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DE BÉRIOT, CHARLES-AUGUSTE * Löwen (Belgien) 20. Febr. 1802 | † Brüssel 8. Apr. 1870; Violinist, Komponist und Violinpädagoge

De Bériot, Spross einer belgischen Adelsfamilie, Schüler u. a. von Pierre Baillot und Giovanni Battista Viotti in Paris sowie seinerseits Lehrer von Henri →Vieuxtemps, war als Violinvirtuose europaweit bekannt, wobei seine Beziehung (und später Ehe) mit der Sängerin Maria Malibran (1808–1836) seine Popularität zusätzlich gesteigert hat. Während ausgedehnter Konzertreisen kam er im Sommer 1839 an der Seite von Sigismund Thalberg erstmals in die mittelrheinische Gegend (Wiesbaden, Mainz, Koblenz). Im August 1843 besuchte de Bériot, der seine Virtuosenkarriere inzwischen zugunsten einer Violinprofessur am Brüsseler Konservatorium aufgegeben hatte, mit seiner zweiten Frau Marie geb. Hueber (* Wien 17. Mai 1820 | † Paris 17. Aug. 1858) und deren Ziehvater Moriz von Dietrichstein Bad Ems; das Familientreffen rundete sich in Koblenz, als Dietrichsteins Ziehsohn Thalberg und dessen junge Ehefrau dazustießen (s. Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 16. Aug. 1843). Ob de Bériots Kuraufenthalt bereits durch gesundheitliche Probleme (Augenentzündungen und Asthma) veranlasst war, von denen er seit 1845 regelmäßig berichtet und die 1852 zur Aufgabe seiner Stelle am Brüsseler Konservatorium führten, ist unklar. Im August 1855 figuriert de Bériot erneut als Kurgast in den Emser Fremden-Listen. Im Winter 1855/56 unterzog er sich in Heidelberg einer Behandlung durch den Augenarzt Maximilian Joseph von Chelius, hatte aber kaum noch Hoffnung, seine Sehfähigkeit zu erhalten (Brief an Auguste Fontaine 19. Jan. 1856). Ungeachtet dessen setzte er unbeirrt seine kompositorische Tätigkeit fort (Brief an Nikolai Yussupov 22. Okt. 1855) und intensivierte den Kontakt zum Mainzer Verlag →Schott, mit dem er bereits seit über 30 Jahren Geschäftsbeziehungen pflegte (Brief an Franz Schott 16. Sept. 1853). Nachdem de Bériot 1856 während eines weiteren Kurbesuchs in Ems beschlossen hatte, sich dort „bleibend anzusiedeln“ (Bauantrag, 24. Aug. 1856) und nach eigenen Plänen für künftige Sommeraufenthalte „eine Villa bauen“ zu lassen (Süddeutsche Musik-Zeitung 3. Nov. 1856), wurden Franz und Betty Schott auch wichtige persönliche Ansprechpartner (u. a. bezüglich des Möbeltransports und der Auswahl eines Klaviers; vgl. den Brief an Betty Schott 28. Juni 1857).

Das große Haus im Schweizer Chaletstil auf der linken Lahnseite (heute Villenpromenade 6) war im Juli 1857 bezugsfertig; de Bériot schwärmte: „l’air est délicieux ici et l’on n’y souffre pas de la chaleur comme dans l’intérieur de la ville.“ (Brief an Betty Schott 17. Juli 1857). Als Erste nahmen neben de Bériot, seiner Frau und den beiden Söhnen (s. u.) nicht nur sein Sekretär Camille Giraudet sowie seine Schwester Constance-Maximilienne de Francquen mit Familie Logis, sondern auch ein illustrer Kreis kulturell ambitionierter Gäste, darunter der Pariser Violoncellist Hippolyte Prosper Seligmann, der schwerreiche Graf Grigorii A. Koucheleff aus St. Petersburg und die musikaffine Kaufmannsfamilie Enthoven aus Den Haag. De Bériot, der nacheinander seine beiden großen Brüsseler Wohnsitze in Ixelles bzw. Saint-Josse-ten-Noode zu Konzertstätten ausgestaltet hatte, scheint in seiner neuen Sommerresidenz zunächst eine vergleichbare musikalische Betriebsamkeit an den Tag gelegt zu haben und fügte sich damit in den Emser Dreiklang aus „la source minérale, la promenade, la fête“ (Méry, S. 6). Für eine „Festlichkeit zum Besten der Armen“ bündelte er die vorhandenen Kräfte: Seine Nichte Angélique de Francquen und Sofie Enthoven traten als Sängerinnen auf und Graf Koucheleff ließ sich auf der Zitra hören (Neue Wiener Musik-Zeitung); Joseph Méry, Librettist u. a. von Verdis Don Carlos, trug Gedichte vor, und abgerundet wurde die Veranstaltung mit einer großen Tombola (Brief an Franz Schott 10. Sept. 1857). Ob de Bériot noch öffentlich in Ems als Geiger auftrat, ist unklar – die Angabe von Hübner (s. Lit.), de Bériot habe im August 1857 im Kursaal ein eigenes Konzert aufgeführt, ist nicht richtig (tatsächlich spielte seine Schülerin Euphrosine Bordet; vgl. Emser Fremden-Liste 18. Aug. 1857); allerdings berichtet de Bériot (Brief an Franz Schott 14. Juli 1857), dass er im Juli mit Henri →Herz das Adagio aus seinen Trois Bouquets op. 101 gespielt habe.

