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HILDEGARD VON BINGEN * vermutl. auf Gut Bermersheim/Alzey 1098 | † Kloster Rupertsberg/Bingen am Rhein 17. Sept. 1179; Schriftstellerin, Dichterin, Komponistin

Hildegard von Bingen war benediktinische Nonne, die mit Schriften theologischen, mystischen, natur- und heilkundlichen Inhalts, als Korrespondentin politischer und geistiger Größen der Zeit, als Predigerin sowie als Dichterin und Komponistin hervorgetreten ist. Als zehntes Kind der begüterten Eltern Hildebert und Mechthild von Bermersheim aus einem altadeligen fränkischen Geschlecht, wurde sie im Alter von acht Jahren zur geistlichen Erziehung in fremde Obhut gegeben und kam mit der sechs Jahre älteren Grafentochter Jutta von Sponheim in die Frauenklausur des neu eingerichteten Benediktinerklosters auf dem abgelegenen Disibodenberg am Glan in der Nähe von Bad Kreuznach. Sie legte 1112 vor Bischof Otto von Bamberg, der den zuständigen Mainzer Erzbischof vertrat, die monastischen Gelübde ab und nahm den Ordensschleier. 1136 wurde sie als Nachfolgerin ihrer Lehrmeisterin Jutta zur Magistra des inzwischen entstandenen Frauenkonvents gewählt. Hildegard hatte seit ihrer Kindheit Visionen, die sie später mit Hilfe des Mönchs und gebildeten Mentors Volmar in ihrem ersten Buch Scivias und danach in zwei weiteren Büchern, dem Liber vite meritorum und dem Liber divinorum operum zur Niederschrift bringen ließ. Eine ihrer frühen Visionen verhieß ihr eine neue Bestimmung, die einer radikalen Selbstbefreiung und Öffnung für die Welt gleichkommen sollte, und zeigte ihr die Stätte ihres zukünftigen Wirkens, das an der Mündung der Nahe in den Rhein bei Bingen gelegene Kloster Rupertsberg. Hildegard ließ für die wachsende Frauengemeinschaft das leerstehende Gebäude herrichten und zog 1150 trotz des Widerstandes des Disibodenberger Abtes zunächst mit etwa 20 anderen adligen Nonnen ein. Das Kloster wurde 1151 oder 1152 vom Mainzer Erzbischof geweiht, dem es direkt unterstellt war, und Kaiser Friedrich Barbarossa sicherte ihm 1163 den Schutz der Besitzrechte und Befreiung von Abgaben zu. Hildegard gründete 1165 zusätzlich das Filialkloster in Eibingen oberhalb von Rüdesheim; bis zu ihrem Tod war sie Vorsteherin beider Klöster.

Von Jugend an begeisterte Hildegard sich für Musik in Form des Singens, das für sie als lautlicher und klanglicher Vollzug des Verbum Dei zum vollen Begreifen des Gottesworts unabdingbar war. Singen war fester Bestandteil des klösterlichen Alltags wie Gebet und Arbeit. Während sie keinerlei Unterricht in Notenschrift und in der Ars musica, also in der Musiktheorie, erfahren haben will, bestätigt die unmittelbar nach Hildegards Tod vom Echternacher Mönch Theoderich, unter Verwendung bereits vorliegender Aufzeichnungen, zusammengestellte Vita sanctae Hildegardis, dass zu ihrer frühesten Erziehung die Unterweisung in der monastischen Liturgie und das Singen der Psalmen gehörten. Als Inklusin war sie auf dem Disibodenberg in ihrer Zelle zwar weithin gegen die Außenwelt wie auch gegen den Mönchsbereich des Klosters abgeschirmt, doch konnte sie durch das Gitterfenster der Klause den nach der Regel des Hl. Benedikts gegliederten liturgischen Tagesablauf der Wochen- und Festtage mit den Stundengebeten und den Messen sehend und hörend verfolgen. Der realen Omnipräsenz des gottesdienstlichen Singens korrespondiert die Allgegenwart der Musik in Hildegards Vorstellungen und in ihrer Traumwelt. In den Visionen vernahm sie die „symphonia armonie celestium revelationum“ (Liber vite meritorum), also den Wohlklang der Harmonie himmlischer Offenbarungen, der von den Menschen im Hören und Singen nacherlebt werden kann. Die aus der Antike stammende und von den Kirchenvätern ins frühe Mittelalter getragene Idee der göttlichen ‚musica coelestis’ und der kosmischen ‚musica mundana’, die in Leib und Seele des Menschen als ‚musica humana’ weiterwirkt und mit Singstimme und Klangwerkzeugen als ‚musica instrumentalis’ zum Klingen gebracht wird, kehrt bei Hildegard wieder, gewendet in die Sprache und das Weltbild des Christentums. Ihr Musikdenken ist durch und durch theologisch geprägt, und umgekehrt ist ihre ganze Theologie von musikalischer Symbolik und Metaphorik durchdrungen und ihr geistliches Wirken von realem Klang erfüllt. Das freudige Singen und das ihm vorausgehende Komponieren waren Ausfluss ihres für die damalige Zeit neuen, menschenbezogenen Gottesbildes und optimistischen, auch den Sinnen ihr Recht gebenden Weltverständnisses.

