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KNORR, IWAN (OTTO ARMAND) (Pseudonym: I. O. Armand) * Mewe (heute Gniew in Polen) 3. Jan. 1853 | † Frankfurt/M. 22. Jan. 1916; Komponist, Musikpädagoge

Die Jugend Knorrs, Sohn des Malers und Photographen Louis Armand K., war von vielen Ortswechseln geprägt: von Mewe, wo sein Großvater Johann Jakob Lutze als Rektor und Organist tätig gewesen war, übersiedelte die Familie nach Minsk (1857), Tula (bei Moskau, 1861), Leipzig (1864) und Riga (1866), bevor Leipzig ab 1868 für mehrere Jahre zum Lebensmittelpunkt wurde. Knorr, der den ersten Klavierunterricht von seiner Mutter Serena geb. Lutze erhalten hatte, studierte bis 1872 am dortigen Konservatorium u. a. bei Carl Reinecke (Komp.) und Ignaz Moscheles (Kl.). 1874 erhielt er Stellenangebote aus Aberdeen und Charkow (heute Charkiw, Ukraine), wobei er sich für letzteres entschied, da er in der Umgegend Verwandtschaft besaß. In Charkow war Knorr als Musiklehrer am Kaiserlichen Dameninstitut und Konservatorium tätig, seit 1882 zudem zuständig für den theoretischen Unterricht an der dortigen Abteilung der Kaiserlich Russischen Musikgesellschaft. Die Sommermonate dieser Zeit brachte Knorr in Leipzig zu, wo seine Familie lebte und er mit ehemaligen Mitschülern im musikalischen Austausch stand. Sein 1877 aufgenommener Kontakt mit Brahms verhalf ihm schließlich zu einer Stelle in Deutschland. In einem Schreiben an Bernhard →Scholz, der im Begriff war, Direktor des Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt zu werden, empfahl Brahms, „als x-beliebigen Klavier- und Theorielehrer Iwan Knorr, der ein so liebenswürdiger Mensch als feinsinniger und begabter Musiker“ sei (zit. nach Bauer, S. 8).

Zusammen mit seiner Ehefrau Marie von Schidlowsky (auch Schtschedlowskaja; * Nowo-Iwanowiki Gnilitza (laut Sterbeeintrag; heutige Ortszuordnung unklar, möglicherweise Novoivanovka, Belgorod Oblast, Russland) 25. Mai (julianisch: 13. Mai) 1861 | † Frankfurt/M. 24. Mai 1943; Heirat 1880) übersiedelte Knorr 1883 nach Frankfurt/M, um dort den Posten als Klavier-, Theorie und Musikgeschichtslehrer anzutreten; seit 1886 erteilte er zudem Kompositionsunterricht. 1894 erhielt er den Professorentitel. Als Nachfolger Scholz’ wurde Knorr 1908 Direktor des Konservatoriums. Auf ihn geht u. a. die Einrichtung der Vorschule, des Seminars und des Patronatsvereins, ebenso wie von Dirigentenkursen und öffentlichen Vorlesungen zurück. Darüber hinaus erweiterte er gemeinsam mit Fritz Bassermann die Orchesterschule und etablierte mit Gretchen Dessoff den Frauenchor. Bauer zufolge war der „Schwerpunkt seines gesamten Wirkens ein ganz seltenes Organisationstalent […], das sich zusammensetzte aus feinster Menschenkenntnis, ruhigem klarem Zielbewußtsein […] und der Fähigkeit, neue Ideen und Anregungen zu geben und ihre Ausführung in weitherziger Weise den Persönlichkeiten zu überlassen, die sein Blick als die dafür geeigneten erkannt hatte.“ (Bauer, S. 10) Öffentliche Auftritte als Redner, Dirigent oder Pianist vermied er hingegen. Zu den Schülern Knorrs gehören Walther Davisson, Alexander Goldschmidt, Carl Hillmann, Anthony van Hoboken, Lulu und Ludwig Keiper, Carl Kern, Leonore von Kienitz, Max Kirchbach, Josef Knettel, Gottfried Leber, Marie Lenheim, Frank →Limbert, Hans →Pfitzner, Karl Reisert, Johanna Renck, Hans Schaub, Oskar Seeger, Bernhard Sekles, Emil Sulzbach, Wilhelm Weimar, Max Wolff. Nachfolger Knorrs als Direktor des Konservatoriums wurde Waldemar →von Baußnern. Marie Knorr, die nach dem Tod ihres Ehemanns bei der Sortierung des Nachlasses (heutiger Standort ungewiss) mitwirkte, hatte selbst von 1889/90 bis 1891/92 Gesang am Hoch’schen Konservatorium studiert. Nach ihrem Tod im Jahr 1943 wurden die sterblichen Überreste beider in Leipzig beigesetzt.