Im darauffolgenden Jahr sah de Bériot wieder erwartungsvoll dem Aufenthalt in seinem Haus entgegen, „pour pouvoir aller respirer l’air d’Ems dont j’ai si grand besoin“ (Brief an Franz Schott 14. Juni 1858). Sein schlechter Gesundheitszustand und der plötzliche Tod seiner Frau im August 1858 verhinderten jedoch eine Reise an die Lahn. Erst im Sommer 1859 hielt sich de Bériot wieder in Ems auf und beherbergte neben dem Cellisten Seligmann weitere Musiker, die im Kursaal Konzerte gaben. Die Revue Musicale berichtet darüber hinaus von einem Treffen mit Henri Wieniawski, der mit dem Cellisten Alfredo Piatti nach einem gemeinsamen Auftritt in die Villa kam, um de Bériots kostbare Maggini-Violine auszuprobieren. In den Jahren 1860 bis 1862 fand de Bériot den Fremden-Listen zufolge nicht den Weg nach Ems, obwohl zumindest 1861 der Plan dazu bestanden hatte (vgl. den Brief von Giraudet an Schott 10. März 1861). Die Villa Bériot stand, wie auch in den Jahren zuvor, zahlreichen anderen Gästen, u. a. dem Petersburger Musikhändler Moritz Matthäus Bernard, zur Verfügung; 1861 und 1862 hielt sich das Ehepaar Giraudet fast über die gesamte Saison dort auf und bekam 1861 Gesellschaft von Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen mit Frau und jüngster Tochter. Im Sommer 1863 verbrachte de Bériot noch einmal mehrere Monate in Ems und ließ sich am 9. Juni im Kursaal beim Konzert seines ehemaligen Schülers Rudolph Gleichauf sehen (Süddeutsche Musik-Zeitung 6. Juli 1863). Vielleicht weil er seine Villa letztlich doch seltener genutzt hatte als ursprünglich geplant, verkaufte de Bériot sie nach der Saison 1863; die Abwicklung übernahm sein Sohn Charles-Wilfrid (* Paris 12. Febr. 1833 | † Seaux-du-Gâtinais (Frankreich) 22. Okt. 1914), der 1865 und 1868, hier möglicherweise in Begleitung des Vaters (vgl. eine wohl in Ems abgezeichnete Quittung vom 19. Aug. 1868, s. Kalliope), noch einmal als Pianist zu Konzerten in den Emser Kursaal zurückkehrte (Emser Fremden-Liste 29. Aug. 1865 bzw. 15. Aug. 1868). De Bériots letzte Lebensjahre waren von weiteren Schicksalsschlägen geprägt: 1865 verlor er seinen jüngeren Sohn François-Charles Constant (gen. Franz; * Saint-Josse-ten-Noode 1. Mai 1841 | † Paris 29. Okt. 1865), der Aussichten auf eine Karriere als Geiger gehabt hatte, und 1866, inzwischen erblindet, stellte sich eine Lähmung der linken Hand ein, die ihm das Violinspiel fortan unmöglich machte.

Während seiner Zeit als Professor am Brüsseler Konservatorium waren neben Rudolph Gleichauf auch Friedrich Wilhelm Stromeyer und Friedrich (II) Thomas de Bériots Schüler.