Werke (Auswahl der musikalischen) — Ihre Gesänge hat Hildegard mit ihren Nonnen im Gottesdienst öffentlich angestimmt und auch notenschriftlich fixieren lassen. Die Musik ist in zwei Pergamenthandschriften überliefert, die neben Schriften oder Briefen Hildegards auch die neumierten Gesänge enthalten: Im Codex Ms. Cod. 9 (B-DEa digital; entstanden spätestens als Geschenk für die befreundeten Zisterzienser von Villers/Brabant) und in dem so genannten Rupertsberger Riesenkodex Hs. 2 (D-WIl digital; entstanden zwischen 1177 und 1180, musikalischer Teil vor 1179). Wie bei den reinen Worttexten handelt es sich bei den Neumierungen um Abschriften früherer Aufzeichnungen. Im Zuge des Nachsingens, Aufschreibens und Redigierens können sich Veränderungen der ursprünglichen Gestalt der Gesänge eingestellt haben. Erhalten sind insgesamt 77 Einzelgesänge sowie das geistliche Spiel Ordo virtutum aus über 80 weiteren Gesängen, notiert in einer damals fortschrittlichen diastematischen Neumenschrift auf einem Vierliniensystem mit gelb (do = C) und rot (fa = F) markierter Linie. Bei den Einzelgesängen handelt es sich vor allem um Antiphonen und Responsorien sowie einige Hymnen und Sequenzen, die für die feierliche Gestaltung des Stundengebets, ausnahmsweise auch der Messe an Festen des Kirchenjahres und zur solistischen oder chorischen Aufführung wohl nur innerhalb von Hildegards Klostergemeinschaft oder befreundeter Konvente bestimmt waren. Ihre bilderreiche Lyrik gilt dem Lobpreis der göttlichen Trinität, der Mutter Gottes, der Engel, den Propheten und Apostel, den Jungfrauen, der Heiligen Ursula und anderen Heiligen, darunter die lokalen Schutzpatrone Disibodo und Rupert. Im eigenwilligen Melodiestil unterscheiden sich Hildegards „Lieder“ auffallend vom anonymen Gregorianischen Choral und von den einstimmigen Gesängen anderer bekannter Komponisten jener Zeit. Unhörbar und einzigartig ist das Bestreben, die Syntax des an sich schon emotional und gestisch geladenen Textes klanglich umzusetzen, ihn affektiv zu steigern und die Schlüsselwörter rhetorisch hervorzuheben.

QuellenH. v. B.: Briefwechsel, übers. und erläutert von Adelgundis Führkötter, Salzburg 1965 <> H. v. B.: Lieder, hrsg. von Pudentiana Barth, M. Immaculata Ritscher und Joseph Schmidt-Görg, Salzburg 1969, 21992 <> Vitae Sanctae Hildegardis. Leben der heiligen H. v. B. (= Fontes Christiani 29), lat.-dt., hrsg. von Monika Klaes, Freiburg i. Br. 1998 <> H. v. B.: Symphonia. Gedichte und Gesänge, lat.-dt., hrsg. von Walter Berschin und Heinrich Schipperges, Darmstadt 2004 <> H. v. B.: Werke, Bd. 4: Lieder. Symphoniae, hrsg. von der Abtei St. Hildegard/Eibingen, Beuron 2012

Literatur — Wolfgang Scherer, H. v. B. Musik und Minnemystik, Freiburg 1987 <> Heinrich Schipperges, H. v. B., München 1995, (52005) <> Ausstellungskatalog H. v. B. (1098–1179), hrsg. von Hans-Jürgen Kotzur, bearb. von Winfried Wilhelmy und Ines Koring, Mainz 1998 <> Michaela Diers, H. v. B., München 1998, (22005) <> Ian D. Bent/Marianne Pfau, Art. H. o. B., in: NGroveD <> Michael McGrade, Art. H. v. B., in: MGG2P <> Barbara Stühlmeyer, Die Gesänge der H. v. B., Hildesheim 2003 <> Stefan J. Morent und Marianne Richert Pfau, H. v. B. Der Klang des Himmels, Köln 2005 <> Beverly R. Lomer, Music, rhetoric and the creation of feminist conscoiusness in the Marian songs of H. o. B. (1098–1179), Boca Raton 2006 <> Jennifer Bain, H. o. B. and musical reception: the modern revival of a medieval composer, Cambridge 2015 <> Honey Meconi, H. o. B., Urbana u. a. 2018 <> Michael C. Gardiner, H. v. B.’s Ordo virtutum: a musical and metaphysical analysis, Abingdon u. a. 2019

Abbildung: Hildegard und Vollmar, Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias (Wikimedia Commons)


Wolfgang Ruf

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  • Zuletzt geändert: 2021/11/01 12:36
  • von kk