Werke (siehe auch das Verzeichnis in Bauer 1916) — Kompositionen mit Opuszahl: Variationen über ein Thema von Robert Schumann (Kl., Vl., Vlc.) op. 1, Leipzig: B&H [1887]; ehem. D-B, D-F, D-KNh, GB-Lbl <> Sechs kleine Stücke (Kl. 4ms) op. 2, Hamburg: Rahter [1886]; D-B, D-BUDbierwisch (s. Abb. 2), D-KNh, D-WIl, GB-Lbl <> Quartett (Kl., Vl., Va., Vc.) op. 3, Leipzig: B&H [1887]; ehem. D-B, D-F, D-Fh, D-SPlb, GB-Lbl, US-CAe, US-R (digital) <> Variationen über ein Thema v. K. Klimsch (Kl., Vc.) op. 4, ebd. [1888]; ehem. D-B <> Ukrainische Liebeslieder (SATB, Kl.; dt. und engl., „seiner Frau gewidmet“) op. 5, Frankfurt: Firnberg [1890]; D-B, D-F, D-KNh, D-Mbs, GB-Lbl – Neuausgabe Peters 2019 <> Fünf kleine Stücke (Kl. 4ms) op. 6, ebd. [1890]; D-B, D-KNh, GB-Lbl <> Variationen über ein ukrainisches Volkslied (Orch.; „Bernhard Scholz gewidmet“) op. 7, Leipzig: B&H [1891]; A-Wn, ehem. D-B, D-F, D-Fh, GB-Lbl US-CAe (digital) <> Variationen u. Fuge über ein russisches Volkslied (2 Kl. 4ms) op. 8, ebd. [1891]; ehem. D-B, D-F, D-Fh, D-LEm, D-Mbs, GB-Lbl, US-R (digital) <> Vier Walzer (Kl. 4ms) op. 9, ebd. [1898]; ehem. D-B, US-R (digital) <> Vom Jäger und dem Mägdlein. Vier Lieder (Sst., Kl.) op. 10, Frankfurt: Firnberg [1898]; D-B, D-F, D-Fh <> Acht Lieder (gem. Chor) op. 11, ebd. [1898]; D-B, D-F <> Symphonische Phantasie (Orch.) op. 12, ebd. [1899]; D-B, D-F <> Vier slawische Lieder op. 13 – Nr. 3 als Beilage zur Neuen Musikzeitung 1909 Nr. 16 <> weitere, laut Bauer im Nachlass befindliche, ungedruckte Werke: Maria, Szene (Sst., Orch.) op. 14 <> Suite Fee Ogliana op. 15 <> Sechs Lieder (Mch.) op. 16 <> Serenade G-Dur (Orch.), op. 17 <> Dunja, Oper in 2 Akten, op. 18 (UA Koblenz 1904) – Textbuch: Dunja. Nach einer Gogol'schen Erzählung von N. R. Nikarow, Frankfurt: Autor (Druck Voigt & Gleiber) [ca. 1912]; D-F Streichquartett d-moll op. 19 <> Suite B-Dur Aus der Ukraine (Orch.), op. 20 <> Werke ohne Opuszahl: Jugendbibliothek. Kürzere Stücke aus Werken alter u. neuer Meister z. Gebr. beim Unterricht (2 Kl. 8ms), Leipzig, B&H [1885]; D-B, D-MGu, D-MZmi (nur Kl. 1) <> Marienlegende (Soli, Ch., Orch.), Berlin: Bote & Bock [1906]; ehem. D-B, D-F <> Die Hochzeit, Oper (UA Prag 1907) <> Durchs Fenster, Oper in 1 Akt (UA Karlsruhe 1908) – Textbuch, s. l.: s. n.; D-B <> Sechs Lieder nach altdeutschen Texten (Mch.), Hildburghausen: Gadow & Sohn [1913]; D-B, D-Fh <> Bearbeitungen deutscher Volkslieder (Nrn. 106, 150, 472, 507) in: Volksliederbuch für gemischten Chor. Hrsg. auf Veranlassung S. M. des deutschen Kaisers Wilhelm II., Leipzig: Peters 1915 <> Passacaglia und Fuge (Orch.), Leipzig: Leuckart [1918]; D-B, D-F, D-Fh, D-LEm