Werke — s. Vanhulst in MGG2P <> De Bériots Zusammenarbeit mit seinem Hauptverleger Schott intensivierte sich, auch nach Ausweis der Korrespondenz, im Zuge seiner Aufenthalte in Ems. Mit op. 99 (8. Violinkonzert, ersch. 1857) beginnt eine fast lückenlose Opusreihe, die bis op. 127 (10. Violinkonzert, ersch. im April 1870 wenige Tage nach dem Tod des Komponisten) reicht, wobei der Méthode de violon op. 102 (ersch. 1858) die größte Aufmerksamkeit beider Seiten zuteil wurde.

Quellen — KB Wien (Am Hof) <> Zivilstandsregister Elsene/Ixelles, Hainaut, Löwen, Brüssel, Saint-Josse-ten-Noode (alle Belgien) <> 120 Briefe (darunter mehr als 70 an Schott in Mainz) s. Kalliope; 4 Briefe (Sommer 1857) an Franz bzw. Betty Schott in D-MZsa; Familienbriefe in B-Bc (Auszüge bei van den Borren sowie Vanhulst 2007; s. Lit.) <> Marc Tollet, Catalogue des lettres de Charles de Bériot, in: Revue belge de musicologie 43, 1989, S. 211–224 (mit Regesten) <> Akte Bauantrag Ems StA Bad Ems 2/84 1856 <> Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung 31. Juli 1839, 15. Aug. 1839, 18. Aug. 1839; 16. Aug. 1843; Didaskalia 23. Aug. 1839; AmZ 25. Sept. 1839; Morgenblatt für gebildete Leser 3. Sept. 1840, 20. Okt. 1840 (Klatsch zur zweiten Eheschließung und Richtigstellung); Revue Musicale 30. Juli 1843, 30. Okt. 1859; Allgemeine Theaterzeitung 16. Aug. 1843; Liste der Kurgäste und Durchreisenden zu Ems, Schwalbach, Schlangenbad und Weilbach 1843; Emser Fremden-Liste 1855–1868; Süddeutsche Musik-Zeitung 3. Nov. 1856, 6. Juli 1863, 14. Dez. 1863; Neue Wiener Musik-Zeitung 10. Sept. 1857; Niederrheinische Musik-Zeitung 10. Okt. 1857; L’Indépendance belge 13. Apr. 1870, 18. Apr. 1870 (Nekrolog) <> Artistes belge. De Bériot, in: Le Guide musical 14. Apr. 1870, S. [1]–[3] <> Joseph Méry, Ems et les bords du Rhin, Paris 1858 <> Kat. Schott 1900

Referenzwerke und LiteraturBériot, in: Annuaire de la noblesse de Belgique 1873, S. 35–38 (Familiengenealogie) <> Peth 1879 <> H[ippolyte] Fiérens-Gevaert, La Malibran à Bruxelles, in: Le Magasin pittoresque 15. Juni 1901, S. 358–362 (zum Pavillon Malibran in Ixelles) <> Charles van den Borren, Art. Bériot, in: Biographie nationale […] de Belgique, Bd. 39, Brüssel 1956, Sp. 274–297 <> Dieter Weithoener, Bad Ems. Stadt mit Gesicht, Bad Ems 1987, S. 263–265 (zur Villa Bériot) <> Rolf Hübner, Charles Auguste de Beriot, Giacomo Meyerbeer, Carl Maria von Weber und Max von Schenkendorf zur Kur in Bad Ems, Bad Ems 1987, S. 3–7 (mit teils irrigen Angaben) <> Henri Vanhulst, Art. Bériot in: MGG2P <> Henri Vanhulst, Les concerts au domicile bruxellois de Charles de Bériot (1842–1849): de l’intimité du salon au Cercle des Arts, in: Jean Gribenski, Véronique Meyer, Solange Vernois (Hrsg.), La maison de l’artiste. Construction d’un espace de représentations entre réalité et imaginaire (XVIIe–XXe siècle), Rennes 2007, S. 185–192 <> Baur 2008

Abbildung 1: Villa Bériot in Bad Ems, aufgenommen von Gudula Schütz im August 2020

Abbildung 2: Zeichnung von Herrn Beriot aus Paris über ein neu zu erbauendes Landhaus zu Bad Ems (Ausschnitt), StA Bad Ems 2/84 1856

Abbildung 3: Gedenktafel in der Römerstraße vor dem Emser Kursaalgebäude, aufgenommen von Gudula Schütz im August 2020


Gudula Schütz

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