf den Mandolen- und Mandolinenbau aufmerksam geworden zu sein und sich u. a. mit den Mandolen von Klaus Röder beschäftigt zu haben. Bis Ende der 1970er Jahre entwickelte er dezidierte Klangvorstellungen für die Instrumente, vertiefte diese durch den Kontakt mit der Mandolinistin Marga Wilden-Hüsgen ab 1979 und baute von da an modifizierte Mandolinen. Diese zeichnen sich durch ein deutlich anderes Obertonspektrum aus, als es bis dato üblich war und bei anderen Mandolinentypen zu finden ist. Klangliche Ausgeglichenheit auf allen vier Saitenpaaren, einen warmen, runden Ton sowie einen längeren Nachhall und eine stärkere Tragweite des Tones erreichte er, indem er verschiedene Veränderungen vornahm: Die traditionell mandelförmig gebaute Mandoline rundete er, verbreiterte das Griffbrett, gestaltete die Decke breiter und versah sie mit nur einem marginalen Knick. Die Beleistung legte er kräftiger aus und vergrößerte und versteifte die Muschel, was zu einem größeren Korpusvolumen beitrug.

In der Rezeption setzte sich diese neuartige Mandolinenart seit den 1980er Jahren ausgehend von Deutschland immer stärker durch, getragen u. a. von Solist*innen wie Detlef Tewes, Gertrud Weyhofen oder Caterina Lichtenberg sowie von den Absolvent*innen der zwischenzeitlich eingerichteten Mandolinenklasse am Standort Wuppertal der HMT Köln. Mittlerweile hat sich der Typus derart etabliert, dass im internationalen Raum zwischen dem „German Model“ und den übrigen Bauweisen (italienisch bzw. genauer römisch und neapolitanisch sowie amerikanisch) unterschieden wird. Von Seifferts Bauweise inspirierte Mandolinen (und Mandolen) werden daher von einer Vielzahl von Instrumentenbauern angeboten und gehören zum Standard. Die letzten direkten Informationen gab Seiffert kurz vor seinem Tod an seinen 2016 verstorbenen Schüler, den Zupfinstrumentenbauer Franz Ulrich Albert, weiter.

Mit seinem Versuch, eine andere Mandolinenart aus dem 17./18. Jahrhundert nachzubauen, begründete Seiffert zudem 1983 die inzwischen ebenfalls weltweit etablierte Praxis des historisch-informierten Mandolinenbaus. Mit der fünf- oder sechschörigen Mandoline in Terz-Quart-Stimmung – im englischen Sprachraum „mandolino“, im deutschen vor allem „Barockmandoline“ oder Sopranlaute genannt – ermöglichte Seiffert das Erschließen eines bis in die 1980er z. T. unbekannten Repertoires ebenso wie ein Partizipieren der auf diese Instrumente spezialisierten Musiker*innen an der Welt der historisch-informierten Aufführungspraxis. Christopher R. Acquavella schrieb mit Journey for Pazardzhik (Hamburg: Joachim-Trekel-Musikverlag 2014) die erste neue Komposition für das Instrument.

Quelle — Historie des Orden der Wikinger e. V., Hustedt online <> Freundliche Mitteilungen der Instrumentenbauer Alfred Woll (Welzheim) und Antonius Müller (Aarbergen) sowie mit der Handwerkskammer Wiesbaden <> eigenhändig unterschriebener Lebenslauf Seifferts, Personalakte Archiv der Kerschensteinerschule (Wiesbaden) <> KB ev. Johannesgemeinde Niederseelbach <> Einspielung von Christopher R. Acquavellas Journey for Pazardzhik (Hamburg: Joachim-Trekel-Musikverlag 2014) durch Florian K. Rumpf, s. Youtube

Literatur — Reinhold Seiffert, Ist Chance nur ein Wort? Zur Lage der Berufsausbildung im Zupfinstrumentenmacher-Handwerk, in: Gitarre & Laute 1/4 (1979), S. 39–40 <> Julianne Ebener, Kleine Werkstatt mit großem Ruf, in: Instrumentenbau 45/2 (1991), S. 86, 88 <> Marga Wilden-Hüsgen, Der Mandolinenbauer. Er kehrt nicht mehr in seine Werkstatt zurück, in: Concertino 56/2 (2003), S. 72–75 <> Stefanie Acquavella-Rauch, Gedanken zur „Historisch informierten Aufführungspraxis“ und der Lückenhaftigkeit von Geschichte in der musikalischen Praxis, in: Phoibos. Zeitschrift für Zupfinstrumente  15 (2015), S. 31–41 <> Alfred Woll, Die Kunst des Mandolinenbaus, Welzheim 2021, S. 136–155 (im Druck)

Abbildung 1: Reinhold Seiffert, Fotografie [2001]; Sammlung der Verfasserin

Abbildung 2: Solisten-Mandoline No. 1992 von 2001; Muschelholz: Palisander; Sammlung der Verfasserin

Abbildung 3: Solisten-Mandoline No. 1832 von 1992; Muschelholz: Ahorn; Sammlung der Verfasserin

Abbildung 4: Kopf Solisten-Mandoline No. 1832 von 1992 mit Namenszug in Holzmosaik; Sammlung der Verfasserin

Klangbeispiele
1. Seiffert Solisten-Mandoline No. 1832 von 1992; Muschelholz: Ahorn; gespielt mit Wolle-Plektrum
2. Gibson Junior Mandolin A Style No. 62355 von 1921; gespielt mit Dunlop Nylon-Plektrum 1mm
3. Seiffert Solisten-Mandoline No. 1992 von 2001; Muschelholz: Palisander; gespielt mit Wolle-Plektrum

Stefanie Acquavella-Rauch

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  • Zuletzt geändert: 2021/02/24 17:05
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