Unter seinem Pseudonym I. O. Armand: Die Kunst des polyphonen Spiels (Kl.) op. 2, Frankfurt: Firnberg [1899]; D-B <> Kleine Schule der Geläufigkeit (Kl.) op. 3, ebd. [1897]; D-B <> Bunte Reihe. 6 mittelschwere Vortragsstücke (Kl.) op. 4, Leipzig: B&H [1897]; D-B <> Kleine Suite im alten Stil. Sieben Etüden (Kl.) op. 6, Frankfurt: Gustav Oehler jr. [1897]; D-B, D-F <> Zwei leichte Sonatinen (Kl. 4ms) op. 7, Leipzig: B&H [1891]; D-B, D-SPlb <> Zwölf leichte Etüden (Kl.) op. 8, ebd. [1890]; D-B <> Sechs leichte Stücke (Kl. 4ms) op. 9, ebd. [1890]; D-B, D-SPlb <> Vierzig kleine Klavierstücke für Anfänger op. 10, Frankfurt/M.: Firnberg [1890]; D-B, D-GI, GB-Lbl <> Sechs Kinderstücke (Kl., Vl.) op. 11, Leipzig: B&H [1885]; D-B, GB-Lbl <> Die Kunst des Unter- und Übersetzens in 180 Vorübungen für Tonleiter und Arpeggien (Kl.) op. 12, Frankfurt: Firnberg [1892]; D-B, D-F <> Miniaturen. Vier Phantasiestücke (Kl., Vl.) op. 13; Leipzig: B&H [1892]; D-B <> Albumblätter. Fünf melodische Vortragsstücke mittlerer Schwierigkeit (Kl.) op. 14, Frankfurt: Firnberg [1892]; D-B <> 42 Kinder-Etüden. Progressive Studien für Anfänger im Klavierspiel op. 15, ebd. [1902]; D-B, D-F <> Aus Nord und Süd. Acht Vortragsstücke von mittlerer Schwierigkeit (Kl.) op. 16, ebd. [1902]; D-B, D-SPlb <> Die Schule des Tonleiter- und Apeggienspieles (Kl.) op. 17, ebd. [1902]; D-B, D-F <> Zwanzig leichte und fortschreitende Etuden zur Ausbildung des Unter- und Übersetzens (Kl.) op. 19, ebd. [1904]; D-B <> Zehn Phantasiestücke (Kl. 4ms) op. 20, Leipzig: B&H [1905]; D-B <> Drei Liedersonatinen mit Benutzung deutscher Volksweisen (Kl.) op. 21; Frankfurt: Firnberg [1906]; D-B, D-F, D-SPlb <> Fünf Fantasiestücke (Kl.) op. 22, Offenbach: André [1910]; D-B <> Klassisches Jugendalbum. 20 Original-Klavierstücke von W. Fr. Bach, Beethoven, Händel, Haydn, Mozart und Franz Schubert, ebd. [1902]; D-OF <> Exercises préparatoires […] aus [Aloys →Schmitts] Op. 16 mit einer Anleitung zum Studium versehene und durch Parallel-Übungen vermehrte Ausgabe, Frankfurt: Firnberg [1896]; D-B

Schriften (Fundorte in Auswahl): Peter Iljitsch Tschaikowski, Berlin: Harmonie 1900 (Berühmte Musiker 11); D-B, D-DS, D-F, D-LEm, D-Mbs, D-MZmi, D-WIl <> Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Frankfurter Museumsgesellschaft 1808 bis 1908, Frankfurt/M.: Osterrieth 1908; D-B, D-DSsa, D-F, D-Mbs, D-MZs <> Lehrbuch der Fugenkomposition, Leipzig: B&H 1911; D-B, D-Fh, D-MZs, D-WIl – Ergänzung: Die Fugen des Wohltemperierten Klaviers in bildlicher Darstellung, ebd. 1912; D-B, D-DS, D-F, D-MGu, D-Mbs (2. Aufl.) digital, D-MZs (2. Aufl.), D-WIl <> Karl Reisert †, in: Jahresbericht des Hoch’schen Konservatoriums 1911/12 <> Aufgaben für den Unterricht in der Harmonielehre für die Schüler des Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt/M., Leipzig: B&H 1903; D-MGu, D-MZs, D-WIl, D-WO – 2. Aufl., ebd. 1913; D-B, D-Fh, D-MZu – 4. u. 5. Aufl. ebd. 1921; D-F – 6. Aufl. ebd. 1926; D-B – 8. Aufl. ebd. 1931; D-FUp <> Stellvertretende Akkorde, in: Jahresbericht des Hoch’schen Konservatoriums 1914/15 <> Erläuterungen von Werken Brahms’ und Tschaikowskis als Nrn. 3, 5, 16, 17, 23, 57, 73, 86, 142, 143 von: Der Musikführer. Gemeinverständliche Erläuterungen hervorragender Werke aus dem Gebiete der Instrumental- und Vokalmusik, red. von August Morin, Frankfurt: H. Bechhold 1894–1897; D-B – solche auch in: Meisterführer. Einführungen in das Schaffen einzelner Tonmeister, Berlin: Schlesinger 1908; D-B

Quellen — MMB <> Standesamtsregister Frankfurt <> Sammlung Personengeschichte in D-Fsa <> Briefe, s. Kalliope <> Clara Schumann im Briefwechsel mit Iwan Knorr 1885 bis 1893, hrsg. von Annegret Rosenmüller, in: Schumann Briefedition Serie II, Bd. 16,2, Köln 2020, S. 681–684 <> Prüfungsprotokolle des Leipziger Konservatoriums (A, II.1/3 „Privat-Prüfungen betreffend Ostern 1863 – Michaelis 1876“ in D-LEmh) <> Acta betreffend: Gutachten über die Ertheilung a. des Professortitels, b. von Orden und sonstigen Decorationen; D-Bda (Best. Preußische Akademie der Künste Berlin, Akte 401) <> Adressbücher Frankfurt <> Jahresberichte des Hoch’schen Konservatoriums <> Moritz Bauer, Iwan Knorr. Ein Gedenkblatt, Frankfurt/M. 1916 <> NN, Prof. Jwan Knorr, in: Frankfurter Musik- und Theater-Zeitung 15. März 1908 <> Bernhard Sekles, Iwan Knorr † Ein Nachruf., in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 25. Jan. 1916 (Abendblatt) <> Kleine Presse (Frankfurt) 24. Jan. 1916 (Iwan Knorr gestorben), 26. Jan. 1916 (Die Trauerfeier für Iwan Knorr), 28. Jan. 1916 (Gedenkfeier für Iwan Knorr); Frankfurter Zeitung und Handelsblatt 28. Febr. 1916 (Morgenblatt; Frankfurter Gedenkfeier für Iwan Knorr); Signale für die musikalische Welt 26. Jan. 1916

Literatur und Referenzwerke — Max Kalbeck, Johannes Brahms, Bd. 3, Berlin 21913, S. 150–152 <> Art. Knorr, Iwan Otto Armand, in: Hermann A. L. Degener (Hrsg.), Wer ist’s? Unsere Zeitgenossen, 81922 <> Art. Knorr, Iwan, in: RiemannL 111929 <> Henrike Hartmann, Art. Knorr, Iwan Otto Armand in MGG1 <> Cahn 1979 <> Schaefer 1981 <> Peter Cahn, Eine Schach-Fuge von Iwan Knorr, in: Mitteleilungen der Hans Pfitzner-Gesellschaft, Heft 44 (1982), S. 41–45 <> StiegerO <> KlötzerFB <> Peter Cahn und Ludwig Holtmeier, Art. Knorr, Iwan (Otto Armand), Pseudonym I. O. Armand in MGG2P

Abbildung 1: Iwan Knorr, Fotografie (Digitalisat aus D-F, Porträtsammlung Manskopf)

Abbildung 2: Sechs kleine Stücke op. 2, Titel; D-BUDbierwisch

Abbildung 3: „Liebhaberaufnahme von Prof. Knorr im Garten der Frau Greeff-Andriessen“, in: Frankfurter Musik- und Theater-Zeitung 15. März 1908


Martin Bierwisch | Kristina Krämer

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  • Zuletzt geändert: 2022/06/18 16:00
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